Mittwoch, 12. Juni 2013

High Lane (2009)

"The Descent" meets "Wrong Turn"

Der moderne französische Horrorfilm hat sich trotz einiger gelungener Beiträge immer noch nicht emanzipiert und kopiert zu sehr das amerikanische Genre-Kino, so auch HIGH LANE - SCHAU NICHT NACH UNTEN (Vertige), der zwar professionell gemacht und hervorragend fotografiert, inhaltlich aber so weit von Originalität entfernt ist wie seine Protagonisten von der Zivilisation.

Worum geht es? Fünf junge Leute machen eine Klettertour in den kroatischen Bergen. Obwohl die Strecke offiziell gesperrt ist, wagen sie den Aufstieg und müssen bald mit Höhenangst und technischem Versagen fertig werden. Als ihnen der Rückweg verperrt bleibt, geraten sie in der Einsamkeit der Berge ausgerechnet an einen irren Killer, der in einer verlassenen Hütte lebt und Jagd auf sie macht...

Man sieht schon an der knappen Inhaltsangabe, alles schon mal da gewesen. HIGH LANE zerfällt dabei in zwei Teile, von denen mir die erste Hälfte, in der die Klettertour der Protagonisten geschildert wird, trotz aller Klischees besser gefällt als die zweite. Hier funktionieren Spannung und Suspense recht gut, und Kameramann Nicolas Massart findet sowohl für das grandiose Bergpanorama als auch für die Action-Sequenzen packende Bilder. An die Intensität eines "The Descent" (2005) aber kommt der Film nie heran, zumal die fünf Charaktere so eindimensional gezeichnet sind, dass sie einem fremd bleiben und ihr Schicksal kalt lässt. Wir erfahren lediglich die Berufe der Protagonisten, eine hat ein Trauma, und zwei der Männer sind Rivalen, das war's auch schon. Ein bisschen wenig, um wirklich mitzufiebern.
Die attraktiven Jungdarsteller leisten Dienst nach Vorschrift, von ihnen wird ohnehin mehr körperliche Fitness als schauspielerisches Talent verlangt. Lediglich der Kletterer mit der Höhenangst rutscht gelegentlich ins Overacting ab, und man fragt sich, was der eigentlich genau bei dem Ausflug zu suchen hat. Die Antwort liegt natürlich auf der Hand - ohne ihn gäbe es in der ersten Hälfte so gut wie keine Spannung, weil er durch seine Angst und Schwäche die Gruppe ständig in Gefahr bringt. Praktisch, so jemanden dabei zu haben.

Nachdem die Gruppe durch eine abgestürzte Brücke endgültig von der Außenwelt abgeschnitten ist, verlässt HIGH LANE den Thriller und wendet sich dem Backwoods-Slasher zu, und der folgt leider den bereits völlig ausgelatschten Fußstapfen zahlloser Vorbilder wie "Wrong Turn" (2003), "Wolf Creek" (2005) und so ziemlich jedem Teenie-Horror der letzten Jahre, in denen sich profillose Schreihälse jenseits der Zivilisation im Wald, im Outback oder sonstwo verlaufen und an degenerierte Psychopathen geraten, die zufällig immer dort hausen, wo ihnen - wenn's hoch kommt - nur einmal im Jahr ein Opfer vor das Jagdmesser rennt.
Also wird auch in HIGH LANE viel gerannt, gekreischt und gefoltert, man baumelt gefesselt von Höhlendecken oder bekommt abgeschossene Pfeile durch den Kopf. Alles weder besonders aufregend, noch besonders blutrünstig, lediglich routiniert und ohne Handschrift in Szene gesetzt. Wer nach einer zweiten Ebene oder Subtexten sucht, wird hier ebenfalls nicht fündig. Am Ende gibt es dann noch eine schnell nachgereichte Statistik über spurlos in den Bergen verschwundene Menschen, die offensichtlich frei erfunden ist. Und warum nun selbst in einem französischen Film Osteuropa als Hort des archaischen Bösen herhalten muss (à la "Hostel"), weiß auch niemand. Vermutlich gibt es auf dem Mont Blanc keine zotteligen Eingeborenen, die Ausflügler aufschlitzen. Schwein gehabt.

HIGH LANE ist einer dieser Filme, die man sehen kann, aber weißgott nicht gesehen haben muss. Und ich persönlich habe wirklich genug von diesen immer gleichen Szenarien, in denen dämliches Jungvolk sich erst selbst in Gefahr bringt und dann in die Klauen eines verlausten Hinterwäldlers gerät, der dringend ein Bad, einen Zahnarzt und einen Therapeuten, der die Herausforderung schätzt, benötigt. Diese Filme sind aufgrund des begrenzten Schauplatzes und der überschaubaren Darstellerzahl schnell und kostengünstig herzustellen, aber ganz ehrlich, haben wir nicht wirklich, wirklich genug davon gesehen?

06/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...