Donnerstag, 6. Februar 2014

Maniac (2012)

Huch, was ist das denn? Der hat mir doch tatsächlich gefallen!

Aber von vorne. William Lustigs "Maniac" (1980) ist ein Klassiker des Schund-Slasherfilms der 80er, ein roher Splatter-Klotz von unheimlicher Kraft, dessen Ruf mittlerweile immer besser wird, nachdem sich sogar die  Beteiligten seinerzeit von ihm distanziert haben. Was konnte man also erwarten, wenn sich im Zuge des immer noch grassierenden Remake-Wahnsinns der Franzose Alexandre Aja ("High Tension", 2003) dieses Schmuddelfilms annimmt, und das auch noch mit - ausgerechnet - 'Frodo' Elijah Wood in der Rolle, die Joe Spinell legendär schmierig ausfüllte?
Ich zumindest hatte gar keine Erwartungen und bin sehr positiv überrascht worden.

Die Geschichte ist schnell erzählt, bzw. kaum vorhanden. Frank Zito (Wood) ist ein Serienkiller, der tagsüber einen Laden für Schaufensterpuppen betreibt  und nachts Frauen abschlachtet, um den Puppen in seinem Zuhause die blutigen Skalps seiner Opfer an den Kopf zu tackern. Als er die nette Fotografin Anna (Nora Arnezeder) kennenlernt, scheint er zum ersten Mal etwas anderes zu empfinden als Mordlust, aber gegen seinen Trieb kommt er nicht an...

Inszeniert wurde MANIAC (Maniac) von Ajas Landsmann Franck Khalfoun, der zuvor mit "P2 - Schreie im Parkhaus" (2007) bereits die Horror-Gemeinde gespalten hat. Und der hat sich das Original von William Lustig, der auch als Co-Produzent fungiert, mal so richtig zur Brust genommen und mehr eine Hommage als ein Remake gedreht. Das geht so weit, dass er sogar das berüchtigte Kinoplakat des Klassikers nachstellt und das Geschehen mit einem hypnotischen Soundtrack unterlegt, der mit seinen düsteren Synthie-Klängen die 80er wieder auferleben lässt. Aus dem schmutzigen Moloch New York wird hier das zeitgenössische Los Angeles, dessen einsame nächtliche Straßen und U-Bahnhöfe nicht mehr wie weiland in Dreck und Abschaum versinken (auch das heutige, 'gesäuberte' New York könnte niemals mehr eine solche Kulisse abgeben), aber eine ganz eigene Faszination ausüben, die MANIAC genial einfängt.

Die Markenzeichen von Joe Spinells Darstellung, das Grummeln und Grunzen, das findet sich ebenso in Elijah Woods Interpretation wieder wie die Skalpierungen der Opfer, die ebenso unschön anzusehen sind wie damals. Der Splatter-Faktor von MANIAC ist sehr hoch, auch das ist eine Reminiszenz ans Vorbild. Das erwartet der Fan, und Khalfoun liefert mit Schmackes. Für zartbesaitete Gemüter ist MANIAC nichts, ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass das Remake noch frauenfeindlicher und hässlicher ist als das Original, wo zumindest einige der Opfer sympathisch waren.Elijah Wood gibt alles, um aus der 'Frodo'-Schublade zu kommen. Das gelingt ihm auch ganz gut, allerdings wirkt er doch immer ein wenig zu schmächtig, um eine echte körperliche Bedrohung darzustellen. Die Fußstapfen von Joe Spinell sind auch einfach zu groß.

Dazu kommt, dass Khalfouns Kamera von der ersten Einstellung bis zum Schluss konsequent die Perspektive des Killers einnimmt, so dass dieser lediglich zu sehen ist, wenn er mal in Spiegel blickt oder sich in Schaufensterscheiben spiegelt. Diese Ego-Perspektive ist keine neue Idee und wurde bereits in "The Lady in the Lake" (1947), einem Klassiker des Film Noir, angewandt, und sie ist gleichzeitig Fluch wie Segen. So nah man als Zuschauer durch diese Art der Auflösung auch am Psychopathen klebt, man kommt ihm doch nicht näher und bleibt emotional auf Distanz.
Das liegt auch daran, dass das Drehbuch nie versucht, hinter die Fassade zu schauen, wie es zum Beispiel der großartige "Angst" (1983) schafft, der keine subjektive Kamera braucht, um ganz tief ins Innere des Psychopathen zu blicken. Zudem sind die bemühten küchenpsychologischen Erklärungen für den Mordinstinkt des Killers so eindimensional wie ausgelutscht. Wieder einmal ist es die Mama, die den kleinen Frank zum Mörder werden ließ, weil sie eine koksende Schlampe war, die es mit jedem trieb. Das ist nun wirklich ein alter Hut. Hatte man Hitchcock nicht bei "Marnie" (1964) vorgeworfen, naiv zu sein? Und der Film ist 50 Jahre älter!

Seltsamerweise stört mich das hier aber weniger als in ähnlichen Fällen, weil MANIAC eben jenen alten Hut vor William Lustigs Werk zieht und seine simple, ja, minimalistische Storyline konsequent durchzieht. Dafür findet er Bilder, die unter die Haut gehen, wie etwa die Visionen Franks, der sich u.a. im Restaurant von sämtlichen Gästen angestarrt fühlt. Das sind ebenso nette Ideen wie die Fliegen in Franks Apartment, die um die Schaufensterpuppen mit den vergammelnden Skalps kreisen.

Trotz seiner Schwächen hat mich MANIAC insgesamt überzeugt, weil er seinen geistigen Vater nie leugnet oder auf-Teufel-komm'-raus modernisieren will, sondern ihn in bewundernswerter Weise huldigt. Er ist eine Verbeugung vor einem Film, der jahrzehntelang angefeindet, verboten, beschlagnahmt und bespuckt wurde (ja, auch von Ihnen, Herr Savini!). Der Respekt ist lange überfällig und hochverdient. Ist MANIAC ein überflüssiger und unnötiger Film? Absolut. Er hat nichts Neues zum Thema Serienkiller zu erzählen, er ist nicht einmal sonderlich spannend. Aber er hat Atmosphäre und ein klares Stilprinzip - genau wie das Original.

08/10

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