Montag, 30. Juni 2014

Hügel der blutigen Augen (1977)

"They wanted to see something different - but something different saw them first!"

Mit dieser genialen Tagline wurde HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN (The Hills Have Eyes) beworben, den Regisseur Wes Craven nach seinem berühmt-berüchtigten Erstling "The Last House on the Left" (1972) inszenierte, mit etwas mehr Geld, aber insgesamt deutlich professioneller. HDBA wurde ein bescheidener Hit an den Kinokassen und entwickelte sich schnell zum Kultfilm. heute genießt er in Fankreisen großes Ansehen. Ich habe etwas gebraucht, um mit dem Film warm zu werden und bin erst über verschiedene Anläufe dazu gekommen, seine Qualitäten wirklich zu erkennen. Tatsächlich handelt es sich hier um einen der besten, angsteinflößendsten und verstörendsten Horrorfilme  der 70er, einen Vertreter des 'Savage Cinema', das durch Sam Peckinpah, Tobe Hoopers "Blutgericht in Texas" (1974) und John Boormans "Beim Sterben ist jeder der Erste" (1972) begründet wurde.

HDBA erzählt von einer Mittelklassefamilie, die mit dem Wohnwagen durch die amerikanische Wüste fährt und sich dabei verirrt. Allein auf sich gestellt und der brennenden Sonne ausgesetzt, stoßen sie bald auf eine degenerierte Familie, die in den Hügeln jenseits ihres unfreiwilligen Campingortes lebt und Durchreisende verspeist. Das erste Opfer wird der Schäferhund der Familie, und kurz darauf richten die Kannibalen ein regelrechtes Massaker an. Die gepeinigten Urlauber schlagen aber gandenlos zurück und erweisen ich als ebenso brutal wie ihre Angreifer...

HDBA ist ein Film der Gegensätze. Die beiden Hunde der Familie heißen 'Beauty' und 'Beast', wobei die Schönheit zuerst dran glauben muss und die Bestie übrig bleibt - was den Film wunderbar auf den Punkt bringt. Auf der einen Seite steht die zwar zerstrittene, aber noch funktionstüchtige Familie aus der Zivilisation, die zum Mittagessen Papierservietten in der Einöde auflegt und ihren gesamten Hausstand mit dabei hat, auf der anderen Seite lauern die 'Wilden', die Touristen lediglich als Nahrung betrachten, die schlechte Zähne und keine Manieren haben, und die alle Konflikte über Gewalt lösen. Sie sind die 'nukleare' Familie, entstanden als Kollateralschaden von Atomtests - eine Tatsache, die in der alten deutschen Kinosynchronfassung mal eben komplett verfälscht wurde. Dort sind sie Außerirdische, die irgendwann in der Wüste gelandet sind und sich seitdem dort herumtreiben. Man fragt sich, was die Gründe für eine solche Entstellung des Films gewesen sind, offenbar fand man hierzulande Cravens zynische Beschreibung des 'Gotteslandes' als durch Menschenhand verseuchten Ort zu kontrovers oder zu albern (Außerirdische sind natürlich viel weniger albern).

In seiner zweiten Regiearbeit beweist Craven, der ein kluger, studierter Mann ist (was nicht zwangsläufig bedeutet, dass seine Filme alle gut sind - nach meiner persönlichen Ansicht würde ich das Verhältnis gut zu schlecht auf 50:50 schätzen), dass er sein Publikum wirklich erschrecken kann. Filmische Regeln und Verabredungen mit dem Zuschauer gibt es hier nicht mehr. Zwei Mütter werden erschossen, ein Baby wird gewaltsam entführt und soll den Hügelbewohnern als Festtagsbraten dienen, ein Hund wird ausgeweidet, eine Tote wird als Köder benutzt, um die Gegenseite anzulocken, und die netten Amerikaner verwandeln sich unter der Bedrohung in ebenso blutrünstige Bestien wie ihre Angreifer. Wenn alle Fassaden der Zivilisation bröckeln, kommen die Bestien zum Vorschein. Die Urlauber vertrauen ganz auf die Technik, die sie als erstes im Stich lässt, sie haben keine Ahnung, wo sie sich befinden oder wie sie sich helfen sollen, sie machen einen Ausflug ins Nirgendwo und wundern sich dann, dass ihre Regeln dort nicht mehr gelten. Dass ihr Hund vor einiger Zeit mal einen Pudel totgebissen hat, verstehen sie als Spaß, aber jetzt werden sie erfahren, was es heißt, Teil einer Nahrungskette zu sein und dort nicht unbedingt an der Spitze zu stehen.

