Samstag, 18. Mai 2013

Phantom Kommando (1985)

Heute in unserer Reihe "Tiere suchen ein Zuhause": Arnie.
Arnie ist ein dominanter, aber ganz verspielter Rüde, der jede Menge 'Äktschn' braucht und am besten viel Auslauf an der frischen Luft (für die er auch mal aus startenden Flugzeugen springt). Mit Tieren und Kindern versteht er sich prima. Sind Sie jedoch ein Finsterling aus Mittel- oder Südamerika, heißt es 'aufgepasst!'. Dann wird der Arnie schon mal ein ganz Böser. Gefüttert wird Arnie am liebsten mit rohem, rotem Fleisch. Arnie wurde als Welpe aus einem Tierversuchslabor befreit, wo die Pharmaindustrie verschiedenste Anabolika an ihm teste. Zur Fortpflanzung reicht es aber noch. Sein unermüdlicher Einsatz als Kampfhund in sämtlichen Krisengebieten der Welt, die er im Alleingang aufräumte, qualifiziert ihn sogar für ein politisches Amt. Wenn Sie Interesse an Arnie haben, melden Sie sich bei einer beliebigen amerikanischen Eliteeinheit. Man kennt dort den Arnie und leitet Ihre Anfrage gern weiter, wenn's sein muss sogar per Hubschrauber.

Mark L. Lester ("Die Klasse von 1984"), der sich nie einen Dreck um politische Korrektheit scherte, inszenierte auf dem Höhepunkt von Arnold Schwarzeneggers Popularität das Action-Spektakel PHANTOM KOMMANDO (Commando), dessen Body Count höher liegt als die Anzahl der Dialogsätze. Schwarzenegger 'spielt' hier einen ehemaligen Elite-Söldner, der sich mit seinem Töchterlein (Alyssa Milano aus "Wer ist hier der Boss?") in die Ruhe der Bergwelt zurückgezogen hat, wo er Rehe füttert, kichert und seine Muskeln in Form hält. Die braucht er auch, als fiese Kerle seine Tochter entführen und ihn zwingen wollen, den Präsidenten einer Bananenrepublik (nein, nicht die USA) kalt zu machen. Ein schlechter Plan, denn Arnie nimmt nun die Sache selbst in die Hand und metzelt alles nieder, was ihm an Verbrecher-Abschaum in die Quere kommt, bis er schließlich - bis an die Zähne bewaffnet - in die Höhle des Löwen (Dan Hedaya) vordringt...

"Was erwarten Sie?" wird Arnies ehemaliger Chef gefragt, als er von dessen Alleingang erfährt, worauf der antwortet "Den dritten Weltkrieg!". So weit kommt es dann zwar doch nicht, aber man darf wohl annehmen, dass der dritte Weltkrieg nicht ganz so viele Opfer forden würde wie Arnies Kampf gegen die südamerikanischen Bösewichter, an dessen Spitze Dan Hedaya mit dem schmierigsten Akzent des Universums chargiert. Schwarzenegger stapft mit exakt zwei Gesichtsausdrücken (wütend und sehr wütend) wie ein Hulk - nur ohne die grüne Farbe - durch den Film und erhält offenbar keine Regieanweisungen, weil Mark Lester mehr damit beschäftigt ist, Arnies pralle Muskeln in Großaufnahme abzulichten. 

Macht auch nix, denn PHANTOM KOMMANDO ist ein Jungsfilm, also gibt es kaum Plot, keine Charakterisierungen, die über das Niveau von Vormittags-Cartoons hinausgehen würden, nur Rudimente einer Liebesgeschichte und weit und breit keine Schauspielkunst. Dafür aber umso mehr Geballer, Krach und verschossene Munition. Da die Frage nach Gut und Böse schnell beantwortet wird, muss man sich auch nicht lange mit der Problematik von Selbstjustiz oder deren Rechtfertigung aufhalten. Waffengewalt ist auch grundsätzlich positiv zu bewerten, wenn die Granaten aus der richtigen Richtung - sprich: der amerikanischen - geworfen werden.
Da darf sogar Rae Dawn Chong (was macht die eigentlich heute?) als Stewardess, die unfreiwillig  in Arnies Kriegszug verwickelt wird und sich umgehend in ihn verknallt, weil er als Massenmörder offenbar besseres Ehematerial abgibt als ihre üblichen Dates, kurz mal den Granatenwerfer in die Hand nehmen. Sie hält ihn leider falsch herum, wobei sie - upps - einen ganzen Straßenzug in Schutt und Asche legt, obwohl sie nach eigener Aussage doch 'die Gebrauchsanweisung gelesen' hat. Man könnte nun sagen 'Frauen und Technik', aber so frauenfeindlich ist PHANTOM KOMMANDO gar nicht - zumindest nicht speziell frauenfeindlich. Sagen wir einfach mal, der Film findet Menschen allgemein eher überbewertet.

