Freitag, 16. August 2013

Passion (2012)

Brian De Palma ist zurück in seinem Element, dem erotischen Thriller mit Hitchcock-Anleihen, den er in den 80ern perfektionierte. Aber ist das ein Grund zur Freude?

Als Vorbild nahm er das französische Psychodrama "Love Crime" (2010). Der Plot bleibt unverändert bis in die Details: Die biestige Chefin (Rachel McAdams) einer Werbeagentur hintergeht und demütigt ihre mausgraue Assistentin (Noomi Rapace) so lange, bis diese sich nur noch mit Mord zu helfen weiß und einen raffinierten Plan ausheckt, die Vorgesetzte um die Ecke zu bringen und deren Lover dafür in den Knast zu schicken.

So weit, so bekannt. Stellen wir als erstes fest, dass es rational überhaupt keinen Grund gibt, ein Remake von "Love Crime" anzufertigen, denn der ist ein exzellenter Film mit zwei wunderbaren Hauptdarstellerinnen (Kristin Scott Thomas & Ludivine Sagnier), der seine Spannung aus leisen Zwischentönen bezieht. Brian De Palma ist nun weniger der Mann fürs Subtile. Während das französische Original leise und gedämpft daherkommt (bis ins Kostümbild hinein), ist in PASSION (Passion) alles laut und schrill. Die Kostüme sind knallig, die seelenlosen Büro-Sets grell ausgeleuchtet, und die erotische Spannung zwischen den Hauptfiguren, die im Original nur knisternd angedeutet wurde, verwandelt sich unter De Palmas Regie in feuchte Küsse, wildes Gegrapsche und sexuelle Nötigung. Das wundert nicht, wenn man "Femme Fatale" (2002) gesehen hat und De Palmas kindliche Freude an neckisch-lesbischen Spielchen kennt - die ihr Verfallsdatum spätestens seit Erfindung des Internets verloren haben. Heute kann ein Spielfilm einfach niemanden mehr mit kinky Masken, Dildos und Strap-Ons hinter dem Ofen hervorlocken, außer vielleicht ein paar Hinterwäldler oder Zeugen Jehovas.

PASSION ist eine französisch-deutsche Co-Produktion, deswegen spielt der Film in Berlin (was man an schlechten Greenscreens hinter Fensterscheiben erkennen kann), und deswegen laufen deutsche Schauspieler wie Benjamin Sadler oder Dominic Raacke kurz durchs Bild und sagen klischeehafte Dialoge auf. Der Schauplatz aber spielt keine weitere Rolle, es könnte genau so gut Paris oder Rom sein. Leider stand De Palma nicht so viel Geld zur Verfügung, um den Bildern die gewohnte Ausdruckskraft zu verleihen. Offen gesagt, sieht PASSION über weite Strecken sehr billig aus und wirkt stellenweise wie eine Video-Premiere aus den 90ern (und das nicht im guten Sinne). Da helfen auch keine verzerrten Kamerapositionen oder Jalousien-Schatten an der Wand, die irgendwie einen Noir-Eindruck vermitteln sollen. Eine Betriebsfeier des Multi-Millionen-Konzerns sehen wir z.B. nie in der Totalen, so dass man schnell erkennt, dass lediglich zehn Darsteller herumstehen. Und das "tolle Werbevideo", das im Film für Furore sorgt, ist furchtbar peinlich.

Auch die De Palma-Trademarks wie Splitscreen und Alptraum-Sequenzen nützen nichts, wenn die Charaktere uninteressant sind, und hier begeht PASSION den gröbsten Fehler. Rapace und McAdams zeigen zwar annehmbare Leistungen (wobei sich McAdams eher wie eine eitle Highschool-Zicke aufführt und weniger wie die erwachsene Abteilungsleiterin eines internationalen Konzerns. Man fragt sich ohnehin, ob ein Rollentausch der Damen nicht besser gewesen wäre), doch sämtliche Emotionen und Motivationen sind geradezu absurd unglaubwürdig. Wo "Love Crime" sich für die Menschen hinter den Figuren interessiert, interessiert sich PASSION stattdessen für Fetische wie Schuhe, Accessoires und Bettwäsche. Von wegen Passion, hier gibt es weit und breit keine Leidenschaft zu sehen oder zu spüren.
Die erste Filmhälfte ist sogar - und das ist das Schlimmste, was man über einen De Palma sagen kann - todlangweilig geraten. Dazu nimmt sich der Film auch noch trotz der albernen Story viel zu ernst - es sei denn, man findet ein Schuh-Model witzig, das auf dem Laufsteg ausrutscht und auf dem Arsch landet. Und warum De Palma das Psychogramm zugunsten eines simplen Whodunits aufgibt, verstehe wer will. Das wäre Hitchcock nicht passiert.

In der zweiten Filmhälfte bemüht sich der Regisseur um etwas Suspense, aber es wird einfach nie spannend, und erotisch schon gar nicht. Am Ende (keine Sorge, es folgt kein Spoiler) bietet er seinen Fans noch eine typische De Palma-Sequenz mit verschachtelten Parallelhandlungen, Treppenhaus und Fahrstuhl an, aber die Bankrotterklärung war nie offensichtlicher, zumal er mit dem Schluss-Schock schon wieder Argentos "Tenebre" (1982) klaut, den er schon in "Mein Bruder Kain" (1992) verwurstete. Wie oft denn nun noch?

Apropos Argento - die beiden ehemaligen Thriller-Meister haben doch erstaunlich ähnliche Karrieren. Keiner von beiden hat in den letzten 20 Jahren einen wirklich guten Film gemacht, und das, was beide am meisten auszeichnete, nämlich die suggestive Bildsprache, ist beiden verloren gegangen (Argentos aktuellen "Dracula 3-D" habe ich nach 20 Minuten entnervt entsorgt, weil ich das Trauerspiel nicht mehr mitansehen konnte). In Großbritannien hat PASSION gar nicht erst das Licht der Leinwand erblickt, sondern ist gleich auf dem DVD-Markt gelandet, und das wäre ihm auch hierzulande wiederfahren, wenn nicht die deutsche Filmförderung ihre Finger im Spiel hätte. Dafür ist er im Kino sang- und klanglos untergegangen, und zwar mit Ansage.

Was gibt es zu loben? Das Beste am Film ist Pino Donaggios Musik, die den Film nicht erschlägt, sondern punktuell grandios eingesetzt wird. Im Finale komponiert Donaggio eine Hommage an seinen eigenen Score zu "Dressed to Kill" (1980), aber die lässt einen nur wehmütig an die gute, alte Zeit zurückdenken, als De Palmas Filme provokant, sexy, satirisch und mörderisch spannend waren. In einer wichtigen Nebenrolle kann Karoline Herfurth (die spektakulär gut aussieht) begeistern, obwohl ihre Figur rein funktional bleibt und - wie alle anderen - nie lebendig wird. Das Kostümbild darf man ebenfalls als sehr originell bezeichnen.

PASSION ist leidlich unterhaltsam, wenn man überhaupt nichts erwartet, aber insgesamt hat man eher den Eindruck, jemand mit deutlich geringerem Talent hätte sich an einem klassischen De Palma versucht und ist damit gründlich gescheitert. Vielleicht soll man PASSION als Parodie verstehen. Das macht ihn aber auch nicht besser.

04/10


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