HDBA ist hart und brutal, aber nie zum Selbstzweck. Das Massaker, das die Hügelbewohner anrichten, ist ein intensives Filmerlebnis (verstärkt durch das endlose Gekreische von Hauptdarstellerin Susan Lanier, das - im positiven Sinn - wirklich an den Nerven zerrt), aber Craven konzentriert sich ebenso ausführlich auf die Trauer und den Verlust, der die Reisenden um den Verstand bringt. Die Schauspieler leisten dabei - insbesondere für einen solchen Low Budget-Film - hervorragende Arbeit, insbesondere Robert Houston als sensibler Familiensohn, der Vater, Mutter, Schwester und den geliebten Hund verliert, sowie Dee Wallace (späterer Horror-Star aus "The Howling" und "Cujo", sowie unvergessen als nette Mama in Spielbergs "E.T.").
Die Familiendynamik ist in jeder Minute glaubhaft und authentisch, und das Ungeheuerliche, was diesen Menschen zustößt, ist nicht wegen der (eher zurückgenommenen) Splatterelemente so schockierend, sondern wegen der emotionalen Kraft.

Umso befreiender ist dann die Rache der Gequälten - bis Craven das Publikum sanft darauf hinweist, dass man Gut von Böse längst nicht mehr unterscheiden kann. Was hier in der Wüste stattfindet, ist nicht nur ein Privatkrieg, sondern auch ein Klassen- und Bildungskampf. Darüber hinaus verweist Craven deutlich auf den klassischen US-Western - erinnert doch der Campingwagen stark an den Siedler-Planwagen, der dort gern von Indianern angegriffen wird.

HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN ist grimmiges, rohes und schonungsloses Kino der 70er, das heute - obwohl äußerlich leicht angestaubt - immer noch packen kann. Cravens Film war nicht nur erfolgreich, sondern hat auch andere Filmemacher stark beeinflusst. Nicht umsonst hängt in der Teufels-Hütte in Sam Raimis "Evil Dead" (1981) ein Poster des Films. Craven selbst inszenierte 1984 eine leider völlig misslungene Fortsetzung unter dem Titel "Im Todestal der Wölfe" (The Hills Have Eyes 2"), die lediglich wegen der nicht enden wollenden Rückblenden zu Teil 1 in Erinnerung bleibt (sogar der Schäferhund bekommt dort eine Rückblende!).
Der Franzose Alexandre Aja drehte im Jahr 2006 das obligatorische Remake, das dem Original beinahe Szene für Szene folgt, das Gewaltlevel aber ordentlich in die Höhe schraubt, während das kurz später nachgeschobene Sequel "The Hills Have Eyes 2" (2007) ebenso furchtbar geraten ist wie Cravens eigene Fortsetzung.

Ich bin froh, dass ich nach mehrmaligen Anläufen endlich Zugang zu diesem modernen Klassiker gefunden habe, der so viel mehr ist als billiges Exploitation-Kino. Außerdem liebe ich Filme, in denen Schäferhunde den Tag retten und den 'Bösen' ordentlich in den Hintern treten. Go, 'Beast!

09/10


Kommentare:

  1. Der kahlrasierte Schädel von Michael Berryman auf dem Poster macht Appetit auf mehr...

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  2. Den hätte ich wohl noch erwähnen sollen, er ist natürlich maßgeblich mitverantwortlich, dass der Film zum Kult wurde. Das Gesicht (bzw. den Kopf) vergisst man nicht so schnell. Gruß!

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