Montag, 24. Februar 2014

Auge um Auge (1996)

Selbstjustiz ist ein komplexes und zeitloses Thema, das in der Filmgeschichte gern aufgegriffen wurde, selten aber wirklich gute Werke hervorgebracht hat. 1996 versuchte sich John Schlesinger mit AUGE UM AUGE (Eye for an Eye) an solch einem Stoff und wurde von Kritikern ebenso unisono verrissen wie vom Publikum ignoriert. Selbst als großer Schlesinger-Fan fällt es schwer, AUGE UM AUGE zu verteidigen, denn das schwache Drehbuch versenkt den Rache-Thriller schon von den ersten Minuten an und kann bis zum Ende keinen einzigen intelligenten Kommentar zur aufgeworfenen Problematik abgeben. Stattdessen verliert er sich in Sentimentalitäten und gnadenloser Vorhersehbarkeit.

Sally Field spielt hier eine Frau, deren Tochter bei den Vorbereitungen zu einer Geburtstagsparty von einem schmierigen Lebensmittel-Lieferanten - gespielt von Kiefer Sutherland - überfallen, vergewaltigt und getötet wird. Den Mord muss Field am Telefon mitanhören, während sie im Stau steht, und bereits an dieser Stelle wird man als Zuschauer mit lauter unglaubwürdigen Momenten konfrontiert. So sollen wir z.B. glauben, dass nicht einer der vielen Passanten der panischen Field sein Handy borgt, um die Polizei anzurufen. Alle beeilen sich nur, die Scheiben hochzukurbeln oder die hystersiche Frau abzuwimmeln, die offensichtlich Schreckliches durchmacht. Später dann erhält Field weder Unterstützung von der Polizei noch der Justiz, so dass sie sich eine Waffe besorgt, dem Killer selbst nachstellt und sich entschließt, ihn zu ermorden.

Wie das Ganze ausgeht, kann man sich bereits denken, weil der Film alles daran setzt, sowohl bei Fields Leiden auf die Tränendrüse zu drücken als auch die von Sutherland gespielte Figur so widerlich und abstoßend wie nur eben möglich zu zeichnen, damit auch gar keine Zweifel aufkommen, wer hier den Tod verdient hat. Als White Trash muss Sutherland alte Damen bepöbeln, auf die Straße rotzen, in Vorgärten strullern und die kleine Schwester der Ermordeten auf dem Spielplatz bedrängen. Fehlt nur noch, dass er auch Hunde quält. Nein, Halt, das macht er auch!

Mit diesem Vorgehen mogelt sich AUGE UM AUGE nicht nur um jede verantwortungsbewusste Aussage herum, sondern manipuliert auf furchtbar triviale Art und Weise seine Zuschauer, um Sally Fields schlussendlichen Racheakt abzusichern, und - ACHTUNG, SPOILER! - sogar bei dem wird sie durch Notwehr entschuldigt! Damit ist Schlesingers Film keinen Deut besser als Trash wie "Eine Frau sieht rot" (mit eindeutigen Parallelen wie der Belästigung der kleinen Schwester des ersten Opfers durch den Täter), auch wenn er besser aussieht und gespielt ist.

Sally Field kann man da keinen Vorwurf machen. Sie spielt ihre Figur mit der nötigen Seriösität und ist über weite Strecken erstaunlich ungeschminkt, so dass man ihr die Verzweiflung abkauft. Ed Harris wird als Fields Ehemann leider völlig verschenkt, zumal er laut Drehbuch auch 'nur' der Stiefvater der getöteten Tochter ist - eine durchsichtige Finte, um ihn aus dem moralischen Dilemma herauszuhalten. Kiefer Sutherland zieht eine komplett eindimensionale Ekelpaket-Nummer als Abschaum aus der Hölle ab, aber seine Rolle gibt auch nicht mehr her. Man soll ihn hassen, man soll ihm den Tod an den Hals wünschen, bittesehr. Gute Nebendarsteller wie Beverly D'Angelo, Philip Baker Hall und Joe Mantegna können ebenfalls nichts reißen, wobei besonders Mantegna als ermittelnder Cop nur dazu da ist, um das Versagen des Polizeiapparats zu personifizieren. Und wie glaubwürdig ist ein Cop, der die Mutter einer Ermordeten anruft, um zu verkünden, dass er gerade einen Verdächtigen verhaftet hat, und der - ACHTUNG, SPOILER! - am Ende natürlich so viel Verständnis aufbringt, die Rächerin laufen zu lassen, weil sie ja moralisch im Recht war. Au weia!

Die gute Nachricht ist, dass AUGE UM AUGE mit viel Tempo inszeniert ist und sich - wenn man akzeptiert hat, wie oberflächlich er mit dem Thema umgeht - ganz gut und unterhaltsam wegschaut. Es gibt ein paar originelle und überraschende Momente, etwa wenn die entnervte Sally Field bei der Trauerfeier für ihre Tochter einen unpassenden Lachanfall bekommt, oder wenn sich die scheinbar trauernden Mitglieder einer Selbsthilfegruppe unerwartet als Waffenhändler oder Undercover-Agenten entpuppen. Für eine Empfehlung reicht das aber wirklich nicht aus. Wer sehen will, wie harmlose Menschen zu Selbstjustiz gezwungen werden, und welche Auswirkung das auf sie und ihre Psyche hat, dem kann ich nur nach wie vor den großartigen "Die Frau mit der 45er Magnum" (1981) ans Herz legen.

05/10

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