Dienstag, 3. Juni 2014

Atmen (2011)

Der neunzehnjährige Roman (Thomas Schubert) sitzt seit fünf Jahren im Jugendknast, nachdem er einen gleichaltrigen Jungen zu Tode getreten hat. Roman hofft auf frühzeitige Entlassung und nimmt dafür einen Job bei einem Wiener Bestattungshaus an, wo er den Umgang mit Toten lernen muss und den Anfeindungen eines älteren Kollegen ausgesetzt ist, der ihn unentwegt demütigt. Als eine Tote mit gleichem Nachnamen aufgefunden wird, beginnt Roman, nach seiner Mutter zu suchen, die ihn als Kind dem Jugendamt übergeben hat...

ATMEN ist das Regiedebüt des österreichischen Schauspielers Karl Markovics, das  bei Kritikern Begeisterung auslöste und mehrere Preise auf wichtigen internationalen Festivals gewann. Der Film ist ein bewegendes und authentisches Jugenddrama (ich vermeide den schrecklichen Begriff 'Coming of Age'), das behutsam seine ganze Kraft entfaltet. Gesprochen wird nicht viel, die Sprachlosigkeit ist Teil von Romans Persönlichkeit.
Die Bilder von Kameramann Martin Gschlacht, der zu den besten seiner Zunft gehört, sind perfekt durchkomponiert, und die größte Entdeckung ist Laiendarsteller Thomas Schubert, der nur durch Zufall zum Casting kam, und der hier eine sensationelle Leistung zeigt. Er ist in jeder Sekunde glaubwürdig, und die innere Wandlung seiner Figur, das langsame Erwachsenwerden, das Herantasten ans Leben (ironischerweise über den Tod), drückt er allein durch Blicke und Körpersprache aus, wo andere Filme und Darsteller haufenweise Dialoge benötigen.

Filmisch erleben wir diese Wandlung durch die Wiederholung von Situationen und Abläufen, in denen sich lediglich Romans Verhalten nach und nach ändert. So ist er etwa zu Beginn nicht in der Lage, sich die für die Arbeit notwendige Krawatte selbst zu binden, und die Anfeindungen des Kollegen lässt er wortlos über sich ergehen, ebenso die täglichen Kontrollen im Knast. Später widersetzt er sich dem Kollegen, bindet sich die Krawatte mühelos und hält den Blicken von Wachleuten und Vorgesetzten Stand. So wie er ihnen in die Augen blickt, so kann er sich auch mit seiner Tat auseinandersetzen, die ihn ins Gefängnis gebracht hat, und den Konsequenzen seiner Handlungen 'ins Auge sehen'.

Regisseur Markovics ist dicht dran an seiner Hauptfigur und schildert Romas 'Rückkehr ins Leben' leise, nüchtern und ohne jeden Kitsch oder falsche Melodramatik. Die detaillierten Abläufe im Bestattungshaus sind in ihrer dokumentarischen Qualität hervorragend in das Drama integriert und stehen nie für sich, obwohl sie allein einen überzeugenden Dokumentarfilm abgeben würden. Der Umgang des Films mit dem Tod und den Toten bleibt immer respekt- und würdevoll, trotz gelegentlicher Prisen schwarzen Humors. Gelegentlich wird ATMEN auch poetisch - etwa, wenn ein Vogel sich in die Leichenhalle verirrt und von Roman nach draußen in die Freiheit geleitet wird (was in meiner Nacherzählung rühriger und symbolbeladener klingt als es sich im Film darstellt).

Fazit: ATMEN ist ein sehr sehenswertes Jugenddrama mit einem famosen Hauptdarsteller. Ein Film der leisen Töne und der nachwirkenden Bilder, der zu Recht vielfach ausgezeichnet wurde. So sicher und präzise ATMEN gelungen ist, so unvorstellbar scheint es, dass es sich hier bei Regie und Hauptrolle um Debüts handelt. Große Leistung!

09/10


 Roman (Thomas Schubert) auf der Reise zwischen Leben und Tod, Gefängnis und Freiheit.


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