Samstag, 10. August 2013

I...wie Ikarus (1979)

Der Präsident eines fiktiven europäischen Staates wird in der Öffentlichkeit erschossen. Ein Attentäter, der nach der Tat angeblich Selbstmord begangen hat, ist schnell gefunden. Generalstaatsanwalt Volney (Yves Montand) bezweifelt den Abschlussbericht der Untersuchungskommission und macht sich selbst mit seinem Team auf die Suche nach der Wahrheit. Dabei deckt er eine Verschwörung auf, die bis nach ganz oben reicht...

Der französische Kriminalfilm I...WIE IKARUS (I...Comme Icare) gehört ohne Frage zu den besten Polit-Thrillern aller Zeiten und in eine Reihe mit Klassikern wie "Zeuge einer Verschwörung" (1976), "Die Unbestechlichen" (1976) oder "Vermisst" (1981). Regisseur und Krimi-Spezialist Henri Verneuil nimmt für seinen Thriller das Kennedy-Attentat zum Vorbild und gibt sogar seinem vermeintlichen Attentäter den Namen Daslow, ein Anagramm für Lee Harvey Oswald. Minutiös schildert Verneuil die Aufarbeitung des Attentats und lässt Montand und Kollegen immer neue Spuren finden, die in immer tiefere Abgründe und größere Zusammenhänge führen.
Geradezu beispielhaft ist der Verzicht auf jede Emotionalität - so haben weder Montand noch seine Ermittler scheinbar ein Privatleben, Montand sehen wir nie zu Hause und erfahren erst zum Schluss, dass er überhaupt mit jemandem liiert ist. Er lebt in seinem Büro und handelt als Staatsanwalt nicht aus persönlichen, sondern aus rein beruflichen Motiven. Er ist lediglich seinem Gewissen verpflichtet und versucht, seine Arbeit zu machen. Nichts im Film lenkt von dem aufzuklärenden Fall ab, und der ist so hochspannend, wie man ihn sich von einem Polit-Thriller nur wünschen kann.

Das Böse bekommt in I...WIE IKARUS kein Gesicht, sondern bleibt eine unbekannte Größe, die im Hintergrund die Strippen zieht. Und je näher Montand der Wahrheit kommt (daher die Ikarus-Metapher), umso gefährlicher wird es für ihn. Das politisch engagierte Kino der 70er scherte sich nicht um versöhnliche Aussagen, sondern brachte das tiefe Misstrauen gegenüber staatlichen Organisationen und Obrigkeit in oft verstörender Weise auf die Leinwand. Auch ich kann mich noch erinnern, dass ich I...WIE IKARUS als Halbwüchsiger im TV sah und das Ende mich lange verfolgte. Auch die Szenen, in denen die mysteriösen Tode mehrerer Augenzeugen des Attentats trocken und fast im Vorbeigehen geschildert werden, haben eine zutiefst beunruhigende Wirkung.

I...WIE IKARUS nutzt dazu das bekannte "Milgram-Experiment", in welchem die Autoritätshörigkeit von Versuchspersonen (die anderen Probanden auf Befehl körperliche Schmerzen zufügen mussten) untersucht wurde, zur Erklärung der Attentäter-Motivation und zeichnet damit ein realistisches und beängstigendes Bild einer Gesellschaft, in welcher ein Großteil der Menschen praktisch nur darauf wartet, von Machthabern missbraucht zu werden. Wenn Montand zu einem Geheimdienstler sagt, er glaube an die Wichtigkeit von Geheimdiensten, habe aber die Befürchtung, dass diese sich eines Tages der Kontrolle entziehen, sich selbstständig machen und ihre gesammelten Informationen gegen die Bevölkerung nutzen, dann erreicht I...WIE IKARUS geradezu erschreckende Aktualität.

Umso wichtiger sind Filme wie dieser, die den Zuschauer mit unangenehmen Fragen und Wahrheiten konfrontieren - besonders, wenn sie dazu noch so fesselnd sind. Auch formal ist IKARUS ein Meisterstück, gerade weil er so bescheiden und nüchtern inszeniert ist. Eine moderne Variante wie "8 Blickwinkel" (2008) erreicht trotz allen Aufwands und massig Action nicht ansatzweise die innere Spannung eines I...WIE IKARUS, in dem ein simpler Anruf aus einer Telefonzelle und zwei Autoscheinwerfer ausreichen, um dem Publikum die Haare zu Berge stehen zu lassen.
Schade nur, dass die deutsche DVD ein so schlechtes Bild aufweist (4:3 Letterbox, flackernd und extrem körnig). Wenigstens geht der Ton in Ordnung, so dass Ennio Morricones fabelhafter Score gut zur Geltung kommt.
Wenn man überhaupt etwas an I...WIE IKARUS aussetzen wollte, dann höchstens die merkwürdige Perücke Montands. Das grenzt aber an Mäkelei. Alles andere am Film ist oberste Liga.

10/10




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