Sonntag, 13. Juli 2014

23 Schritte zum Abgrund (1956)

Falls gerade kein Hitchcock zur Hand ist, kann man sich die Zeit mit Henry Hathaways 23 SCHRITTE ZUM ABGRUND (23 Paces to Baker Street) die Zeit sehr nett vertreiben. Obwohl aufwändig produziert und hervorragend gespielt, ist dieser klassische Thriller irgendwie in den Jahren untergegangen und heute nur schwer erhältlich.

Van Johnson spielt einen kürzlich erblindeten amerikanischen Kriminalschriftsteller, der in London sein letztes Stück überarbeitet und zufällig in einem Pub das Gespräch zweier Fremder belauscht, die offenbar ein Verbrechen planen. Die Polizei schreibt das Ganze der Fantasie des Autors zu, also macht sich Johnson - gemeinsam mit seinem Butler (Cecil Parker) und seiner Sekretärin (Vera Miles) selbst auf die Suche nach den beiden Unbekannten und kommt einem Kidnapping auf die Spur...

Eine Hauptfigur mit Körperbehinderung, uninteressierte Gesetzeshüter, vage Hinweise auf ein Verbrechen, das ständig nebelverhangene London und die schlussendliche Konfrontation mit dem Täter, gegen den der 'schwache' Held selbst antreten und um sein Leben kämpfen muss, das hat Hitchcock zwei Jahre vor diesem Film in "Das Fenster zum Hof" (1954) bereits meisterhaft umgesetzt. So liegt der Vergleich natürlich mehr als nah, zumal sich mit Vera Miles in der weiblichen Hauptrolle auch noch eine Schauspielerin an Bord befindet, die man eng mit Hitchcock assoziiert (sie sollte ursprünglich die Kim Novak-Rolle in "Vertigo" spielen und wirkte später sowohl in "Psycho" als auch in der TV-Serie "Alfred Hitchcock Presents" mit). Auch Nebendarsteller Cecil Parker ist ein alter Hitchcock-Bekannter aus Filmen wie "Eine Dame verschwindet" (1939) und "Sklavin des Herzens" (1949).

Im direkten Vergleich schneidet 23 SCHRITTE ZUM ABGRUND schlechter ab, da ihm über weite Strecke das Tempo fehlt, die Kamera trotz exzellenter Ausleuchtung immer statisch bleibt und nie ein Eigenleben entwickelt, und weil Vera Miles mit einer im Grunde langweiligen Rolle gestraft ist, in der sie nie aktiv werden kann, anders als Grace Kelly im Vorbild. Und da, wo Hitchcock immer auch eine Komödie nebenher erzählt, bleibt dieser Krimi bierernst bis zum Schluss.

Das heißt aber nicht, dass Hathaways Film keine Stärken hat. Sehenswert ist vor allem Van Johnson in der Rolle als blinder Schriftsteller, der verbittert und schlecht gelaunt die Menschen um ihn herum vor den Kopf stößt und in seiner Darstellung nie um Mitleid buhlt. Ebenso wie er bleibt der Film insgesamt angenehm unsentimental. Vera Miles, die leider nie zu verdientem Starruhm kam, spielt ihre nichtssagende Rolle (Sie steht oder sitzt immer nur hübsch neben ihrem Co-Star) mit Liebenswürdigkeit und Würde, es macht immer Spaß, ihr zuzuschauen. Gegen Ende bekommt sie einen Wutanfall, als Johnson - um ihr Leben nicht aufs Spiel zu setzen - sie kalt abserviert, und diesen spielt sie mit Bravour. Die Geschichte ist dazu clever gebaut, und obwohl man als Zuschauer bis zum Schluss nie wirklich in das große Geheimnis, das Van Johnson entdecken muss, eingeweiht wird (noch ein großer Unterschied zu Hitchcock), bleibt man doch dicht an ihm dran.

Henry Hathaway gelingen außerdem zwei große Suspense-Highlights, wenn Van Johnson von einem Killer nachts in ein Abrißgebäude gelockt wird, wo er fast in den gähnenden Abgrund stürzt, und wenn er am Ende in seinem Apartment gegen den Oberbösewicht antreten muss. Um die Chancengleichheit zu wahren, zerstört er sämtliche Glühbirnen in seiner Wohnung. Diesen Dreh hat Frederick Knott in seinem kurz später entstandenen Theaterstück "Wait Until Dark" erfolgreich kopiert, und Regisseur Terence Young hat daraus in seiner Verfilmung mit Audrey Hepburn einen unvergesslich spannenden Kinomoment geschaffen. Hier ist das Finale nicht ganz so packend wie bei Young, aber Hathaway kann zumindest sagen, dass er es als Erster inszeniert hat.

23 SCHRITTE ZUM ABGRUND hatte bemerkenswerten Einfluss auf den italienischen Giallo, und man fühlt sich während des Films ständig an Argento, Bava und die weniger talentierten Kollegen erinnert. Besonders Argentos "Das Geheimnis der schwarzen  Handschuhe" (1970) kommt einem in den Sinn, mit dem Schriftsteller, der zum Detektiv mutiert, Mordanschlägen bei Nebel, Killern in schwarzen Mäntel und Hüten, sowie dem wichtigen Detail, das zu Beginn falsch interpretiert wird und dem Hauptdarsteller keine Ruhe lässt - hier ist es ein Parfüm, das vielleicht oder auch nicht dem Täter gehört.

Henry Hathaways Thriller spielt zwar nicht in der obersten Liga, aber für spannende, gut gespielte und sorgfältig produzierte 90 Minuten ist er eine gute Wahl. Wäre schön, wenn sich ein DVD-Label des Films annehmen würde.

08/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...