Donnerstag, 19. Juni 2014

Ein Mann sieht rot (1974)

EIN MANN SIEHT ROT (Death Wish), der jüngst in hervorragender Qualität auf Blu-Ray veröffentlicht wurde, ist ein moderner Klassiker des Selbstjustiz-Thrillers, war im Erscheinungsjahr enorm populär, hat mehrere Sequels und Nachahmer angestoßen und Charles Bronson zum Pin-Up aller Rächer der Enterbten gemacht. Als schweigsamer Vergelter und Säuberer der Großstadt hinterlässt Bronson in der Tat einen so nachhaltigen Eindruck, dass es auch heute nicht schwerfällt, den Erfolg des Films nachzuvollziehen. Darüber hinaus lässt sich Michael Winners Thriller immer noch gut anschauen und bietet trotz seiner (bewusst) problematischen Aussagen spannende und rasante Unterhaltung.

Bronson spielt hier den Architekten Kersey, dessen Frau und Tochter während seiner Abwesenheit von drei Straßenräubern (darunter unsere Lieblingsfliege Jeff Goldblum) überfallen, verprügelt und vergewaltigt werden. Kerseys Ehefrau stirbt an den Verletzungen, seine Tochter landet katatonisch in der Psychiatrie. Kersey, ansonsten ein friedliebender Zeitgenosse, wird durch die Unfähigkeit der Polizei und das Desinteresse seiner Umwelt dazu getrieben, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er greift zum Revolver und geht nachts auf Streifzüge durch New York, wo er Kleinkriminelle kaltblütig abknallt und die Straßen vom 'Abschaum' befreit. Die Bevölkerung sieht ihn schon als Helden und bringt damit Polizei und Politik in Bedrängnis...

Selbstjustiz-Filme sind immer dann am besten, wenn sie konsequent vorgehen und nicht auf Political Correctness achten (siehe "Die Fremde in dir", wo das Konzept in die Hose geht). Michael Winner, der stets ein ausgezeichneter Handwerker und unterschätzter Regisseur war, verzichtet in seinem Werk auf jede tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem sensiblen Thema und serviert stattdessen eine Rächergeschichte, bei der Bronson als einsamer, stiller Held eine Law & Order-Mentalität auslebt, die unsere dunkelsten Seiten anspricht.

Selbstverständlich rief der Film - ebenso wie kurz zuvor Siegels/Eastwoods "Dirty Harry" - alle Kritiker auf den Plan, die ihn wutschäumend als reaktionären Dreck betitelten, was zu erwarten war. Tatsächlich gibt es im gesamten Film keine Figur, die gegen Bronsons Vorgehen das Wort ergreifen oder zumindest die problematische Kehrseite der Selbstjustiz mal ernsthaft diskutieren würde. Da EIN MANN SIEHT ROT auch kein Psychogramm sein will, wird man auch nie schlau aus Bronsons Gemütszustand. Offenbar gehen die Morde spurlos an ihm vorbei, ja, sie scheinen ihm sogar Freude zu bereiten. Das Schlussbild, in dem Bronson in neuer Umgebung erneut die üblen Subjekte der Gesellschaft lächelnd aufs Korn nimmt, bleibt ein ebensolches Fragezeichen. Ist er nun völlig durchgeknallt und psychopathisch, oder zwinkert er nur dem Publikum zu und sagt: "Zu euch komme ich später"? Da Michael Winner alle Fragen offen lässt, macht er sich natürlich angreifbar, kann sich aber auch jederzeit damit verteidigen, dass er niemals offen Selbstjustiz propagiert, ein sehr geschickter Dreh. 

Eines ist jedenfalls klar, dumm ist Winners Film nie (anders als Nachfolger wie "Eine Frau sieht rot", der an Dummheit schwer zu überbieten ist), er stellt sich nur gelegentlich dumm. Der interessanteste Aspekt findet sich nach der Gewalttat gegen Bronsons Familie, wenn er eine Geschäftsreise nach Arizona antritt und somit direkt im Herzen des Wilden Westens landet, wo er Zeuge einer Western-Show wird, in der sich Cowboys zur Freude des klatschenden Publikums gegenseitig über den Haufen schießen. Im 'alten Amerika', so der Film, herrschte noch Zucht und Ordnung, da wurde nicht lange gefackelt, und Verbrecher wurden - am besten ohne Prozess - an Ort und Stelle aufgehängt. Im 'neuen Amerika' aber sind diese Werte nur noch Relikte und zu spaßiger Unterhaltung verkommen (so wie die Western-Show für das Publikum funktioniert, so funktioniert auch der Film selbst). Insofern verkörpert Bronsons Kersey auch den Wunsch nach Rückkehr zu einer simplen Weltordnung, einer 'Auge um Auge'-Mentalität.

