Samstag, 15. Juni 2013

The Cell (2000)

Was geht tief in uns vor?
Im Jahr 1966 inszenierte Richard Fleischer mit seinem Sci-Fi-Klassiker "Die phantastische Reise" eine ebenso spektakuläre wie unheimliche Fahrt einiger Wissenschaftler durch den menschlichen Körper. Über 30 Jahre später bearbeitete  Regisseur Tarsem Singh mit THE CELL (The Cell) einen ganz ähnlichen Stoff - nur dass dieses Mal die Reise direkt ins Unterbewusstsein führen sollte. Als aktuellsten Beitrag dieser Reihe könnte man Christopher Nolans "Inception" (2010) bezeichnen. Stets geht es um die Durchquerung fantastischer innerer Welten, um an spezielle Informationen zu gelangen, die darin verborgen sind.

An THE CELL scheiden sich die Geister. Für die einen ist er lediglich ein in die Länge gezogenes, überproduziertes Musikvideo, für die anderen ein faszinierend surreales Abenteuer. Der verstorbene US-Kritiker Roger Ebert, den man nicht wirklich als Horror-Fan bezeichnen konnte, gab THE CELL mal die volle Punktzahl und nannte ihn einen der zehn besten Filme des Jahres. Ich weiß nicht so recht, Roger...

Jennifer Lopez spielt in THE CELL die Kinderpsychologin und Sozialarbeiterin Catherine, die mittels einer neuartigen Technik in das Unterbewusstsein von komatösen Menschen eindringen und sie darin therapieren kann. Als ein psychisch gestörter Frauenmörder (Vincent D'Onofrio) ins Koma fällt, nachdem er gerade sein letztes Opfer entführt und eingekerkert hat, bittet ein FBI-Agent (Vince Vaughn) sie um Hilfe. Catherine soll den Aufenthaltsort der Entführten ausfindig machen, indem sie in die Seele des Killers eintaucht und die Information dort entdeckt. Das ist natürlich nicht ungefährlich...

Wer jetzt meint, "so etwas gibt es doch gar nicht, wie soll denn das bitte funktionieren?", dem sei gesagt, dass es dem Film darauf nicht ankommt, immerhin strotze auch "Die phantastische Reise" nur so vor Unlogik. Eine fantastische Prämisse muss man eben schlucken oder nicht. Wer allerdings meint, "ist das alles nicht 'Das Schweigen der Lämmer', nur mit Traumsequenzen?", dem kann man absolut zustimmen.
Kurz gesagt: hätte Tarsem Singh auf den ganzen Serienkiller-Quatsch verzichtet und sich mehr um die Horror/Fantasy-Elemente gekümmert, wäre aus THE CELL vielleicht wirklich ein Meisterwerk geworden. Die Krimi-Handlung bietet als Rahmen nichts, was man nicht schon in den 10 Jahren zuvor gesehen hätte - ein derangierter Mörder mit traumatischer Kindheit, der Frauen in Tiefgaragen kidnappt und sie in ein großes Aquarium steckt, das sich langsam mit Wasser füllt, so dass die Opfer ihrem qualvollen Tod langsam entgegensehen. Neu ist daran nur, dass der Täter einen weißen Schäferhund dabei hat, und dass er sich gern selbst quält, indem er sich an Haken auf dem Rücken an der Zimmerdecke aufhängt (falls gerade keine Opfer gequält werden müssen, kann man die Haken auch für Gästehandtücher benutzen).

Was THE CELL aber weit aus der Masse heraushebt, sind die vier (mehr sind es nicht) Unterbewusstseins-Sequenzen, die von einer surrealen Qualität sind, wie man sie nicht oft im amerikanischen Kino findet. In denen wird man mit vielen abgefahrenen ästhetischen Einfällen und Tricks, sowie ausgefallensten Masken und Kostümen beglückt. Wie stellt man nun das Unterbewusstsein eines Killers dar? THE CELL entscheidet sich für eine Mischung aus düsterem Tunnel-Labyrinth (à la "Hellbound", 1988), türkischem Basar (zu dem Komponist Howard Shore eine bizarre, orientalisch geprägte Musik beisteuert), S&M-Puppenstube, Körperwelten-Austellung und italienischer Oper, mit einem guten Schuss H.R. Giger.