Nachdem sich Arnie in den ersten beiden Dritteln fröhlich durch die Großstadt gemetzelt hat, erreicht er im Finale endlich die Insel, auf der sich die Bösen samt entführter Tochter verstecken. Dort schmiert er sich mit Tarnfarbe ein, schultert die Kalaschnikows und tötet alles und jeden, der ihm die Quere kommt. Die Wahl der Waffen ist da variabel. Ist das Schnellfeuergewehr gerade nicht zur Hand, werden halbe Arme mit Macheten abgehackt, Kehlen mit Messern durchschlitzt oder Köpfe mit sausenden Wurfgeschossen skalpiert. Das Publikum schreit "Wow!" und kommt beim Zählen der Toten schon lange nicht mehr mit, zumal Arnie die tolle Fähigkeit besitzt, aus jeder beliebigen Entfernung wirklich jeden Angreifer zu erwischen, er selbst aber bekommt nie auch nur eine einzige Kugel ab, selbst wenn die Schützen direkt vor ihm stehen.

Man kann das alles natürlich furchtbar zynisch und menschenverachtend finden, aber wir wollen heute mal nicht so streng sein, weil das Wetter so schön ist (außerdem kommt heute der ESC, also bin ich ohnehin gut drauf). Tatsache ist, PHANTOM KOMMANDO ist sehr unterhaltsam, zumindest bis zu eben erwähntem Finale, wo dann wirklich ein Maß erreicht und komplett überschritten wird, das man noch unterhaltsam finden möchte.
Mark L. Lester inszeniert ohne jeden Schnörkel und weitgehend stupide, aber die Action-Maschinerie ist gut geölt. Für ein paar gute Lacher ist auch Platz ("Sie sind ein lustiger Kerl. Deswegen werde ich Sie als Letzten töten!"). Im Gegensatz zu Stallones "City Cobra" (1986) verzichtet er auf die durchgestylte Musikvideo-Ästhetik und bleibt visuell konventionell, um nicht zu sagen, uninteressant. Er hält halt drauf, wo gerade draufgehalten werden muss. Keine schnittigen Montagen, kein Nebel im Gegenlicht, kein Rotstich und keine Popsongs. Doch, halt, im Abspann gibt es einen, und der wiederholt von Anfang bis Ende unermüdlich die drei Worte "Somewhere... somehow... someone". Da soll noch einer sagen, Pop hätte keine intelligenten Texte zu bieten!

Am Ende fallen sich übrigens alle Überlebenden glücklich in die Arme, was absolut unfreiwillig komisch ist, da Rae Dawn Chong und Alyssa Milano sich bis zu diesem Punkt nie begegnet sind (aber trotzdem wahnsinnig froh sind, sich zu sehen) und das minderjährige Töchterlein gerade mitansehen musste, wie Papa an die hundert Leute blutig abgemurkst hat. Therapie nötig? Nö. Hauptsache, sie kann jetzt wieder Rehe mit ihm füttern.

PHANTOM KOMMANDO ist ein exemplarischer Film, was das Action-Kino der 80er angeht: über Gebühr brutal und reaktionär, dafür aber mit ordentlich Schmackes, halsbrecherischen Stunts, handgemachten Spezial- und Splattereffekten, sowie bombastischen Explosionen und einem lebenden Faltblatt aus der Muckibude in der Hauptrolle, der schon mal ganze Autositze zum Frühstück verspeist.
Heute staunt man doch, wie das Publikum seinerzeit jemanden wie Schwarzenegger, der den Charme einer Geröllhalde besitzt und weder spielen noch vernünftig sprechen kann, überhaupt als Filmstar akzeptieren konnte. Aber genau wie sein Kollege Stallone verkörperte er das konservative Amerika, das nach den drastischen Rückschlägen der 70er (namentlich Watergate und Vietnam) mit neuem Selbstbewusstsein die Wumme in die Hand nimmt und der Welt zeigt, wo der Hammer hängt.

07/10

Kommentare:

  1. Selten so gelacht. Deine Filmreviews sprühen nur so vor Wortwitz. Bitte weiter so.

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  2. Ganz lieben Dank, mache ich sehr gerne! Kommt aber auch immer auf die Vorlage an. :-) LG, Mathias

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  3. Du weißt einfach, wie man Filme schönredet, so dass man als Leser bei jeder Zeile losquietscht. Arnie ist halt eine menschgewordene Maschine, der MUSS sogar Autositze zum Frühstück verspeisen (ich kann stattdessen 3 Tage darüber lachen und mir dadurch das Frühstück sparen). Wirklich köstlich! Fast schon schade, dass ich diesen Film nie sehen werde... DANKE für dieses Kleinod der Filmbesprechung.

    PS: Was ist ein ESC? ich kenn nur die Taste...

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  4. ESC ist dieser alljährliche Schlagerwettbewerb, früher Grand Prix genannt. :-)
    Demnächst sichte ich nach lange Zeit mal wieder den "Predator", aber der wird sicher besser abschneiden, der hat mir damals trotz Muckimaus sehr gefallen. LG!

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