Dienstag, 6. August 2013

Weekend (2011)

Wer kennt das nicht? Ein harmloser One Night Stand im Alkoholrausch, und bumms, ist man verliebt. Was dann?

Bademeister Russell (Tom Cullen) lebt in einem anonymen Neubau in Nottingham und lernt nach einem durchzechten Abend in einem schwulen Club den Künstler Glen (Chris New) kennen. Aus einer leidenschaftlichen Nacht werden drei gemeinsame Tage, an denen sich beide näher kommen, doch am Ende des Wochenendes hat Glen eine zweijährige Reise in die USA geplant. Wird das Wochenende daran etwas ändern?

Was in der Beschreibung wie eine typische Gay-Romanze mit rührigem Happy End klingt, das ist in Wirklichkeit einer der besten Filme des Jahres 2011, eine britische Independent-Produktion, die durch Realismus, Bescheidenheit, fantastisch ausgearbeitete Charaktere und zwei exzellente Hauptdarsteller begeistert.

WEEKEND (Weekend) ist eine Liebesgeschichte, kommt aber komplett ohne Kitsch aus (wenngleich nicht ohne Tränen, sowohl bei den Figuren als auch bei weiten Teilen des Publikums) und ist von vorne bis hinten unverstellt und ungekünstelt, eine Art "Brokeback Mountain" im Cinema-Vérité-Stil. Eine äußerliche Handlung gibt es nicht, Regisseur Andrew Haigh verzichtet auch auf einen begleitenden Score, sondern setzt Musik nur punktuell ein, wenn sie auch zur Szenerie gehört (in Clubs, Kneipen, auf Parties).
WEEKEND folgt damit Vorbildern wie "Before Sunrise" (1995) und lässt die Romanze lediglich über Spiel und Dialoge entstehen, die nur selten einen geschriebenen Eindruck machen, sondern vielmehr spontan, imprivisiert und naturalistisch wirken. Gleichzeitig gibt es unendlich viele kleine Charakterdetails, welche die Figuren zu greifbaren, auch widersprüchlichen Persönlichkeiten machen. Der Sex ist (weitgehend) unverklemmt, daneben wird eine Menge gesoffen, gekokst und gekifft, aber stets ohne moralischen Zeigefinger, weil es als Alltags- bzw. Wochenendbeschäftigung der Charaktere dazugehört und nicht zu 'dramatischen Konsequenzen' führt.

Das Beste an WEEKEND aber ist die Chemie der beiden Hauptdarsteller Cullan und New, ohne die der Film vermutlich nicht funktionieren würde. Beide spielen ihre Rollen so nuanciert und glaubwürdig, dass man oft das Gefühl hat, die Kamera würde unfreiwillig in das Intimleben dieser zwei Menschen eindringen. Obwohl WEEKEND bekannte Themen wie Coming Out, Ausgrenzung und schwules Selbstbewusstsein bespielt (Russell ist zwar geoutet, hat aber ein Problem mit Intimität in der Öffentlichkeit und spricht mit seinen Freunden nicht über sein Sexualleben, obwohl sie von seiner Homosexualität wissen), verkommt der Film nie zur vorhersehbaren Schmonzette, sondern bleibt durchgehend authentisch. Das ausgelutschte, schreckliche Wort 'gefühlsecht' trifft hier auf positive Weise voll ins Schwarze.

Lediglich der letzte Akt mag ein ganz kleines bisschen enttäuschen, aber da der Film einen Großteil seiner Spannung aus der Frage zieht, wie das Wochenende für beide ausgehen wird, will ich an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen. Trotzdem soll erwähnt werden, dass WEEKEND am Ende eine Szene, die wir schon gefühlte tausendmal gesehen haben, durch radikalen Verzicht und die Konzentration aufs Wesentliche wirklich herzergreifend hinbekommt, und das ist keine Kleinigkeit.

WEEKEND ist erwachsenes, ehrliches und berührendes Kino, das man sich hierzulande nur wünschen kann, und das (gottseidank) von künstlichen Hollywood-Romanzen Lichtjahre entfernt ist. Klare Empfehlung, nicht nur für die Zielgruppe. Für mich der beste schwule Film seit vielen Jahren.

09/10





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