Tarsem Singh stellt in diesen Sequenzen mehrere bekannte und unbekannte Gemälde nach, baut Musikvideo- und Filmreferenzen ("Coma", 1978) ein, schmeißt Kitsch, Kunst, Religion, Sex und Gore munter durcheinander, und die pure Ansammlung der Absurditäten ist schon beeindruckend. Da muss sich Vincent D'Onofrio als Teufelchen mit Hörnern verkleiden und darf La Lopez übers Gesicht schlecken, bevor er mit Vince Vaughns Eingeweiden musiziert. Die Diva Lopez wird in extravaganteste Fummel gesteckt, in Glaskästen gequetscht und als Sex-Sklavin an der Leine gehalten, bevor sie als heilsbringende Madonna (!) das innere Kind des Mörders therapiert, um dann als schwarzgewandete Kriegsbraut mit Armbrust das Böse zwischen pinkfarbenen Bäumen zur Strecke bringt. Das ist Grand Guignol vom Feinsten und sieht man garantiert nicht jeden Tag. Man darf (und muss) es neidlos anerkennen, wenn ein Film heute noch dem Zuschauer bislang nie gesehene Bilder zeigen kann.

Ich persönlich bin mittlerweile nach 30 Jahren Horrorfilm-Konsum nicht mehr leicht zu schocken, aber wenn diese seltsame Bodybuilderin bei Lopez' erstem Ausflug ins Gehirn des Killers auftaucht, bekomme ich auch nach mehrfachem Ansehen immer noch eine Gänsehaut, keine Ahnung, warum - vielleicht müsste man mal eine Therapeutin in mein Gehirn schicken, um die verschütteten Erinnerungen freizulegen. Wenn man einen Horrorfilm daran misst, wie viel Angst er erzeugen kann, dann erreicht THE CELL bei mir eine ganz ordentliche Punktzahl. Einige Bilder und Szenarien - wie das von Glaswänden zerteilte Pferd - bleiben unvergesslich. Nebenbei schafft es der Film übrigens tatsächlich, einen kleinen Einblick in die Psyche eines misshandelten Kindes zu gewähren, das sich als Erwachsener nicht anders ausdrücken kann als mit Gewalt. Die finale Tötung des Killers durch Lopez ist insofern mehr als ein übliches Versatzstück, weil man die Tragik nachempfinden kann, die in dieser Exekution verborgen ist. Dieser Junge hatte nie eine Chance.

Der Rest ist leider Standard-Kino, und die Schauspieler so lala. Wenn es das Wort 'uncharismatisch' noch nicht gäbe, müsste man es für Vince Vaugh neu erfinden, und Jennifer Lopez' Darstellung ist - wie so oft - Geschmackssache. Sie spielt ihre Kinderpsychologin mit konstant weinerlicher, gehauchter Stimmlage und posiert albern, selbst wenn sie alleine zu Hause ist und nur den Kühlschrank öffnet (im String natürlich, weil Psychologinnen auch daheim immer darauf achten, sexy zu sein!). Andererseits sah sie selten besser aus und wurde nie ikonenhafter fotografiert (und trug nie unglaublichere Kostüme). Vincent D'Onofrio greift auf viele 'irrer Killer'-Klischees in seinem Spiel zurück, aber auch er wird von Tarsem Singh in den Fantasy-Sequenzen absolut furchteinflößend als Übermonster in Szene gesetzt. In einer Nebenrolle muss der arme Dylan Baker als Wissenschaftler ständig die technischen und medizinischen Vorgänge erklären, und das gelingt ihm angesichts der Tatsache, dass diese natürlich hanebüchener Humbug sind, sehr gut.

THE CELL erinnert aufgrund seiner Effekte sehr an Ken Russells "Der Höllentrip" (1980), der im Vergleich allerdings künstlerisch geschlossener war und fast gänzlich auf ein Handlungsgerüst verzichtete. Könnte sich das amerikanische Kino nur vom Zwang zum Plot befreien, wie es das europäische Kino von Bunuel, Resnais, Bava, Fulci und Argento vorgemacht hat, dann hätte THE CELL ein sicher kontroverser, aber radikaler Alptraum werden können. So ist er eben 'nur' "Das Schweigen der Lämmer" mit Traumsequenzen. Das ist nicht wenig, aber zu wenig, um vollends zu begeistern. Da bei THE CELL die Meinungen extrem auseinandergehen, soll das bitte jeder auf eigene Gefahr überprüfen.

07/10 (insgesamt)
10/10 (für die Fantasy-Sequenzen)



Ein Designer-(Alp)Traum - Jennifer Lopez in "The Cell"


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