Sonntag, 16. März 2014

Das Kabinett des Dr. Caligari (1962)

Es gehört schon eine Menge Mut dazu, seinen Film als Remake eines der berühmtesten Stummfilmklassikers aller Zeiten auszugeben. Und es gehört eine Menge Dummheit dazu, wenn der Film dann nicht einmal ein Remake ist, denn das fordert nur Kritiker und unnötige Vergleiche heraus. Gerüchten zufolge lautete der Titel des Drehbuchs zu DAS KABINETT DES DR. CALIGARI (The Cabinet of Caligari) von "Psycho"-Autor Robert Bloch komplett anders, der Film aber wurde gegen seinen Willen vom Produzenten umgetitelt, um eine Nähe zu Robert Wienes filmischen Meisterwerk von 1920 zu suggerieren. Warum auch immer, denn außer dem Figurennamen 'Caligari' und einem psychologischen Hintergrund gibt es keine Gemeinsamkeiten. Der Schuss ging dann auch voll nach hinten los. DAS KABINETT DES DR. CALIGARI wurde verrissen, ignoriert und ist heute höchstens noch Filmfreaks bekannt, die sich für obskure Titel interessieren.

Der Witz an der Sache: der Film ist gar nicht mal schlecht und hätte absolut mehr Zuspruch verdient, aber wenn man sein eigenes Werk unbedingt sabotieren will, bitte sehr.

Vergessen wir jetzt mal Wiene und kommen zum Inhalt, der schnell erzählt ist: Die attraktive junge Jane (Glynis Johns mit extrem heiserer Stimme) hat auf einsamer Landstraße eine Autopanne und sucht Hilfe. Dabei entdeckt sie ein exklusives Anwesen, in dem sich mehrere merkwürdige Menschen herumtreiben. Das Haus gehört einem Psychiater namens Dr. Caligari (Dan O'Herlihy), und nach mehreren erfolglosen Versuchen, das Anwesen wieder zu verlassen, muss Jane merken, dass sie eine Gefangene von Caligari ist, der sie heimlich beim Baden beobachtet und psychoanalytische Sitzungen mit ihr abhält. Doch ist das wirklich die Wahrheit, oder bildet sich Jane das bizarre Umfeld lediglich ein?

Um mit einem Klassiker wie "Psycho" (1960) mitzuhalten, kommt DAS KABINETT DES DR. CALIGARI leider zu schleppend voran. Statt einer äußerlichen Handlung bietet der Film eine Abfolge mysteriöser Situationen, ist stark dialoglastig und steuert gemächlich auf seine überraschende Auflösung zu, die teilweise im Voraus zu ahnen ist, aber dennoch einen verblüffenden Schlusspunkt setzt. Auch geht es hier nicht um Mord und Totschlag, sondern allein um Sinn und Durchführung von Psychoanalyse. Wenn man schon Hitchcock als Vorbild heranziehen will, dann ähnelt der Film eher einem "Spellbound" (1945). Sex und Gewalt kommen zwar in Form von surrealen Traumsequenzen und Visionen der Hauptfigur vor, bleiben aber durchweg brav (Glynis Johns vollführt einen sehr züchtigen Striptease, um Caligari zu verwirren). Regisseur Roger Kay gelingt es nicht, Robert Blochs Geschichte als echten Paranoia-Alptraum in Szene zu setzen.

Sehenswert hingegen ist die Schwarzweiß-Cinemascope-Kameraarbeit von John Russell, der auch "Psycho" fotografiert hat. Auch der üppige Score kann sich hören lassen. Glynis Johns zeigt in der (schwierigen) Hauptrolle eine sehr ansprechende Leistung, und der unheimliche Caligari wird effektiv von Dan O'Herlihy ("Halloween 3", "RoboCop") gespielt. Obwohl die Handlung auf einen einzigen Schauplatz begrenzt ist, wird der Film nur selten langweilig, weil man als Zuschauer (im besten Fall) wissen möchte, was zur Hölle in diesem Haus vorgeht und wie die Story wohl endet. Auf jeden Fall handelt es sich hier nicht um einen 08/15-Thriller, auch wenn der Film letztlich nicht hält, was er verspricht.

DAS KABINETT DES DR. CALIGARI lief zwar seinerzeit auch in deutschen Kinos, ist aber seitdem weder auf Video noch auf DVD zu haben. Interessierte müssen schon auf die amerikanische DVD zurückgreifen. Insgesamt ist der Film schwer zu beurteilen und noch schwerer zu kategorisieren, weil er sich bei vielen Genres bedient. Am besten kann man ihn wohl als "Twilight Zone"-Folge in Spielfilmlänge bezeichnen. Einige atmosphärische Sequenzen sind mir seit der ersten Sichtung nicht mehr aus dem Kopf gegangen, weswegen ich ihn immer mal wieder schaue. Nicht unbedingt gut, aber ein netter Versuch. Hat was.

07/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...