Dienstag, 18. März 2014

Die Strohpuppe (1964)

Noch so ein Film, der ungerechterweise in der Versenkung verschwunden und schwer zu bekommen ist. Früher konnte man ihn wenigstens ab und zu im TV sehen, aber auch dort ist er nicht mehr auffindbar. Warum? Niemand weiß es.

DIE STROHPUPPE (Woman of Straw) entstand 1964, als Sean Connery sich gerade auf dem Höhepunkt seiner Popularität befand. Nicht nur vergötterte ihn alle Welt als James Bond 007, er hatte zudem gerade in Hitchcocks Psycho-Drama "Marnie" (1964) bewiesen, dass man ihn auch als 'seriösen' Schauspieler ernst nehmen musste. Während Hitchcock Connerys dunkle Seite aber nur sparsam für die sado-masochistischen Untertöne seiner Freudianischen Liebesgeschichte einsetzte, besetzte der britische Regisseur Basil Dearden den Schauspieler in der STROHPUPPE konsequent als eiskalten Bösewicht.

Connery spielt hier den Sohn des exzentrischen und tyrannischen Multimillionärs Ralph Richardson, der seine Hunde besser behandelt als Menschen - insbesondere seine schwarzen Hausangestellten, die er wie Sklaven hält. Erst als die schöne Pflegerin Gina Lollobrigida für den alten Despoten engagiert wird, entwickelt dieser menschliche Regungen. Das gefällt Connery gar nicht, denn der sieht schon seine Erbschaft schwinden, sollte Papa sich ernsthaft in die italienische Femme Fatale verlieben. Doch wie so oft ist nichts so, wie es scheint. Tatsächlich planen Connery und Lollobrigida gemeinsam, Richardson das gesamte Vermögen abzuluchsen. Als Richardson an einem Herzinfarkt stirbt, scheinen sie fast am Ziel ihrer Träume. Doch dann muss Lollobrigida erkennen, dass auch sie nur ein Werkzeug des cleveren Manipulators Connery ist, der für Geld über Leichen geht. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm...

Die Handlung der STROHPUPPE ist auf nur wenige Schauplätze begrenzt und spielt sich hauptsächlich im noblen Landsitz von Millionär Richardson und auf dessen Yacht im Mittelmeer ab - zwei extrem sehenswerte und kontrastierende Locations. Um Kontraste geht es auch inhaltlich, um arm gegen reich, Unterklasse gegen Oberklasse, weiß gegen schwarz, Geldgier gegen Liebe. Die Dialoge sind geschliffen, und die verschlungene Handlung bietet so viele überraschende Wendungen, dass man als Zuschauer immer wieder verblüfft wird und gleich mehrfach seine Sympathien neu verteilen muss. Lehnt man zunächst den alten Ralph Richardson als herrschsüchtigen, rassistischen Dreckskerl ab, darf man später durchaus Mitleid mit ihm haben, während der nette Connery plötzlich ganz finstere Seiten zeigt.
Die Inszenierung von Basil Dearden weist ein paar Längen im Anfangsteil auf (es dauert zu lange, bis Richardson und Lollobrigida ein Paar werden und der Thriller endlich losgeht), aber wenn die Intrigen erst einmal in Gang kommen, nimmt auch der Film deutlich Fahrt auf. Am Ende manövriert der Film die von Lollobrigida gespielte Figur so geschickt in die Ecke, dass nur noch ein Wunder sie daraus befreien kann - oder eine raffinierte letzte Wendung. Der Schlusspunkt ist dann ebenso ironisch wie gerecht.

Natürlich funktioniert der ganze Plot nur, weil Lollobrigida nicht gerade die hellste Leuchte auf dem Kronleuchter der Schöpfung ist. Das Geld ist ihr im Grunde egal, sie will vor allem Connerys Zuneigung und begibt sich dafür in kriminelle Machenschaften (oder wie es auf dem amerikanischen Kinoplakat lautet: Strohpuppen fangen schnell Feuer!). Das kann man zwar verstehen, weil Connery nie attraktiver und durchtrainierter war als 1964, aber jede einigermaßen intelligente Partnerin würde schneller drauf kommen, was für ein hinterhältiges Spiel er treibt.

Das macht aber nichts, denn Lollobrigida sah ebenfalls nie besser aus, trägt exquisite Outfits und Négligées und spielt ihren Part trotz Sprachschwierigkeiten sehr überzeugend. Ihre Rolle gibt auch sehr viel her. Zu Beginn darf sie die patente und leicht kratzbürstige Krankenschwester geben, die sich flugs in eine sinnliche Geliebte verwandelt, um dann im letzten Akt als verzweifeltes Opfer die einzig echten Emotionen in den Film zu bringen.
Connerys Charakter bleibt da im Vergleich eher eindimensional, aber er hat halt die volle Star-Präsenz. Möglicherweise war die Entscheidung, Connery in einer so unsympathischen Rolle zu besetzen, nicht gerade förderlich für den Kassenerfolg, denn ein großer Hit war DIE STROHPUPPE nicht - ebenso wie übrigens auch "Marnie", was viele dazu veranlasste, Connery weiter nur als lässigen Geheimagenten zu akzeptieren. Glücklicherweise konnte er sich irgendwann - wenngleich nie ganz - von diesem beschränkten Image befreien, und Filme wie "Marnie" und DIE STROHPUPPE zeigten schon früh, dass er mehr wollte und konnte.

DIE STROHPUPPE ist kein großer Klassiker oder Meilenstein des Thrillers, aber hochklassiges britisches Krimi-Kino - unterhaltsam, spannend, sexy, exzellent gespielt und mit viel Sorgfalt produziert - weswegen er auch gut gealtert ist. Dass der Film nicht einmal in seinem Heimatland auf DVD erhältlich ist, das kann man schon ziemlich peinlich finden. Interessierte müssen auf die spanische DVD-Ausgabe zurückgreifen.

08/10


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