Samstag, 11. Januar 2014

Open Your Eyes (1997)

Auf der deutschen DVD des Films OPEN YOUR EYES (Abre Los Ojos), der zusätzlich den beknackten Titel "Virtual Nightmare" erhalten hat, prangt grell der Vermerk: "Das Original zum Tom Cruise-Kinohit 'Vanilla Sky'!" - In einer gerechten Welt müsste hingegen umgekehrt auf der "Vanilla Sky"-DVD der Vermerk korrekt lauten: "Das überflüssige Remake zum spanischen Kino-Glanzstück 'Abre Los Ojos'". Aber es ist nun mal keine gerechte Welt, und Regisseur Alejandro Amenábar erhielt für die Übertragung der Remake-Rechte immerhin die Möglichkeit, in Hollywood seinen wunderbaren "The Others" (1999) mit Nicole Kidman zu inszenieren, also hat hier jeder, Zuschauer inklusive, gewonnen.

In OPEN YOUR EYES geht es um den jungen, gutaussehenden César (Eduardo Noriega), dessen Gesicht bei einem Autounfall, den eine eifersüchtige Ex-Loverin verursacht, schrecklich entstellt wird. Kurz darauf erhält César die Nachricht, dass die Plastische Chirurgie sein Gesicht vollständig retten kann. Prompt ist er wieder ganz der Alte und bekommt sogar seine verloren geglaubte große Liebe (Penélope Cruz) zurück. Doch immer mehr merkt César, dass seine Realitätswahrnehmung gestört ist, und bald kann er nicht mehr zwischen Fiktion, Traum und Realität unterscheiden...

Zugegeben, eine etwas kryptische Inhaltsangabe, aber ich werde hier mit Sicherheit keine der überraschenden Wendungen verraten, mit denen Alejandro Amenábar den Zuschauer ununterbrochen herausfordert und in Atem hält. Der Regisseur fordert sein Publikum stets auf, mitzudenken, eigene Theorien zu spinnen und einer Auflösung entgegenzufiebern, die vielleicht oder vielleicht auch nicht kommt (und die, wenn sie kommt, alles oder nichts erklärt). Man kann sich aber auch zurücklehnen und OPEN YOUR EYES mit seinen verschlungenen Erzählsträngen einfach nur genießen. Insofern geht er weit über das reine Hinerzählen zu einer verblüffenden Pointe (à la M. Night Shyamalan), die alles Vorausgegangene auf den Kopf stellt, hinaus.

Ob der Film über seine raffiniert konstruierte Handlung und das Spiel mit Traum, Schein und Sein noch eine ernsthafte Botschaft hat, kann ich nicht genau sagen, und das spielt auch keine Rolle. Möglicherweise geht es im Kern darum, das Leben mit 'offenen Augen' wahrzunehmen und nichts für selbstverständlich zu halten, immer auf der Hut zu sein und Veränderungen - auch drastische - als Bestandteil des Lebens zu akzeptieren, gleichzeitig aber an den Dingen und Menschen festzuhalten, die einem wirklich viel bedeuten.

Dafür vermengt Amenábar Elemente aus Drama, Liebesgeschichte, Thriller und Horrorfilm zu einem durchweg packenden Mix und einem der originellsten Filmwerke der 90er Jahre. Dass OPEN YOUR EYES für Hollywood neu aufgelegt wurde, verwundert überhaupt nicht, denn dort sind originelle Geschichten wie diese schon lange Mangelware. Darüber hinaus aber gibt es überhaupt keinen Grund, sich nicht das Original anzuschauen (zumal die wundervolle Penélope Cruz in beiden mitspielt), weil es hervorragend gespielt, geschrieben, orchestriert und inszeniert ist. Alejandro Amenábar ist hier ein cineastisches Highlight des europäischen Kinos gelungen, von dem man sich mehr, mehr und nochmals mehr wünschen würde. Und er hat damit - nach dem ebenfalls exzellenten, aber vergleichsweise bescheidenen "Tesis" (1996) - einen verdienten Bekanntheitsgrad erhalten. Nach dem bereits erwähnten "The Others" kehrte Amenábar Hollywood wieder den Rücken und drehte den weltweiten Arthouse-Hit "Das Meer in mir" (2004), für den er vielfach ausgezeichnet wurde.

9.5/10


Kommentare:

  1. Lieber Deepred,

    leider muss ich Dir ausnahmsweise mal widersprechen: Ich habe beide Filme gesehen -und ich liebe, liebe, liebe das Remake.... Nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich mag weder Tom Cruise noch aufgeblasene Hollywood-Remakes, aber was Crowe aus diesem Film gemacht hat, ist ein kleines Meisterwerk. Ich weiß, der Film wird fast nirgendwo gut besprochen, aber manchmal denke ich, haben diese Menschen den Film einfach nicht verstanden!? Es ist so ein toller Film, und alles, was ihm zur Last gelegt wird, finde ich toll....Tom Cruise IST einfach David Aames, Cameron Diaz ist genial, und Penelope Cruz ist einfach nur wunderschön...die ganze Popkultur, die Crowe verarbeit -die Musik, Plattencover, Wer die Nachtigal stört, der Monet Himmel...die Bilder....das ist für mich ganz großes Kino!!! (ich bereue bis heute, ihn nicht auf der großen Leinwand gesehen zu haben)....und ich erinnere mich noch, als sei es gestern gewesen, dass ich nach Paul McCartneys "Vanilla Sky" das Videoband zurückspulte und einfach nur dachte: What the fuck!? Ich habe mitgefiebert, mitgelitten und mitgerätselt....."Donnie Darko" ist einer der wenigen Filme, die ähnliches bei mir erreicht haben....
    Für mich ein "All-time-favourite" Movie....sorry, das musste ich einfach mal loswerden ;-)

    Billy Shines

    ps. "Wir sehen uns in einem anderen Leben -wenn wir beide Katzen sind!"
    pps. "I think she's the saddest girl ever to hold a martini."

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  2. Macht doch nichts, so soll es ja auch sein, dass die Geschmäcker auch mal auseinandergehen. Ich kann dem Remake nichts abgewinnen, ich finde es nach wie vor überflüssig, weil im Original schon alles drin ist - dazu kommt, dass kein Fan von Tom Cruise und Cameron Diaz bin. LG, Mathias

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