Freitag, 4. Oktober 2013

Mosquito - Der Schänder (1976)

Aus der Schweiz kommt nicht nur feinste Schokolade, sondern gelegentlich auch ein interessanter Genrebeitrag wie dieser.

MOSQUITO - DER SCHÄNDER ist ein düsteres, deprimierendes Psychodrama mit Splattereffekten, eine Mischung aus "Martin" (1977) und "Peeping Tom" (1962), die mit Sicherheit Joe D'Amato zu seinem Kultklassiker "Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf" (1979) inspiriert haben muss, denn die Ähnlichkeiten sind unübersehbar. Wie schwierig MOSQUITO zu vermarkten war, zeigt sich an dem hübschen Kinoplakat, das irgendwie noch an die Edgar Wallace-Reihe erinnert, die aber 1976 schon beendet war.

Werner Pochath spielt in MOSQUITO einen taubstummen Büroangestellten, der als Kind regelmäßig Prügel bezog und zusehen musste, wie Papa die kleine Schwester missbraucht. So ist aus dem sensiblen Jungen ein verstörter Erwachsener mit sonderbaren Vorlieben geworden, der keinen natürlichen Umgang mit Sex kennt. Er wohnt in einer beklemmenden Wohnung zwischen lauter Puppen und bricht nachts in Leichenhallen ein, wo er tote Frauen (die seltsamerweise alle jung und attraktiv sind) verstümmelt. Wirklich nekrophil ist er aber nicht, zumindest lebt er das nicht aus. Liebesgefühle empfindet Werner nur für ein junges Mädel aus seinem Wohnhaus. Als sie stirbt, schändet er auch ihre Leiche und wird endgültig zum Mörder...

MOSQUITO beruht auf einem wahren Fall, was dem makaberen Geschehen eine sehr bittere Note verleiht. Regisseur Marijan David Vajda stattet seinen Film mit reichlich prallen Brüsten, schlecht synchronisierten Porno-Dialogen und einer vollkommen überflüssigen (bzw. einer für das Trash-Kino der 70er absolut notwendigen) lesbischen Sex-Szene aus, um ihn für örtliche Bahnhofskinos salonfähig zu machen, aber es steckt mehr drin in diesem eigenartigen Gebräu.
Obwohl die Gore-Szenen nicht gerade überzeugend umgesetzt und die Leichen deutlich als Schaufensterpuppen erkennbar sind, haben die Szenen von Pochath bei der Leichenschändung in diversen Kapellen eine beklemmende Wirkung, der man sich schwer entziehen kann. Überhaupt ist das Thema Leichenschändung keines, das man täglich sehen würde (oder möchte), und der Tabubruch wird durch die atmosphärische, ungewöhnliche Musikuntermalung noch verstärkt.

In seinen besten Momenten kann MOSQUITO - gerade durch das realistische Ambiente - ähnlich fesseln wie ein früher Fassbinder (man stelle sich einen "Warum läuft Herr R. Amok?" als Horrorfilm vor), und er kommt mit nur sehr wenigen Dialogen aus. Der psychologische Hintergrund des Schänders mag überfrachtet und grob vereinfacht sein, aber er erzeugt durchaus Mitgefühl für den derangierten (Anti-)Helden. Lediglich die Zuneigung, die er für die ebenso eigenwillige Nachbarin aufbringt, die im Tütü durch Hinterhöfe und Wälder jubiliert, ist für meinen Geschmack zu starker Tobak und reiner Kitsch. Der wird durch das intensive Spiel Werner Pochaths wett gemacht, der mit seiner Darstellung des traurigen kleinen Jungen im Erwachsenenkörper den klassischen Film-Psychopathen Mark Lewis und Norman Bates das Wasser, bzw. die blutigen Hände reichen kann - auch wenn MOSQUITO natürlich nie die Klasse eines Powell oder Hitchcock erreicht (und auch nicht anstrebt). Er ist eher der schmuddlige, zurückgebliebene Verwandte dieser Herren, der auf dem Dachboden haust, und für den man sich auf Familienfesten entschuldigen muss.

Aufgrund des eher bedächtigen Tempos mag der eine oder andere sich streckenweise langweilen, doch Dranbleiben lohnt sich. Wer bei MOSQUITO deutschsprachigen Exploitation-Müll wie "Magdalena - Vom Teufel besessen" (1974) erwartet, wird angenehm überrascht werden, wie ernsthaft und eindringlich dieses Psychodrama gelungen ist. MOSQUITO wäre komplett in Vergessenheit geraten, wenn sich nicht eine kleine Fangemeinde gefunden hätte, die ihn vor der Versenkung bewahrt hat.

7.5/10


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