Samstag, 7. September 2013

Unter Null (1987)

Aus der Reihe "Was macht eigentlich...?" stammt dieses Jugend-und Drogendrama der späten 80er, das auf dem gleichnamigen Roman von Bret Easton Ellis ("American Psycho") basiert und eine ziellose Generation von wohlhabenden Beverly Hills-Schulabgängern beschreibt, die sich dank Kokain, Crack und Speed Leben und Zukunft ruiniert.

Der Plot: Clay (Andrew McCarthy), Julian (Robert Downbey Jr.) und Blair (Jamie Gertz) waren beste Freunde in Schultagen, jetzt haben sich ihre Wege getrennt. Zur Weihnachtsfeier kommt Clay auf Bitten von Blair nach Hause und muss erkennen, dass seine ehemaligen Freunde tief im Drogensumpf stecken. Während das erfolgreiche Model Blair sich das Hirn wegkokst, greift Julian bereits zu härteren Sachen und schuldet dem ehemaligen Schulfreund Rip (James Spader), der sich jetzt als Dealer betätigt, einen Haufen Geld, das er als Stricher abarbeitet...

Keine schöne Geschichte, aber eine interessante Umkehr der typischen 80er-Teenie-Komödien à la "Das Geheimnis mein es Erfolges" (1984), in denen stets das Yuppietum gefeiert wurde. Die Protagonisten von UNTER NULL (Less than Zero) wachsen in exklusiv designten Nobelhütten auf, fahren teure Wagen und gehen auf coole Parties, stammen aber allesamt aus zerrütteten Familien, haben jeden emotionalen Kontakt zu Eltern und Freunden verloren und trudeln unaufhaltsam in den Abgrund.
Was in Ellis' Roman eine zynische Abrechnung mit den Werten der 80er und eine Zustandsbeschreibung der nutzlosen Menschen ('Useless People') von Beverly Hills war, verkommt im Film leider zu einer eher oberflächlichen "Sag nein zu Drogen"-Nummer. Verständlich, wenn man bedenkt, dass die Reagans gerade an der Macht waren (die Anti-Drogen-Kampagne war Nancys Steckenpferd), aber trotzdem schade. Eine Großaufnahme von Andrew MccCarthy, der in eine Schüssel mit Jelly Beans (Ronald Reagans Lieblings-Süßigkeit) greift, ist eine deutliche Anspielung auf die Ära und möglicherweise eine Entschuldigung des britischen Filmemachers Marek Kanievska, der kurz zuvor mit dem anspruchsvollen Internatsdrama "Another Country" (1984) einen Achtungserfolg feiern konnte, sich hier aber komplett dem Hollywood-Mainstream unterordnen muss. Das ist bitterer als Robert Downey Jr.'s Drogenexzesse im Film.

So muss Andrew McCarthy nun als konsequenter 'Nein'-Sager durch den Film gehen und den sympathischen Saubermann spielen, dessen Motive abedr immer unklar bleiben. Er ist ein Beobachter und bleibt bis zum letzten Drittel komplett passiv. Da der Film die jugendliche Zielgruppe ansprechen, diese aber nicht verschrecken will, bleibt das ganze Drama stets Fassade. UNTER NULL geht trotz seiner düsteren Themen nie dahin, wo es weh tut. Wenn überhaupt mal Realismus durchblitzt, dann in Robert Downey Jr.'s Spiel, das den Film absolut sehenswert macht. Zyniker würden bemerken, dass seine Besetzung geradezu prophetisch anmutet, hat er doch später ausreichend eigene Erfahrung mit Drogenkonsum gemacht. Aber wer hätte damals gedacht, dass von den heißen Jungstars du jour, die UNTER NULL bevölkern, ausgerechnet Downey heute noch ein Mega-Kinostar ist, während Andrew McCarthy und Jamie Gertz  zwar noch gut  im Fernsehen beschäftigt, aber weit entfernt von Starruhm sind?

