Donnerstag, 16. Januar 2014

Insomnia - Schlaflos (2002)

Um den Mord an einem Mädchen aufzuklären, reist der New Yorker Cop Dormer (Al Pacino) nach Alaska. Von Schlaflosigkeit und dem Druck einer internen Untersuchung gepeinigt, unterläuft ihm bei der Jagd auf den Mörder ein schwerwiegender Fehler, der einen Kollegen das Leben kostet. Als er das Unglück vertuschen will, meldet sich der gesuchte Mörder (Robin Williams) und erpresst Dormer. Ein psychologisches Katz- und Mausspiel zwischen Cop und Killer beginnt...

INSOMNIA - SCHLAFLOS (Insomnia) ist das Hollywood-Remake des skandinavischen Krimis "Todesschlaf (1997). Die Atmosphäre ist unverkennbar nordisch, und Regisseur Christopher Nolan ist ein spektakulärer Thriller mit Action-Elementen gelungen, der nebenbei auch eine intensive Charakterstudie eines desillusionierten Cops erzählt, der schon in der Vergangenheit die Seiten wechselte und nun durch erneutes Fehlverhalten sowohl in einen schweren Gewissenskonflikt als auch in die prekäre Lage kommt, Beweise fälschen, einen Mord verheimlichen und einen Unschuldigen ins Gefängnis befördern zu müssen, um ungeschoren davonzukommen. Natürlich weiß der erfahrene Zuschauer, dass Pacino seine Strafe erhalten wird, so oder so.

INSOMNIA beweist in erster Linie, dass sich auch positive Filmhelden falsch verhalten dürfen, ja sogar müssen, um zu einem echten Drama zu gelangen. Obwohl Pacino als Dormer (vom französischen 'dormir' = schlafen) bereits zu Beginn seinen Kollegen erschießt (was, zugegebenermaßen, deutlich unabsichtlich geschieht - das hätte durchaus ambivalenter ausfallen dürfen), bleibt man als Zuschauer stets auf seiner Seite und hofft sogar noch, wenn ein Unbeteiligter durch seine Schuld unter Verdacht gerät, dass Pacino es irgendwie schafft, aus dem Schlamassel herauszukommen - bis einem dann klar wird, dass sich seine Figur von Anfang an in einer Abwärtsspirale befindet, für die es nur ein konsequentes Ende geben kann.

Christopher Nolan, der kurz zuvor mit "Memento" (2000) seinen künstlerischen Durchbruch feiern konnte, zeigt mit INSOMNIA eindringlich, dass er nicht nur mit einer Star-besetzten Großproduktion umgehen kann, sondern er findet auch - mit Hilfe des genialen Kameramannes Wally Pfister, mit dem Nolan seit "Memento" zusammenarbeitet - faszinierende Bilder für diese düstere Geschichte, die im Grunde das klassische Krimi-Duell zweier Männer schildert, deren Wege sich kreuzen und das jeweilige Schicksal des anderen bestimmen, so wie Hitchcock es nach Patricia Highsmiths Vorlage in "Der Fremde im Zug" (1951) vorgemacht hat. Hier wie dort liegen Gut und Böse so dicht beieinander, dass die Grenzen verschwimmen.

Für die Freunde des Schauspielkinos zeigt Pacino eine wie immer makellose und erstaunlich zurückgenommene Leistung in einer Rolle, die wie für ihn gemacht ist. Er bleibt immer interessant und verzichtet weitgehend auf Eitelkeiten und Manierismen, die man zu oft von ihm gesehen hat (wie den Hang, seine Dialoge zu brüllen). Robin Williams brach mit der Killer-Rolle erstmals aus seinem Image aus und schafft es, das schreckliche Geblödel und Gemenschel früherer Rollen vergessen zu machen, allerdings erhält er nicht genügend Filmzeit, um eine wirkliche Charakterstudie abzulegen. Die sollte ihm kurz darauf in "One Hour Photo" (2002) noch besser gelingen. Als junge Polizistin, die eine wichtige Lektion fürs Leben lernt, kann Hilary Swank in einer eher kleinen Rolle überzeugen.

Zu den Highlights des Films gehören eine Verfolgungsjagd im Nebel und die schlichtweg atemberaubende Sequenz, in der Pacino den flüchtenden Robin Williams über im Fluss schwimmende Baumstämme jagt. Ein paar wenige Längen sind leicht zu verschmerzen, so dass man INSOMNIA ganz klar zu den Thriller-Highlights der Post-"Schweigen der Lämmer"-Ära zählen kann, selbst wenn es sich 'nur' um ein Remake handelt. Wenn sich alle Neuverfilmungen so viel Mühe geben würden, müsste man viel seltener meckern. Ganz klare Empfehlung für einen hochspannenden, konfliktreichen und atmosphärischen Ausflug ins grandiose Bergpanorama und in menschliche Seelen.

09/10



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