Freitag, 26. Juli 2013

Echoes - Stimmen aus der Zwischenwelt (1999)

Der Mystery-Thriller ECHOES (Stir of Echoes) ging leider im Hype um M. Night Shyamalans "The Sixth Sense" (1999) komplett unter, dabei handelt es sich bei dieser Geistergeschichte nicht nur um den weitaus besseren Film (meiner bescheidenen Meinung nach), sondern auch um einen der besten Horrorfilme der 90er Jahre.

David Koepp, der den meisten als Drehbuchator von Blockbustern wie "Jurassic Park" oder "Mission: Impossible" (sowie anderen De Palma-Werken) bekannt sein dürfte, inszenierte mit ECHOES seinen zweiten Spielfilm nach "The Trigger Effect" (1996) und adaptierte hierfür einen Roman des genialen (und jüngst verstorbenen) Sci-Fi-Autors Richard Matheson.
Kevin Bacon spielt in ECHOES einen jungen Familienvater, der sich bei einer Party aus der Alkohollaune heraus von seiner Schwägerin (Illeana Douglas) hypnotisieren lässt und danach mysteriöse Botschaften aus dem Jenseits empfängt. Eine spurlos verschwundene Teenagerin nimmt Kontakt zu ihm auf, und Kevin kommt auf die Spur eines schockierenden Gewaltverbrechens, das ausgerechnet in seinem eigenen Haus stattfand...

In ECHOES zeigt David Koepp, was er bei Spielberg und De Palma gelernt hat. Sein Film ist hochspannend, bietet einige herzhafte Schock-Momente, verzichtet aber weitgehend auf Gore (bis auf eine schwarzhumorige Szene, in der Bacon sich selbst vor dem Badezimmerspiegel einen Zahn zieht, was sogar hartgesottenste Zuschauer zum Kreischen bringen dürfte) und setzt seine Spezialeffekte sparsam und stets im Dienst der Geschichte ein.

Die Story ist natürlich nicht neu - der Geist, der nach Vergeltung sucht und am Ort seines Ablebens herumspukt, geht bis zu Horror-Klassikern wie "Der unheimliche Gast" (1944) zurück. Doch Koepp reichert seine Schauergeschichte mit reichlich Subtexten an. ECHOES ist angenehmerweise unter "einfachen Leuten" in einer Arbeiterwohngegend angesiedelt, in der nicht irgendwelche Teenager in Designer-Lofts hausen (wie sonst üblich im Genre). Kevin Bacon spielt einen Jedermann, der mit seinem ereignislosen Leben und seinem Knochenjob unzufrieden ist und durch den Kontakt mit der Geisterwelt eine neue Aufgabe erhält, die seiner Existenz einen Sinn verleiht, und in die er sich nach anfänglichem Zögern regelrecht verbissen hineinsteigert. Auf der Suche nach der Wahrheit muss er buchstäblich seinen kompletten Besitz auf den Kopf stellen und Grund und Boden von innen nach außen krempeln. Er muss außerdem erkennen, dass seine besten Freunde Dreck am Stecken haben und sich im wahrsten Sinne von allem, was ihm bislang lieb und teuer war, freimachen.

Bacon, den man nie auf ein bestimmtes Image festlegen konnte, zeigt hier eine fantastische Leistung und beweist Mut in einer Rolle, die wohl kaum ein A-Star angenommen hätte, weil es sich - machen wir uns nichts vor - im Grunde um einen femininen Part handelt, der üblicherweise im Genre von Frauen besetzt wird. Bei der Hypnose etwa pflanzt ihm Illeana Douglas den Befehl ein, sich 'zu öffnen'. Kurz später hat er keine Lust mehr am Sex, obwohl seine Partnerin danach verlangt, und seine neue Sensibilität macht ihn zum Empfänger für irrationale Botschaften. Bald schon isoliert er sich immer mehr von seiner Umwelt und wird von Frau und Bekannten für verrückt gehalten. Das machen normalerweise Frauen wie Julie Harris ("Bis das Blut gefriert"), Michelle Pfeiffer ("Schatten der Wahrheit") oder Deborah Kerr ("Schloss des Schreckens") durch. Bacon spielt das nicht nur mit Intensität, sondern auch mit feinem Humor (etwa, wenn er versucht, die Geisterscheinung bewusst herbeizuführen oder sich besagte Zähne zieht), und er ist durchweg absolut glaubwürdig - das wichtigste Element für eine Geistergeschichte. So lange man den Charakteren abnimnmt, dass sie Geister sehen, kann man auch selbst an die Geister glauben.

