Freitag, 23. August 2013

Nightmare (1981)

Ein Film, der beißt.

Romano Scavolinis NIGHTMARE (Nightmare in a Damaged Brain) hat nicht nur nichts mit Wes Cravens Elm Street-Reihe zu tun, man könnte ihn sogar als das genaue Gegenteil beschreiben. NIGHTMARE ist weder hochspannend noch technisch oder handwerklich perfekt und schon gar kein Mainstream-Horror. NIGHTMARE ist aus gleich mehreren Gründen ein extrem berüchtigter Billig-Sreifen, der schnell mal auf den Slasher-Zug aufspringen wollte, dabei aber so grimmig und verstörend geraten ist, dass man ihn in einem Atemzug mit William Lustigs "Maniac" (1980) nennen kann. So landete er in Großbritannien umgehend nach Erscheinen auf der Liste der "Video Nasties", und der Verleiher für 18 Monate im Knast, weil er sich weigerte, den Film (an einer Stelle) zu kürzen. In Deutschland drohte man gar mit dem sofortigen Beschlagnahmebeschluss, bevor der Film überhaupt das Licht der Videotheken entdeckte.

Der Plot von NIGHTMARE ist schnell erzählt: ein traumatisierter Killer kommt aus der Nervenheilanstalt und wird von grausamen Alpträumen geplagt, in denen sich ein schreckliches Erlebnis seiner Kindheit abspielt. Jetzt ist er auf dem Weg nach Florida zu Frau und Sohn, die er bereits mit Telefonanrufen terrorisiert. Der Drang zum Töten wird immer heftiger, je mehr sich die Alpträume häufen, und schnell müssen unschuldige Frauen und Babysitter dran glauben...

Da hat sich Romano Scavolini viel von John Carpenters "Halloween" (1978) geborgt, aber wo Carpenters Film eine perfekte Thriller-Maschine war, ist NIGHTMARE ein schundiges, schmieriges und stellenweise amateurhaftes Hinterhof-Filmchen ohne namhafte Schauspieler oder Production Values - mit einer Ausnahme. Für die Gore-Effekte, von denen es reichlich gibt, wird im Vorspann Make-Up-Meister Tom Savini genannt, und dessen Mitwirkung ist ein offenes Rätesl, denn der streitet bis heute ab, am Film beteiligt gewesen zu sein. Obwohl Fotos vom Set Savini bei der Arbeit zeigen, hat der Künstler stets behauptet, er sei bestenfalls als Berater tätig gewesen. Man spekuliert, dass Savini das aus Höflichkeit und Anstand abstreitet, weil er dem eigentlichen Maskenbildner Lester Lorrain (der sich kurz nach Veröffentlichung des Films das Leben nahm) nicht den Credit stehlen wollte. Jedenfalls drohte Savini mit Klage, wenn sein Name nicht aus dem Vorspann entfernt würde, was dann auch geschah (auf aktuellen Prints ist er aber wieder zu lesen), obwohl die Produktion versuchte, seinen Namen zu 'kaufen' - immerhin galt Savinis Mitwirkung seinerzeit als Ritterschlag und Kassengarant für jeden Horrorfilm.

Aber zurück zum Film, der sich praktisch im Sleaze suhlt. Dafür steht u.a. eine Szene, in der Hauptdarsteller Baird Stafford auf seinem Weg nach Hause eine trashige Peep-Show besucht, dort von Alpträumen heimgesucht wird und mit Schaum vorm Mund zuckend zusammenbricht. Alles nicht schön anzusehen. Die blutigen Morde sind geschmacklos und in ihrer drastischen Darstellung kaum zu überbieten. Obwohl die simplen Effekte offensichtlich sind, muss man aber sagen, dass hier die große Stärke von NIGHTMARE liegt - wenn man das als Stärke bezeichnen mag. Tatsache ist: er lässt nicht kalt. NIGHTMARE hinterlässt einen sehr unangenehmen, beunruhigenden Nachgeschmack, dem man sich schwer entziehen kann. Selbst wenn man ihn als Trash abgetan hat, geht er einem nicht so leicht aus dem Kopf, und das nicht nur wegen der Splatter-Momente, sondern wegen seiner durchweg bedrückenden Atmosphäre.

Seinen Vetter "Maniac" habe ich schon angesprochen, aber auch "Henry - Portrait of a Serial Killer" (1986) ist ein naher Verwandter, auch mein persönlicher Geheimtipp "Angst" (1983) oder Buttgereits "Schramm" (1994) schlagen in dieselbe Kerbe. Das sind alles Werke, mit denen man sich auseinandersetzen muss, weil ihr Anspruch über die übliche Horror-Zwischenmahlzeit hinausgeht. Die Gewalt in NIGHTMARE erreicht ein schwer erträgliches Level (man könnte ihn gut als "Blutbad" beschreiben), insbesondere durch die Einbeziehung von Kindern ("Halloween" wirkt dagegen extrem harmlos, gerade was die Bedrohung der Kindercharaktere angeht, an denen Michael Myers offenbar kein Interesse hat). Mord und Totschlag werden hier nicht verharmlost, um ein paar Teenies zum Kreischen zu bringen. Das Popcorn soll dem Zuschauer nicht nur im Halse steckenbleiben, sondern am besten gleich wieder hochkommen. Man tut dem Film Unrecht, wenn man ihn nur als billige Sensationsmache sieht.

Dass staatliche Prüfstellen einen solchen Film natürlich umgehend aus dem Verkehr ziehen wollen, ist klar. Das Publikum soll sich lieber anschauen, wie in Schwarzeneggers "Phantom Kommando" (1985) hunderte Nebendarsteller abgeschlachtet werden, ohne dass sonderlich viel Blut fließt und ein abgetrennter Arm noch Lacher erzeugt. Dagegen ist auch nichts einzuwenden (immerhin ist "Phantom Kommando" einer der besten blöden Filme aller Zeiten), aber es muss auch die anderen Filme geben, die Gewalt als das beschreiben, was sie ist: sinnlos und abstoßend - und somit brutal realistisch (inklusive der Tatsache, dass Axt- und Messermorde eine ziemliche Schweinerei anrichten, wie man hier gut sehen kann).

Zur Wirkung von NIGHTMARE trägt besonders die Schluss-Szene bei, in der wir das traumatische Kindheitserlebnis des Killers in voller Länge sehen dürfen. Diese Sequenz (auf die ich aus Spoiler-Gründen nicht näher eingehe) ist gleichzeitig scheußlich brutal, tragisch, lächerlich und auf seltsame Weise berührend (und das Kind ist perfekt gecastet! Man fragt sich nur, welche Eltern ihren Sprössling für einen solchen Dreh hergeben). Die angehängte sarkastische Pointe ist da gar nicht mehr nötig, obwohl sie einen Kreislauf der Gewalt anspricht, in dem sich die Opfer von Terror bald selbst als Täter wiederfinden.

Ich kann NIGHTMARE weißgott nicht jedem empfehlen (und in Horror-Kreisen mag ihn auch fast niemand). Man braucht schon einen starken Magen und gute Nerven. Man braucht auch Sitzfleisch, weil es zwischendurch immer mal sehr langatmig wird. Aber er wirkt lange nach. Ein Film, der fast unmöglich zu werten ist.

7.5/10


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