Dienstag, 25. Juni 2013

Doppelmord (1999)

DOPPELMORD (Double Jeopardy) von Bruce Beresford war in den USA der Überraschungshit im Sommer 1999 und führte dort wochenlang die Kinocharts an. Viele fragten sich, warum, denn so wahnsinnig spektakulär ist er weißgott nicht, aber es war wohl der richtige Film zur richtigen Zeit, der immerhin beweisen konnte, dass Filme mit weiblichen Action-Heldinnen nicht zwangsläufig Kassengift sein müssen.

Wer DOPPELMORD noch nicht kennt, sollte sich sowohl die folgende Inhaltsangabe als auch den Trailer verkneifen, denn man kann die Handlung gar nicht wiedergeben ohne die Hälfte des Films zu verraten. Das liegt daran, dass DOPPELMORD eine ewig lange Exposition benötigt, um zur eigentlichen Geschichte zu kommen.
(SPOILER Anfang) In Kürze geht es darum: Ashley Judd fährt mit ihrem Mann Bruce Greenwood mit einem Boot aufs Meer hinaus, der Mann verschwindet spurlos, die Polizei findet Blutspuren, und die arme Ashley wird des Mordes angeklagt und für mehrere Jahre eingebuchtet. Ihr Kind landet bei der besten Freundin, und Ashley schmort im Gefängnis, wo sie zufällig mitbekommt, dass ihr Mann noch lebt und sich mit Kind und Freundin aus dem Staub gemacht hat. Nun plant sie ihre Rache, treibt ordentlich Sport, um in Form zu bleiben, und als sie wegen guter Führung entlassen wird und bei Bewährungshelfer Tommy Lee Jones unterkommt, entwischt sie in einem günstigen Moment dem Aufpasser. Der muss sie nun schleunigst wieder einfangen, bevor sie ihren Mann tatsächlich ermordet... (SPOILER Ende)

Hier erst beginnt die eigentliche Handlung des Films, der eine weibliche Variante von "Auf der Flucht" darstellt, zumal Tommy Lee Jones als desillusionierter Gesetzeshüter seine Rolle aus besagtem Vorbild praktisch wiederholt - außer, dass er zu Judd ein doch väterlich-emotionales Verhältnis entwickelt und sie vor sich selbst beschützen möchte (anders als bei Harrison Ford, wo es ihm - wie wir alle wissen - "scheißegal" war, ob Ford schuldig oder unschuldig ist). Die ganze Vorgeschichte ist natürlich nötig, um schließlich zur Action-Hetzjagd anzusetzen, doch braucht der Film die halbe Spielzeit, damit es endlich mal losgeht.

Wenn DOPPELMORD dann auf Touren kommt, beginnt ein sehr unterhaltsamer Action-Krimi ('Thriller' würde ich ihn jetzt nicht nennen), bei dem Ashley Judd zeigen kann, was sie alles draufhat. Immerhin sieht sie nach sechs Jahren Gefängnisaufenthalt zehn Jahre jünger aus als vorher, aber sie hat im Knast ja auch mit Hanteln trainiert und an den Bauchmuskeln gearbeitet. In der spektakulärsten Sequenz rast sie mit einem Wagen von einer Autofähre ins Meer, wobei sei noch mit Handschellen an die Autotür gefesselt ist. Außerdem verursacht sie mehrere Auto-Crashs, bricht in einen Kindergarten ein, flüchtet vor Tommy Lee Jones durch eine Mardi Gras Parade in New Orleans und hat trotzdem noch genug Zeit, sich ein sündhaft teures Kleid zu kaufen, um aufgedonnert bei einer Junggesellenversteigerung als Bieterin für den hundsgemeinen Ehegatten aufzutauchen.
Nach Logik sollte man eher nicht suchen, ganz besonders nicht, wenn Bruce Greenwood Ashley Judd auf einen Friedhof lockt, sie dort niederknüppelt und in einer Gruft einsperrt, ohne zu merken, dass sie eine Pistole in der Hose hat, mit der sie locker entkommt (die Gruft hat praktischerweise auch ein Fenster).

DOPPELMORD ist extrem familientauglich und komplett gewaltfrei, aber Bruce Beresford hat als Regisseur ein gewohnt gutes Auge für Südstaaten-Locations und kann im letzten Drittel mit vielen Szenen an Originalschauplätzen für hervorragende Atmosphäre sorgen. Wenn nur die erste Hälfte nicht so kitschig wäre, aber immerhin spielt ja Judd hier eine Übermutter, die ihr Leben hergeben würde, um ihr Kind zu retten und wieder an den mütterlichen Busen zu drücken. Gut und Böse bleiben stets sauber getrennt (die beste Freundin ist natürlich eine miese Schlampe, der Ehemann ein aalglattes Miststück), damit auch niemand im Publikum verunsichert wird. Insofern ist DOPPELMORD eher altmodische Unterhaltung. Den Namen Hitchcock möchte man hier nicht wirklich in den Mund nehmen, aber der Film hat - neben einer Jagd durch Menschenmassen mit Regenschirmen - schon was vom alten Meister, wenn er Ashley Judd in Cary Grant-Manier kreuz und quer durchs ganze Land jagt. Dass Judd eine tolle Schauspielerin ist, hat sie oft beweisen, hier darf sie eher ihre physischen Vorzüge herausstellen und den Kerlen zeigen, wo der Hammer hängt. Für Hollywood-Mainstream ist das schon militanter Feminismus, und das erklärt vielleicht den großen Kassenerfolg.

Bei uns konnte DOPPELMORD nicht so recht in den Kinos punkten. Ein Doppelmord findet übrigens nirgends im Film statt. Der Originaltitel "Double Jeopardy" bezieht sich auf die bekannte juristische Regel, nach der niemand zweimal für das gleiche Verbrechen angeklagt werden kann. Das erfährt Ashley Judd im Knast von einer Mitgefangenen (Roma Maffia), die ihr rät, sie solle doch den fiesen Gatten abknallen, und niemand könne sie dafür belangen, weil sie für dessen (vermeintlichen) Mord ja schon einsitzt. Ob das juristisch so haltbar ist, wie der Film behauptet, halte ich doch für sehr fragwürdig. Ich würde sogar bezweifeln, dass eine Frau für einen Mord ins Gefängnis muss, bei dem es weder eine Leiche noch ein Motiv gibt. Aber schon Hitchcock hat sich nicht um derlei Wahrscheinlichkeitskrämerei geschert.

07/10

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