Donnerstag, 1. Mai 2014

Jung & schön (2013)

Die 16-jährige Isabelle (Marine Vacth) verliert im Sommerurlaub am Strand ihre Unschuld. Einige Monate später arbeitet sie neben der Schule als Callgirl. Sie trifft vorwiegend ältere Männer in Hotelzimmern, gibt sich als volljährig aus und lässt sich für Sex bezahlen. Als einer ihrer Freier an einem Herzinfarkt stirbt, flüchtet sie, doch die Polizei kommt ihr auf die Schliche. Das Doppelleben fliegt auf, und die entsetzten Eltern fragen sich,was sie falsch gemacht haben, bzw. wie Isabelle zu helfen ist. Aber braucht sie überhaupt Hilfe?

Der französische Regisseur Francois Ozon hat zu seinem jüngsten Werk JUNG & SCHÖN (Jeune & Jolie) erklärt, er habe bei den Dreharbeiten zu "In ihrem Haus" (2013) Lust bekommen, ein Jugenddrama zu inszenieren, ohne aber die Jugend dabei zu verklären, sondern als eine Zeit zu zeigen, in der die Teenager ihre Grenzen testen und überschreiten, in der sie irrational handeln und sich auf gefährliche Experimente einlassen, in der sie - um es überspitzt zu sagen - unzurechnungsfähig sind. Das ist ihm fabelhaft gelungen, trotzdem bleiben einige Wünsche offen. Für die schwierige Hauptrolle wählte Ozon die noch unbekannte Marine Vacth, und sie erweist sich als seltener Glücksfall für den Film. Sie ist nicht nur in der Tat jung und sehr schön, sie bewahrt auch bis zum Schluss ihr Geheimnis. Sie wirkt ebenso unschuldig-naiv wie abgründig. Nie erfährt der Zuschauer, was wirklich hinter dieser hübschen Fassade vor sich geht, was sie motiviert, das ist so gewollt. Bei ihrem ersten Sex am Strand zeigt Ozon, wie Isabelle kurz aus ihrem Körper aussteigt und sich selbst zuschaut. Isabelle kann Liebe und Sex trennen, sie fühlt sich nicht schuldig, und auch der Film versucht nie, ihre Handlungen zu rechtfertigen oder sie dafür zu verurteilen.

Gerade die Anfangsszenen ihrer erotischen Begegnungen in diversen Hotels haben eine besondere Faszination, zu der auch die ständige Verwandlung Isabelles vom Schulmädchen in Schlabberklamotten zur Männerfantasie in High Heels und Mini gehört. Zugleich wird Isabelles familiäres Umfeld als liebevoll und harmonisch beschrieben, eine wohltuende Abkehr vom üblichen 'Problemfilm', in dem stets das kaputte Elternhaus mit Scheidung, Gewalt und Alkoholismus zu Verhaltensauffälligkeiten der Kinder führt. Nein, Ozon ist das zu billig, er beschreibt Isabelles Werdegang und Lust am Verbotenen stets als eigene, freie Entscheidung, die nie aus der Not geboren wird, nicht einmal aus finanzieller. Die Tatsache, dass es heutzutage so einfach ist, sich mit Hilfe von Internet und Smartphones zu prostituieren und anderen zur Verfügung zu stellen, wird ebenfalls nie moralisch gewertet, sie bildet nur den glaubwürdigen Hintergrund für diese sehr reale Geschichte.

Leider kann JUNG & SCHÖN in der zweiten Filmhälfte die innere Spannung der ersten nicht ganz halten Nachdem Isabelles Doppelleben entdeckt wurde, plätschert der Film für meinen Geschmack ein wenig zu ziellos vor sich hin. Isabelle muss zum Psychiater, muss sich Fragen anhören, ihre Mutter wird eifersüchtig, als Isabelle den Stiefvater einen Tick zu liebevoll anschaut. Das sind alles gute Szenen, aber man ahnt schon, worauf es hinausläuft, und es gibt auch kein Geheimnis mehr zu entdecken. Natürlich kann Isabelle nicht widerstehen und lässt sich erneut auf eine Hotelbegegnung ein. Dass dort ausgerechnet in der letzten Szene die großartige Chatlotte Rampling, Star vieler Ozon-Werke, vorbeischaut, ist ohne Frage das größte Schmankerl in JUNG & SCHÖN, zumal Marine Vacth wie eine jüngere Ausgabe der Diva wirkt. Ozon wollte übrigens zunächst die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der sich prostituiert, und man darf sich fragen, wie dieser Film ausgesehen hätte.

JUNG & SCHÖN ist ein kleiner, intimer und unaufdringlicher Film, der sich in Ozons Schaffen eher zu Werken wie "Rückkehr ans Meer" (2009) gesellt, nicht zu den poppig-knalligen Starvehikeln à la "Das Schmuckstück" (2010). Dazu sind Kamera und Musikbegleitung wie üblich bei Ozon exzellent. Der Regisseur nutzt seinen Hauskomponisten Philippe Rombi hier nur wenig und spielt an dramaturgisch wichtigen Stellen Chansons von Francoise Hardy ein, was mal mehr, mal weniger gut funktioniert. So ganz begeistern konnte mich der Film nicht, aber die Darstellung von Marine Vacth ist auf jeden Fall sehr sehenswert.

07/10

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