Im Vergleich mit "The Sixth Sense" schneidet ECHOES besser für mich ab, weil er seine Wirkung nicht ausschließlich aus einer überraschenden Auflösung bezieht, sondern eine von vorne bis hinten stimmige Story mit authentischen Charakteren erzählt, die auch bei mehrfachem Sehen funktioniert und dem Publikum nicht einfach wichtige Informationen verschweigt, damit es am Ende aus dem Sitz springt.
In diesem Sinne ist ECHOES ein angenehm altmodischer Gruselfilm, der zwar stark an den Nerven zerrt, aber weder über Gebühr blutrünstig noch zynisch ist.

09/10

Kommentare:

  1. Wirklich ein hervorragendes Stück Horrorfilm! Ich war mir der zeitlichen Parallelität mit "The Sixth Sense" gar nicht so bewusst - aber ich geb dir definitiv recht: Echoes ist besser. Bei The Sixth Sense knallt zwar das Ende ordentlich in die Synapsen, aber es muss auch entschädigen für einen nicht ganz so spannenden Film. Was man von Echoes nicht sagen kann. Der ist richtig zum Kneten, finde ich, auf jeden Fall sehr spannend. Dass Bacons Rolle (den ich übrigens sehr gern sehe, halte ihn für einen der besten Schauspieler auch für schwierige, schräge Rollen) eher ein weiblicher Part ist, war nicht meine erste Assoziation. Aber ich denke auch darüber nach was Du schreibst (soll man fast nicht glauben, ist aber so :)) und japp, eigentlich hätte seinen Part auch (s)eine Frau spielen können, stimmt. Die hat allerdings in der Beziehung fast schon den männlichen Part und mit der fiebert man auch noch mit bzw. konnte ich mich auch in ihr innerliches Dilemma gut reinversetzen und alles prima nachvollziehen. Echoes ist echt subtil und am Ende voll brachial. Unvergesslichste Szene für mich: Wie Kevin Bacon mit dem Presslufthammer lauthals schreiend den Keller umpflügt! Das ist nun wieder eine ziemlich männliche Szene ;)...

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  2. :-) Das stimmt. Was allein gelassene Männer angeht, die zu Hause die Wohnung zerlegen, kann ich noch "Unheimliche Begegnung" empfehlen, in dem Peter Weller im Kampf gegen eine Riesenratte antritt, ein kleiner Geheimtipp. - Was Kevon Bacon angeht, gebe ich Dir vollkommen recht, ich finde es beeindruckend, wie wenig er festgelegt ist, wie gut er immer spielt und was für mutige Rollen er übernimmt, bei denen andere Angst hätten, sich ihr Image zu versauen. Gruß!

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  3. Danke Dir für den Geheimtipp, ich mach mich auf die Suche nach der Riesenratte - das klingt schon mal guuuut ;).

    Genau, Kevin Bacon ist oft (oder fast immer) auch mutig in der Rollenwahl - es war bestimmt nicht so einfach einen Darsteller für "The Woodsman" zu finden. Das schlechte Image geht ja schon damit los, dass man in die Googlesuche nach dem Film sucht mit "Kevin Bacon Kinderschänder", so wie ich gerade und ich hatte noch ein schlechtes Gewissen dabei. The Woodsman war auch ein richtig guter Film und Kevin großartig in seiner Rolle!

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  4. Diese Google-Autovervollständigung ist ohnehin das Letzte. Ich dachte auch besonders an "The Woodsman" bei Bacons Rollenauswahl. Wenn man bedenkt, dass er in den 80ern mit Teenie-Komödien und nacktem Hintern in "Freitag der 13." angefangen hat, ist er doch wirklich weit gekommen als Charakterdarsteller. Ich mag ihn total gern - vor allem, weil er nicht so ein Milchbubi ist und interessante Kanten hat. Gruß!

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  5. Ach ja, und in "Wahre Lügen" finde ich ihn auch ganz toll. :-)

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