Montag, 24. März 2014

Verzweifelte Menschen (1971)

Ein Film, wie er nur in den 70ern entstehen konnte. In VERZWEIFELTE MENSCHEN (Desperate Characters) spielen Shirley MacLaine und Kenneth Mars das Ehepaar Sophie und Otto, zwei finanziell gut gestellte, aber zutiefst frustrierte New Yorker, die einen trostlosen Alltag durchleben. Sophie wird von einer streunenden Katze gebissen und verbringt die gesamte Handlung damit, die Sorge über den Biss zu verleugnen und sich dann unentwegt Sorgen zu machen, Otto weiß als Anwalt ohnehin alles besser und ist ein Zyniker, wie er im Buche steht. Sophies Freundin und deren Ex-Mann führen eine noch schlimmere Beziehung, die jener von Burton/Taylor in "Wer hat Angst vor Virgina Woolf" nicht unähnlich ist. Kriminalität und Vandalismus, emotionale Kälte und Tod umgeben Sophie und Otto bei jeder Gelegenheit, und als sie die Stadt verlassen, um in ihrem Sommerhaus vom Druck der Großstadt abzuschalten, wurde auch dort bereits eingebrochen und ihr Zuhause verwüstet...

Das klingt doch nach einem Film für fröhliche Video-Abende, oder? Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass VERZWEIFELTE MENSCHEN dann gar nicht so deprimierend ist wie der Titel verspricht. Der Film wurde seinerzeit auf der Berlinale mit mehreren Preisen bedacht, ist aber vom Publikum komplett ignoriert worden und irgendwo im filmischen Nirwana verschollen.

Als Zeitdokument ist VERZWEIFELTE MENSCHEN absolut überzeugend, aber auch dementsprechend gealtert. Der Film greift sämtliche Probleme auf, die man im Großstadtleben der 70er nur haben konnte. Wenn die Lebenspartner nicht gerade gemein zu einem sind, sieht man alkoholisierte Passanten auf der Straße krepieren, ohne dass sich jemand um sie kümmert, im überfüllten Krankenhaus wird man wie am Fließband behandelt, Ungeziefer verbreitet Krankheiten, und dazu gesellen sich Luftverschmutzung, Straßenraub, Armut und andere soziale Errungenschaften, die ein perfektes Bild der 'Urban Paranoia' abgeben.
Die Kameraarbeit ist entsprechend ungeschönt und knallhart realistisch, mit allem Dreck und abbröckelnden Fassaden, die man in New York finden konnte. Einen Plot hat VERZWEIFELTE MENSCHEN nicht, er schildert lediglich aus der Beobachterperspektive den Alltag seiner Protagonisten - die nicht einmal sonderlich verzweifelt sind, wie man aufgrund des Titels vermuten dürfte. Sie sind bereits abgestumpft und an das ganze Elend gewöhnt. Verzweiflung wäre für sie bereits eine zu starke Emotion.

Warum VERZWEIFELTE MENSCHEN nicht so fürchterlich ist, dass man sich hinterher erschießen möchte, das liegt vor allem an Shirley MacLaines Darstellung, die zu den Meilensteinen ihrer Karriere gehört (vielleicht ist sie sogar ihre beste überhaupt), und allein deswegen ist es bitter, dass der Film so untergegangen ist. Nach den großen Erfolgen mit Billy Wilder Anfang der 60er beschränkten sich ihre weiteren Auftritte in den 60ern fast ausschließlich auf belanglose Wegwerf-Komödien, in denen sie lediglich niedlich und quirlig zu sein hatte, und in denen ihr Talent vollkommen vergeudet wurde. Mit dem Aufbruch des Autorenkinos aber konnte sie endlich zeigen, dass sie vielschichtige, authentische Figuren mit Schwächen und Defiziten spielen kann und dennoch immer ein Sympathieträger fürs Publikum bleibt (siehe auch "Die Besessenheit des Joel Delaney", der ebenfalls an den Zuschauern vorbeiging).

Auch MacLaines Filmgatte Kenneth Mars zeigt in VERZWEIFELTE MENSCHEN eine extrem glaubwürdige Vorstellung (ganz besonders, wenn man ihn noch als Gendarm mit Armprothese in "Frankenstein Junior" oder als tuntigen Schnösel in "Is' was, Doc?" in Erinnerung hat). Sie sind beide in einer lieblosen Ehe gefangen, in der Sarkasmus, Beleidigungen und Ablehnung kaum noch etwas ausmachen. Jeder Versuch, aus dem Schema auszubrechen, scheitert, jede Regung menschlicher Wärme wird umgehend von Streit abgelöst. Aber warum sollten sich Sophie und Otto auch trennen? In einer hoffnungslosen Welt braucht man auch keine Hoffnung auf privates Glück. Das Überleben steht an erster Stelle.
VERZWEIFELTE MENSCHEN ist so nüchtern und dokumentarisch erzählt, dass man als Zuschauer nicht wirklich beteiligt wird und immer auf Distanz bleibt. Das ist einerseits mutig und konsequent, auf der anderen Seite aber kann der Film auch nicht begeistern. Eines ist jedenfalls klar - im heutigen Kino wäre er undenkbar. Allein der Titel würde schon bei Marketing-Experten spontanen Herpes auslösen.

07/10

1 Kommentar:

  1. Hallo Mathias,

    wollte ich schon länger sagen: Ich find's klasse, dass du zwar (leider) weniger oft bloggst in letzter Zeit, dafür aber so tolle Entdeckungen servierst! Bin gespannt, was als Nächstes kommt...

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