Freitag, 24. Mai 2013

Tötet Mrs. Tingle (1999)

Manchmal muss man einfach sagen: Dumm gelaufen.
Das dachte sich bestimmt auch Kevin Williamson, dessen Regiedebüt "Killing Mrs. Tingle" leider zur gleichen Zeit in die Kinos kommen sollte, als das Columbine Schulmassaker in den USA für Entsetzen und Schlagzeilen sorgte. Eine schwarze Komödie, die den Tod einer Lehrerin im Titel trägt, schien da nicht gerade angemessen, also wurde der Start des Films verschoben und das Werk in "Teaching Mrs. Tingle" umbenannt.
An den Kinokassen ist es dann sang- und klanglos untergegangen, weil dank des verwirrenden Marketings niemand mehr wusste, ob das hier ein Horrorfilm, eine High School Komödie oder was auch immer sein soll. Wie "Scream" (1996) - der größte Hit aus der Feder des Erfolgsautors - sah der Film jedenfalls nicht aus. Die Ironie des Ganzen (ein Thema des Films) besteht darin, dass der offizielle Titel im Grunde viel besser zum Film passt, denn getötet wird weder Mrs. Tingle noch sonst jemand, aber Lektionen werden einige erteilt. Den deutschen Verleih hat der ursprüngliche Titel übrigens nicht weiter gestört, weshalb der Film bei uns als TÖTET MRS. TINGLE in die Kinos kam, dort allerdings ebenfalls nur für mäßiges Interesse sorgte.

In TÖTET MRS. TINGLE kidnappen drei Schüler (Katie Holmes, Jeffrey Tambor und Marisa Couhglan) eher unfreiwillig ihre biestige und gefühlskalte Lehrerin Mrs. Tingle (Helen Mirren) nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung, die zum sofortigen Schulverweis für die Schüler führen würde. Nun überlegen die drei, was zu tun ist, während der Schuldrachen in ihrem eigenen Haus ans Bett gefesselt ist. Doch wie es aussieht, reiten sich die Teenager dabei immer tiefer ins Unglück...

Mit seinem Film wollte Kevin Williamson eigene Schulerfahrungen verarbeiten, weswegen er die Mrs. Tingle als eine wahre Ausgeburt der Hölle porträtiert. Ihrer bissigen Ironie und persönlichen Attacken gegen Schüler und Lehrerkollegen ist niemand gewachsen. Sie kennt jedermanns Schwächen und nutzt sie gnadenlos aus, stochert in Wunden und liebt es, Träume und Illusionen zu zerstören. Immerhin aber schenkt Williamson ihr einen Grund für dieses verabscheuungswürdige Verhalten, denn ihr Hass gegen alles und jeden entspringt der Tatsache, dass sie selbst nicht imstande war, die Enge der Kleinstadt hinter sich zu lassen und etwas aus ihrem Leben zu machen. Seitdem terrorisiert sie jeden, der ihr unter die Augen kommt. Insofern ist Mrs. Tingle eine durchaus komplexe Figur.

Helen Mirren spielt diese Tingle natürlich mit genau dem richtigen Maß aus Selbstverliebtheit und Ignoranz den Gefühlen anderer gegenüber. Sie ist auch der einzige Grund, sich TÖTET MRS. TINGLE überhaupt anzusehen und spielt alle an die Wand. Mirren hat offensichtlich selbst einen Riesenspaß, den Bösewicht zu geben, und sie verleiht der Tingle eine Klasse, die vielleicht nicht unbedingt zu der Rolle passt, aber die es uns sehr viel leichter macht, uns mit ihr anzufreunden. Das hat auch damit zu tun, dass die sympathisch gemeinten Schüler im Grunde absolute Langweiler sind, sowohl die Charaktere als auch ihre Darsteller. Katie Holmes ist - mal wieder - das süße Mädel von nebenan mit der hart schuftenden Mutter (die wundervolle Lesley Ann Warren, die komplett verschenkt wird und viel mehr kann als schmalzige Ansprachen zu halten), das zu gut ist um wahr zu sein. Zwar entdeckt sie im Laufe des Films ihre 'wilde' Seite, aber außer spontanem Sex auf dem geölten Parkett und einem halbherzigen Erpressungsversuch (nachdem die Schüler entdeckt haben, dass Mrs. Tingle eine heimliche Affäre mit dem schmierigen Sportlehrer hat) kommt nicht viel dabei heraus. Jeffrey Tambor steht lediglich herum und sieht gut aus, Marisa Coughlan (als Schülerin mit Hollywood-Träumen) beweist immerhin komisches Talent und bekommt einen sehr lustigen Moment, wenn sie vor der gefesselten Mrs. Tingle den "Exorzisten" nachspielt. 

Das große Problem des Films liegt in seiner Zahnlosigkeit. Nachdem Mrs. Tingle gekidnappt wurde, passiert nichts wirklich Überraschendes mehr, so sehr sich Williamson auch bemüht, das Tempo zu halten und für Spannung zu sorgen. Da die Schüler sich nie daneben benehmen dürfen und sämtliche 'Bösartigkeit' immer nur aus (gut gemeinter) Ungeschicklichkeit entstehen darf, bleibt von vorne bis hinten alles furchtbar harmlos und nett. Und 'nett' ist der Tod für eine schwarze Komödie. Die muss nämlich weh tun, wenn sie gut sein will.
Dazu ist die Grundidee des Films nicht wirklich neu und läuft nach einem bereits bekannten Schema ab. Lediglich die bissigen Dialoge bringen hin und wieder ein bisschen Schärfe in diesen Teenager-Eintopf, der sich nie so ganz entscheiden kann, welchem Genre er eigentlich angehören will. Da aber Helen Mirren die mit Abstand besten Dialoge bekommt und die Kids schlicht zu öde (und dumm) sind, als dass man mit ihnen mitfiebern würde, verpufft der schwarzhumorig gemeinte Spaß. Man fragt sich, ob Kevin Williamson nicht wollte, konnte oder durfte, aber auf jeden Fall wäre da mehr drin gewesen. Das Publikum hat's entsprechend quittiert. Dumm gelaufen halt.

05/10

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