Samstag, 25. Januar 2014

Freier Fall (2013)

Der Polizist Marc (Hanno Koffler) verliebt sich ausgerechnet in seinen Kollegen Kay (Max Riemelt), was das Leben des bislang heterosexuellen Familienmannes, dessen Ehefrau (Katharina Schüttler) ein Kind erwartet, vollkommen durcheinanderbringt und den jungen Mann in eine tiefe Krise stürzt, die ihn dazu zwingt, eine weitreichende Entscheidung zu treffen: Haus, Familie, Kind - oder eine Liebesbeziehung mit Kay...

Wer hier den deutschen "Brokeback Mountain" (2005) erwartet, der liegt nicht ganz falsch, denn die beiden Filme haben tatsächlich viel gemeinsam, allerdings kann Stephan Lacants Drama qualitativ dem Ang Lee-Film nicht ansatzweise das Bergquellwasser reichen.
FREIER FALL wurde von Kritikern und Publikum gut aufgenommen und hat viele positive Besprechungen bekommen, dies ist keine davon. Leider hat mich das ach so seriöse Gefühlsdrama weder emotional berührt, noch hat mich der Grundkonflikt überzeugt. Dazu folgt die Geschichte einer komplett vorhersehbaren Dramaturgie und bietet keinerlei Überraschungen. Hier wird lediglich eine Checkliste des Coming-Out-Films abgehakt (wobei es hier - streng genommen - gar nicht um ein Coming Out geht), auf der sämtliche alten Bekannten des Genres sich in schöner Regelmäßigkeit die Hand geben.

Da ist zum einen das konservative, homophobe Umfeld (eine Kulisee voller Klischees, wie das berühmte 'Beleidigen unter der Mannschaftsdusche'  - schnarch 1), dann die ruppige, aber irgendwie doch zarte Annäherung, die aus körperlicher Aktivität (hier Joggen) entsteht. Dann kommt ein Joint ins Spiel (in vergleichbaren Werken darf es auch Alkohol sein), um die unterdrückten Sehnsüchte ein bisschen lockerer zu machen, es folgt der erste Sex, das große Erwachen und dann viel Geschrei, Geheule und großes Familiendrama, blablabla. Nicht einmal das gemeinsame ins-Wasser-springen und sich-gegenseitig-untertauchen, das uns allen zum  Halse raushängt, wird weggelassen. Warum an nicht einer Stelle der Handlung irgendeine Figur etwas Überraschendes tut, erschließt sich mir nicht, und Hanno Kofflers Leidensmiene, die er 90 Minuten über die Leinwand trägt, ebensowenig.

Entschuldigung, er leidet natürlich nicht immer, denn im Bett mit Riemelt darf er auch mal unbeschwert sein. Fast. Leider sind sämtliche Szenen von Kofflers Familienleben inklusive Doppelhaushälfte und hochschwangerer Ehefrau (geht es nicht eine Nummer kleiner?) sturzlangweilig. Da hilft nicht mal die wunderbare Katharina Schüttler, die als nichtsahnendes Mäuschen erst Wind von der Affäre bekommt, dann ausrastet und dann mehr über den Vertrauensmissbrauch des Ehemannes entsetzt ist als über die Tatsache, dass er es offensichtlich gern mit Männern treibt. Selbstverständlich darf auch die bekannte "Jetzt ist mir alles egal"-Szene nicht fehlen, in der Koffler - frustriert über die kaputte heterosexuelle Fassade - eine schwule Disco besucht, mit anschließendem anonymen Herumgefummel auf der Herrentoilette, welches ihn - haben wir's nicht geahnt - so anwidert (schnarch, Take 2), dass er Reißaus nimmt und alleine eine Zigarette raucht.

Nikotin wird übrigens in FREIER FALL konsumiert als gäb's kein Morgen, was den Film aber auch nicht französischer macht, er ist und bleibt hoffnungslos deutsch - wozu auch die bleierne Schwere gehört. Ach ja, Doppelleben sind schon tragisch. Aber ehrlich, Leute, es gibt Schlimmeres als zu merken, dass man gerne mal einen behaarten Po streichelt, und erst recht, wenn dieser Max Riemelt gehört, der nie besser aussah. Humorlosigkeit bedeutet eben nicht gleich Ernsthaftigkeit, und wer einen Coming Out-Film wie "Beautiful Thing" (1996) gesehen hat, der ebenfalls in einer homophoben Umwelt spielt, der darf erkennen, dass die Figuren dort sich a) allesamt erwachsener verhalten, obwohl sie noch Kinder sind, und b) auch im größten Unglück ihren Humor nicht verlieren, weil der zum Menschsein dazugehört und uns alle stark macht.

"Brokeback Mountain" hatte für diese Humorlosigkeit einen Grund, der spielte nämlich in den 60ern, wo man als schwuler Schafhirte aufpassen musste, dass einen die Nachbarn nicht an einen klapprigen Wagen binden und zu Tode schleifen. Der Polizeidienst mag nach wie vor ein Umfeld sein, wo ein offener Umgang mit schwulen Kollegen nicht auf der Tagesordnung steht, aber FREIER FALL benutzt diese Kulisse lediglich als Vorwand, es hätte genau so gut der örtliche Fußballverein oder die Bundeswehr sein können. Eine Milieustudie gelingt dem Film jedenfalls nie, man hat auch nicht den Eindruck, als hätte er es versucht. Vielleicht steht hier jemand einfach auf Jungs in Uniform und Polsterung, das ist ja legitim.

Aber ich will nicht nur meckern. Gespielt und fotografiert ist FREIER FALL sehr ansprechend, und die Musikbegleitung angenehm zurückhaltend. Es wird gottseidank wenig geplappert (dafür allerdings zu oft bedeutungsvoll-melancholisch in die Ferne gestarrt, schnarch 3), und der Sex ist relativ unverkrampft inszeniert (Reste von Zögerlichkeit sind noch erkennbar).
Im Grunde erzählt FREIER FALL eine "verhängnisvolle Affäre"-Story, aber die hätte mir mit ein paar Kaninchen im Kochtopf und einer irren Glenn Close deutlich besser gefallen. Ich will's mal so sagen: Ich persönlich würde für eine Runde Lakenlümmeln mit Max Riemelt (über dessen Figur wir übrigens nichts erfahren, außer, dass er Kette raucht) meine schwangere Nörgelfrau jedenfalls an der nächsten Raststätte aussetzen (sorry, Schüttler). Schade, das Hanno Koffler daran so wenig Spaß hat. Ja, ich hab's schon verstanden, er kann nicht raus aus seiner Haut. Pech für ihn.

Für eine bessere Variante empfehle ich "Stadt, Land, Fluss" (2011). Der taucht dokumentarisch in sein Milieu ein und erzählt erfrischend glaubwürdig und (fast) klischeefrei. Wobei, ins Wasser gehopst wird auch dort. Sie können's einfach nicht lassen.

05/10


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