Die Reaktionen auf Bronsons spätere Rachefeldzüge sind dann auch entsprechend geteilt. Die Bevölkerung verehrt ihn, weil er den Mut hat, selbst durchzugreifen, die Polizei kommt ihm schnell auf die Spur, wird aber von der Staatsanwaltschaft zurückgepfiffen, weil Bronson nicht zum Märtyrer gemacht werden soll und die Kriminalität aufgrund seiner Taten zurückgegangen ist (was der Film nur behauptet, denn Bronson wird auch am Ende noch an jeder Ecke überfallen, sobald er nur sein Haus verlässt, obwohl die Stadt doch jetzt angeblich sicherer geworden ist). An dieser Stelle verabschiedet sich EIN MANN SIEHT ROT natürlich von jeder Realität und spielt auf einem fiktiven Planeten, denn niemals würde die Polizei einen Massenmörder wie Kersey (dessen Morde selbstverständlich niemanden zur Selbstjustiz gegen ihn anstacheln, weil er ja auf der 'richtigen Seite' steht) lediglich in eine andere Stadt umsiedeln und ansonsten frei davonkommen lassen - und wenn, dann sicher nicht so plump wie hier gezeigt.

Jenseits der moralischen Fragen aber ist EIN MANN SIEHT ROT ein klasse Thriller, der sich nie lange mit unnötigem Beiwerk aufhält und schnell zur Sache kommt. Die 90 Filmminuten fliegen förmlich vorbei. Der Film ist ausgezeichnet fotografiert und packt noch einen furiosen Soundtrack von Herbie Hancock, der das Großstadt-Feeling der 70er perfekt transportiert, obendrauf.
Einige Rezensenten haben angemerkt, dass der Angriff auf Bronsons Ehefrau und Tochter von Winner so unangenehm und realistisch dargestellt wird, dass er nur schwer konsumierbar ist (weswegen der Film auch heute noch nicht für Jugendliche freigegeben ist, mal abgesehen von seiner Thematik), aber diese Szene ist extrem wichtig für den Film. Nur, wenn man die Brutalität auch als solche begreift und nachfühlt, kann man Bronson überhaupt als Rächer akzeptieren. Wenn der Film hier zauderte, würde er nicht mehr funktionieren.
Die Besetzung von Hope Lange als Bronsons Gattin ist dabei eine ganz spezielle Gemeinheit, weil die schöne und sanfte Lange im amerikanischen Bewusstsein durch ihre Erfolge in den langlebigten TV-Serien "The Ghost and Mrs. Muir" und "The Dick Van Dyke-Show" der Inbegriff weiblicher Integrität und Unantastbarkeit war, die Mutter der Nation, sozusagen.

Kritisieren könnte man stattdessen einige schwache Nebenrollen, insbesondere Bronsons Filmschwiegersohn, der langweilig geschrieben ist und ausdruckslos gespielt wird, immer am Rande eines Tränenausbruchs und ein echter Waschlappen. Das hat - wie alles im Film - natürlich auch Methode, weil er die verweichlichte und angesichts der alltäglichen Gewalt gelähmte, passive Gesellschaftshaltung repräsentieren soll - trotzdem könnte er interessanter oder zumindest attraktiver sein!
Charles Bronson hingegen leistet hier ein echtes Bravourstück. Obwohl er weitgehend emotionslos Dutzende von Leuten abknallt, bleibt man auf seiner Seite und möchte eigentlich nicht, dass er verhaftet wird. Schlimmer noch - als ihm gegen Ende einer der Schurken beinahe entkommt, hofft man, dass er auch diesen noch zur Strecke bringt. Da hat einen der Film komplett im Griff, und ein bisschen schämt man sich dafür. Jugendschützer und wütende Kritiker sollten dennoch nicht zu hart mit den reaktionären Untertönen ins Gericht gehen. An meiner persönlichen Einstellung gegen Selbstjustiz oder die Todesstrafe hat der Film rein gar nichts geändert (auch nicht, als ich noch jünger und naiver war), und überhaupt muss man ihn nicht ernster nehmen als er sich selbst nimmt.

Fazit: EIN MANN SIEHT ROT ist kontroverses, unkorrektes und extrem sehenswertes Kino der 70er, ein einflussreicher moderner Klassiker und knallharte Unterhaltung - mit Biss.

09/10


Kommentare:

  1. Vielleicht DER Selbstjustiz Thriller der 70er. Ich war überrascht, wieviel Tiefgang der Film auch heute noch hat. Regt einem nach dem Filmgenuß zum Nachdenken an. Vielleicht als kontroversen Gegensatz dazu empfehle ich Kieslowskis 'Ein kurzer Film über das Töten'. Nachher kommt man erst recht ins grübeln...

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  2. Gute Empfehlung! Und mein persönlicher Tipp: "Die Frau mit der 45er Magnum". Anders als in "Death Wish" wird dort gezeigt, was die Selbstjustiz mit der Täterin macht. Gruß von Mathias

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  3. 'Die Frau mit der 45er Magnum' ist ein absoluter Kultfilm. Ich warte echt Sehnsüchtig darauf, dass da mal endlich eine vernünftige deutsche Blu Ray rauskommt. Apropos: Deine Filmtipps sind immer Gold wert. Bitte weiter so.

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  4. Dankeschön, mache ich gerne, auch wenn ich leider nicht mehr so häufig wie früher zum Posten komme. Lieben Gruß!

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