Neben ihnen spielt übrigens James Spader (zum wiederholten Mal neben Andrew McCarthy, die zum sogenannten 'Brat Pack' der 80er  gehörten) einen albern-schmierigen Drogendealer (komplett mit gegelten Haaren, Whirlpool und wasserfestem Handy von der Größe eines Ziegelsteins), und man kann froh sein, dass der talentierte Spader nach vielen ähnlich grotesken Auftritten (in Komödien wie "Mannequin" oder "Baby Boom", wo er stets den skurrill-ekelhaften Bösewicht mimte) von Steven Soderbergh in "Sex, Lügen und Video" (1990) endlich als Schauspieler entdeckt wurde und seitdem eine beachtliche Filmografie vorweisen kann.

Der größte Schwachpunkt von UNTER NULL ist aber doch das Ende, das wunderbar als Musterbeispiel für Mainstream-Schizophrenie herhalten kann. Da wird endlich mal ein konsequent-bitterer Schlusspunkt gesetzt, nur um diesen dann mit einem komplett unglaubwürdigen 'Hoffnungsschimmer' aufzuweichen, der das Publikum versöhnen soll (damit es nicht deprimiert nach Hause geht und allen Bekannten erzählt, der Film sei ein 'Downer'), der aber keinen Sinn macht, wenn man die Charaktere ernst nimmt. Mit dem Ende des Romans hat es natürlich auch nichts zu tun.

Aber genug mit dem Gemecker, denn neben allen Schwächen muss man sagen, dass UNTER NULL extrem unterhaltsam ist und - vor allem - fantastisch aussieht. Wer eine Zeitreise in die 80er unternehmen will, braucht keinen Flux-Kompensator, sondern kann einfach die DVD einlegen. Ausstattung, Kostüme und Musik übertreffen sich förmlich an Zeitgeist-Kreativität. Die Anzüge sind grau und ausladend, die Ohrringe gigantisch, aufgestapelte Fernseher dienen als Dekorationsobjekte, dazu dröhnt an allen Ecken und Enden gut ausgewählter Pop. UNTER NULL ist von vorne bis hinten durchgestylt, gnadenlos auf Schick getrimmt und ein Fest fürs Nostalgie-Auge.
Obwohl Robert Downey jr. den Film schauspielerisch dominiert, sind die Leistungen seiner Kollegen ebenfalls durchweg sehenswert (bei MccCarthy bin ich mir nach wie vor nicht sicher, ob er nur hübsch aussieht oder auch spielen kann). Filmkomponist Thomas Newman sorgt mit seinen wenigen Score-Passagen zwischen den Popsongs für die Emotionalität, die dem Film ansonsten abgeht. Wirklich warm wird man nie mit einer der Figuren, aber das ist auch nicht zwingend notwendig, um UNTER NULL genießen zu können. Man lehnt sich einfach zurück, genießt den 80er-Flash und sieht zu, wie sich die verzogenen Gören das Leben zur Hölle machen.

UNTER NULL war nicht der erwartete Hit an den Kinokassen, weil die Teenager der 80er offenbar keinen Bock auf moralische Zeigefinger hatten (so erging es auch dem zeitgleichen Drama "Die grellen Lichter der Großstadt", in dem Teenie-Liebling Michael J. Fox eine hervorragende Vorstellung gab, die seine Fans aber leider nicht von ihm sehen wollten). Auch die Kritiker sprangen sehr unsanft mit dem Film um. Ich persönlich mochte UNTER NULL schon damals und konnte bei aktueller Sichtung feststellen, das er ausgezeichnet gealtert ist und heute vielleicht sogar besser funktioniert. Als einprägsames und gut beobachtetes Zeitdokument gehört er sicher zu den unterschätzten Beiträgen des 80er-Kinos. Er ist außerdem gelungener als die 'erwachsene Variante' "Der Preis des Erfolges" (1988). Wer allerdings die ungeschönte Drogenhölle der 80er-Kids sehen will, der sollte sich lieber gleich "Christiane F." (1981) anschauen. 

7.5/10

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