Samstag, 4. Januar 2014

Fliegende Liebende (2013)

Einsteigen auf eigene Gefahr!
Nachdem Pedro Almodóvar jahrzehntelang für seine Filme geliebt, verehrt und  ausgezeichnet wurde, musste der spanische Filmkünstler für sein aktuelles Werk FLIEGENDE LIEBENDE (Los Amantes Pasajeros) sehr viel Kritik und Verrisse einstecken. Dabei bietet der Film auf den ersten Blick alles, was das Herz begehrt: viele Bekannte aus früheren Almodóvar-Werken, schwule Gags, Tabubrüche, eine schrille Barbie-Traumhaus-Ausstattung, und jede Menge Sex. Doch der Film braucht eine Weile, um in Gang zu kommen, und man sollte ihn weniger als groteske Boulevardkomödie wahrnehmen (trotz mehrerer deutlicher Anspielungen auf "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs"), sondern vielmehr als politische Satire, gewürzt mit den typisch Almodóvar'schen Zutaten.

Worum geht es? Eine spanische Passagiermaschine sucht verzweifelt eine Landebahn. Ein Fahrwerk ist kaputt, die Reisenden der zweiten Klasse wurden mit  Pillen eingeschläfert, und in der ersten Klasse rechnen die Passagiere mit dem Schlimmsten. Unter den Fluggästen befinden sich unter anderem ein Medium (Lola Duenas), das durch Berühren männlicher Geschlechtsteile Kontakt mit der Zwischenwelt aufnehmen kann, die Chefin eines Escort-Services (Cecilia Roth), die brisantes Videomaterial über die Mächtigen Spaniens für Erpressung nutzt, sowie ein Auftragskiller, der auf sie angesetzt ist. Die drei männlichen Flugbegleiter (Javier Cámara, Carlos Areces und Raúl Arévalo), die selbst aufgrund privater Probleme am Rad drehen, unterhalten die Passagiere mit Musicalnummern und Drogencocktails, mit deren Hilfe einige der fliegenden Liebenden nicht nur ihre sexuelle Befreiung erleben...

Almodóvar kehrt mit FLIEGENDE LIEBENDE im Geiste zu seinen Erstlingswerken zurück, in denen er die politische Realität Spaniens in krasse Geschichten verpackte, die von sympathischen Außenseitern und den Verlieren der Gesellschaft erzählten. Hier hingegen befördert er die unteren Gesellschaftschichten (die Economy Class) gleich zu Beginn in Tiefschlaf. Während das Land hinkend (es fehlt ein Fahrwerk) seinem unbestimmten Ziel entgegentrudelt, darf nur die Top-Elite wissen, was eigentlich los ist. Während am Boden ein politischer Skandal den nächsten jagt (was wir aus den Zeitungen der Reisenden erfahren, inklusive der 'Skandal-Top 10 des Jahres'), werden die Manager und Strippenzieher über den Wolken vom Flugpersonal eingeweiht, dann abgefüllt und sicher nach Mexiko gebracht, wo sie ihre manipulativen Spielchen im Exil weiter betreiben können.

Auf der Reise finden neben einigen durch Drogen verursachte Vergewaltigungen (bzw. Sex mit komatösen Partnern, den Almodóvar immer schon lustig fand, was seine Gegner regelmäßig vor Wut schäumen lässt) auch noch das Outing eines vermeintlich heterosexuellen Co-Piloten (Hugo Silva), die Verbrüderung eines Killers mit seinem vermeintlichen Opfer und die Aufdeckung eines Beziehungswirrwarrs des bisexuellen Piloten statt. Die Darstellung der schrillen und femininen Flugbegleiter wurde Almodóvar von den üblichen  Seiten als homophob angekreidet, was so absurd ist, als würde man Gandhi vorwerfen, ein Kriegstreiber zu sein. Die wollen einfach nicht begreifen, dass sich der Regisseur nicht für politische Korrektheit interessiert und schon immer das Anderssein gefeiert hat, nicht die Gleichschaltung. Wohltuend! Und wer ihre (genial choreografierte) "I'm So Excited"-Nummer nicht witzig findet, hat selbst Schuld.

Die Almodóvar-Stars Antonio Banderas und Penélope Cruz tauchen zu Beginn kurz für eine Szene als vertrotteltes Rollfeld-Personal auf, um gleich wieder zu verschwinden. Der Humor ist gewöhnungsbedürftig, wie der gesamte Film, aber über welchen Almodóvar kann man schon sagen, dass er für jedermann geeignet sei? Ich gebe gern zu, dass ich am Anfang ebenfalls Probleme mit FLIEGENDE LIEBENDE hatte (die 'Ricardo'-Episode, die hauptsächlich am Boden spielt und den Liebesplot aus "Frauen am Rande..." wiederholt, ist tatsächlich schwach geraten) , aber das hat sich mit zunehmender Laufzeit geändert. Am Ende hat mich Almodóvar ziemlich gut unterhalten und zum Lachen gebracht. Der Soundtrack von Alberto Iglesias ist wie immer exzellent, und die Darsteller sind mit viel Freude bei der Sache.
Ein Meilenstein ist FLIEGENDE LIEBENDE definitiv nicht (und will es auch nicht sein), stattdessen aber eine kleine, schräge, bonbonfarbene, surreale und höchst bissige Satire, die formal nichts, aber inhaltlich alles mit der Realität zu tun hat. Und dazu gibt es noch haufenweise hübsche Kerle.
Was will man mehr?

08/10



Spanien geht den Bach runter, aber zu saufen gibt es noch genug. Stößchen!
Das Flugpersonal aus "Fliegende Liebende"


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