Sonntag, 22. September 2013

Tödliche Absichten (1994)

Die gute Jamie Lee Curtis ist in ihrer frühen Karriere so oft von maskierten Schlitzern und fiesen Psychopathen gejagt worden, dass sie offensichtlich viel Spaß dabei hatte, in TÖDLICHE ABSICHTEN mal den bösen Part zu übernehmen. Und das macht sie grandios. 

Während der Psycho-Thriller "Die Hand an der Wiege" (1992) kurz zuvor mit einem Frauenduell um Familie, Ehemann und Mutterschaft abräumte, blieb dem thematisch ähnlichen TÖDLICHE ABSICHTEN (Mother's Boys) der Erfolg weitgehend versagt, obwohl er im direkten Vergleich der intelligentere Film ist. Warum er beim Publikum nicht zündete und auch heute noch eine eher bescheidene Durchschnittsnote in der IMDB erhält, kann ich beim besten Willen nicht sagen, ich mochte ihn schon damals und habe ihn jetzt wieder mit großem Vergnügen gesehen.

In TÖDLICHE ABSICHTEN (ein nicht nur öder, sondern auch falscher deutscher Titel, denn die tödlichen Absichten kommen erst sehr spät ins Spiel) spielt Jamie Lee Curtis die wohl einzig negative Figur ihrer bisherigen Karriere (zumindest ist mir keine andere bekannt). Vor drei Jahren hat Judith (Curtis) ihren Mann (Peter Gallagher) und die drei Kinder verlassen. Jetzt kehrt sie zurück und will ihre Familie wieder haben, doch der Gatte ist bereits mit einer sympathischen Schuldirektorin (Joanne Whalley-Kilmer) liiert und immer noch sauer auf seine Ex. Nachdem Verführung, Stalking und Psycho-Terror nichts nützen, zieht Judith ihren sensiblen Sohn Kes (Luke Edwards) auf ihre Seite, mit dem sie einen mörderischen Plan ausheckt, die Konkurrentin um die Ecke zu bringen...

Natürlich ist TÖDLICHE ABSICHTEN in erster Linie ein Psycho-Thriller, weswegen die Handlung relativ lautmalerisch und übertrieben daherkommt. Dahinter aber verbergen sich durchaus geschickt bespielte Ängste, die wohl jeder, der mal eine Scheidung durchgemacht hat, nachempfinden kann. Neben (berechtigter?) Kritik am Rechtssystem, das der Mutter grundsätzlich mehr Rechte als dem Vater zugesteht, ist besonders das Gezerre um den Sohn Kes, der von beiden Seiten manipuliert wird und nicht weiß, zu wem er gehören will oder soll, schmerzlich anzuschauen, weil das ein ganz übles Spiel ist, das in der Realität nicht selten vorkommt.
Überhaupt geht TÖDLICHE ABSICHTEN mit den Kindern ziemlich robust um - die werden vom Psychokrieg der Eltern (den Jamie Lee Curtis anzettelt, während Gallagher eher hilflos dagegen hält) regelrecht zermalmt und geraten mehrfach in Lebensgefahr. Ganz besonders eine Szene gegen Ende, in der sich der Kleinste der drei Brüder an einer Glasscherbe verletzt, ist schwer auszuhalten. Gut, dass die Kinderdarsteller der Herausforderung gewachsen sind, wobei Luke Edwards als Curtis' Lieblingssohn eine sehr beeindruckende Leistung zeigt.

Den Abräumer-Part aber hat Jamie Lee Curtis, die hier furios, sexy und eiskalt agiert. Man liebt es, sie zu hassen, sozusagen. Als Zuschauer kann man ihre Sehnsucht nach der heilen Familie und den Kindern verstehen, zumal ihre Filmmutter Vanessa Redgrave (wie immer großartig) die tragische Hintergrundgeschichte für Curtis' Verhalten liefert und man Curtis auch (kurz) als Opfer sehen darf. Ihre Handlungen aber sind so hinterhältig, dass man kein Mitleid mit ihr empfindet. Regisseur Yves Simoneau reichert die Beziehung zwischen Curtis und ihrem Filmsohn Edwards dazu mit einer gehörigen Portion Inzest-Tabu an, wenn sie nackt vor ihm in der Badewanne steht und von den guten alten Zeiten schwärmt, als sie zwei Tage in den Wehen lag und er einfach 'nicht raus wollte'.
Dazu benimmt sich Curtis durchweg unberechenbar und sorgt für einen klasse Moment, wenn sie sich im Büro ihrer Rivalin mit einer Glasscherbe die Stirn aufritzt (die Scherben dienen als Leitmotiv für die kaputte Familie, die im wahrsten Sinne 'in Scherben' liegt), um den Eindruck zu erwecken, Whalley-Kilmer habe sie angegriffen.

Neben der famosen Leistung von Jamie Lee Curtis, die den Film komplett dominiert, sorgen Yves Simoneau und sein Kameramann für extrem durchgestylte Bilder und ein ausgefallenes Lichtdesign. Während das Haus der Familie in warmen, realistischen Farben gehalten ist, wird das Luxus-Apartment von Jamie Lee Curtis in grelle, knallig-kalte Farben getaucht, und je mehr Curtis Einfluss auf ihren Sohn nimmt, umso mehr schleichen sich ihre 'kranken' Farbtöne in Gallaghers Haus ein. Sehr einfach, aber sehr effektiv. Während Joanne Whalley-Kilmer Wärme und Natürlichkeit verkörpert, betont der Film immer wieder Curtis' Künstlichkeit, von den makellosen Haaren und extravaganten Kostümen bis hin zu offensichtlichen Rückprojektionen, wenn sie im Auto sitzt. An dieser Frau ist außer ihrer Zuneigung zum Sohn (die anderen beiden Kinder scheinen sie nicht sonderlich zu interessieren) alles unecht.

Achtung, Spoiler:

Das Finale des Films mag einem sehr konstruiert und über die Maßen unglaubwürdig vorkommen (es ist dermaßen over the Top, dass es unfreiwillig komisch wird, wenn Whalley-Kilmer als 'Super-Mom' gleich allen drei Kindern nacheinander das Leben retten muss), aber es ist äußerst unterhaltsam und schließt gleich mehrere Kreise (Curtis, die als Kind mitansehen musste, wie ihr Vater sich zu Tode stürzte, macht selbst einen tödlichen Abflug, den wiederum ihr Sohn mitansieht). Anders als ein "Die Hand an der Wiege", wo am Ende die heile Familie triumphiert, konzentriert sich TÖDLICHE ABSICHTEN zum Schluss auf den traumatisierten Sohn, von dem man annehmen darf, dass er ähnlich soziopathische Eigenschaften entwickeln wird wie seine Killer-Mami.

Spoiler Ende. 

TÖDLICHE ABSICHTEN ist ein rundum spannender, gut gespielter und hervorragend fotografierter Thriller mit (begrenztem) Tiefgang, der mehr Beachtung verdient hätte. Er ist zudem sehr gut gealtert und sieht sich heute noch so gut weg wie damals. Natürlich ist er kein Meilenstein der Thriller-Geschichte, aber innerhalb der engen Grenzen des Psychopathen-Genres funktioniert er bestens. Von mir gibt's keine Beanstandung.

8.5/10

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