Samstag, 30. November 2013

Beautiful Boy (2010)

Das Mittelstands-Ehepaar Bill (Michael Sheen) und Kate (Maria Bello) steht kurz vor der Scheidung, will sich aber noch einmal eine letzte Chance geben. Da erreicht beide die schockierende Nachricht, dass ihr 18-jähriger Sohn bei einem Amoklauf an seiner Schule mehrere Menschen erschossen hat und von der Polizei getötet wurde. Von Presse und Öffentlichkeit verfolgt, suchen sie zunächst Zuflucht bei Verwandten, aber das kann keine Dauerlösung sein. Dem andauernden Druck und den eigenen Schuldgefühlen ausgesetzt, scheinen Bill und Kate sich kurz wieder anzunähern, dann aber folgt die Selbstzerfleischung...

Das hört sich nicht gerade nach einem Wohlfühl-Film für nette DVD-Abende an, und dafür ist BEAUTIFUL BOY auch nicht gedacht (tatsächlich würde er wohl die Stimmung komplett ruinieren). Stattdessen handelt es sich hier um beeindruckendes Schauspiel-Kino, das wichtige Fragen stellt und deren Beantwortung dem Zuschauer überlässt. Ähnlich wie "We need to talk about Kevin" (2011) nimmt sich BEAUTIFUL BOY des (leider) immer aktuellen Themas 'Amoklauf von Teenagern' an, konzentriert sich aber auf die Situation der Hinterbliebenen, in diesem Fall die der Eltern, deren Ehe ohnehin schon am Abgrund stand und nun ein weiteres Mal auf die Probe gestellt wird. Wie schafft man es, mit solchen Ereignissen fertig zu werden, welche Fehler haben die Eltern womöglich bei der Erziehung gemacht, sind sie verantwortlich für die Verzweiflungstat des Kindes, und wie begegnen sie den Eltern der getöteten Mitschüler? Kann man nach einem solchen Vorfall überhaupt wieder ein normales Leben führen? 

Interessant ist dabei die Rollenverteilung. Die von Maria Bello gespielte Mutter Kate kann zunächst nicht loslassen und sucht die Schuld bei sich, während Ehemann Bill eben jene Normalität wieder herstellen will, im weiteren Verlauf aber erweist sich Kate als deutlich zäher und stärker, während Bill immer mehr eine soziale und emotionale Talfahrt durchlebt, an deren Ende die komplette Isolation steht.

Als Zuschauer hat man naturgemäß (und glücklicherweise, muss man sagen) Probleme, sich in diese Extremlage der Charaktere hineinzuversetzen, aber BEAUTIFUL BOY bleibt durchweg glaubwürdig und nachvollziehbar, ohne dabei zu sehr in Mainstream-Vorhersehbarkeit oder Arthaus-Schnickschnack abzugleiten. Er folgt stets dicht seinen Figuren, und die werden grandios von Sheen und Bello verkörpert. Allein ihre intensive Darstellung wäre schon Grund genug, sich BEAUTIFUL BOY anzusehen. Michael Sheen gehört ohnehin zu den besten Schauspielern dieser Zeit und beweist immer wieder erstaunliche Wandlungsfähigkeit, Maria Bello wurde in ihrer Karriere viel zu oft als hübsches Beiwerk in mittelmäßigen Filmen besetzt (u.a. als 'sexy Psychologin' im "Assault on Precinct 13"-Remake sowie jüngst in einer gefloppten TV-Neuauflage von "Prime Suspect') und kann hier endlich ihre schauspielerische Bandbreite zeigen.

Da mutet es schon sehr seltsam an (und ist ebenso bezeichnend), dass BEAUTIFUL BOY weder bei den Oscars noch bei anderen wichtigen Preisverleihungen in den USA überhaupt berücksichtigt wurde. In Deutschland hat es der Film bislang nicht einmal zu einer DVD-Veröffentlichung gebracht, dabei handelt es sich hier um einen der besten amerikanischen Filme des Jahres 2010. Ich kann ihn jedenfalls nur wärmstes empfehlen und damit meinen kleinen Beitrag leisten, dass BEAUTIFUL BOY wenigstens nicht komplett in der Versenkung verschwindet.
Und für den fröhlichen Popcorn-Abend gibt es ja genügend anderes Material.

09/10

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