Sonntag, 5. Mai 2013

New York Express (1965)

Nicht jeder kann ein Hitchcock sein.

Die Thriller-Komödie NEW YORK EXPRESS (Blindfold) war - obwohl seinerzeit recht erfolgreich in den Kinos - so gut wie nie im TV zu sehen, geschweige denn auf VHS oder DVD veröffentlicht und somit bereits in Vergessenheit geraten. Nun wurde er unerwartet wieder ausgegraben, hat eine exzellente DVD-Veröffentlichung erhalten und erscheint demnächst sogar auf Blu-Ray. Warum, weiß man nicht genau, denn so schön es auch ist, wenn vergessene Filme wieder entdeckt werden, NEW YORK EXPRESS hätte auch in der Versenkung verschwunden bleiben können.

Mit "Der unsichtbare Dritte" (1959) schuf Alfred Hitchcock den Prototyp des romantischen Agenten-Thrillers, der u.a. als Blaupause für die gesamte James Bond-Reihe (und zwar bis heute) dient. Natürlich wollten viele auf den erfolgreichen Zug aufspringen, aber nur wenigen gelang es, die Mischung aus intelligentem Witz und aufregender Spannung so hinzubekommen wie der Meister selbst es vorgemacht hatte. Statt des lässigen Cary Grant haben wir hier Rock Hudson am Start, die wohl zweitbeste Wahl (neben Gregory Peck) für einen Film dieser Art. Hudson gehörte nie zu den vielschichtigsten Schauspielern, aber er sieht gut aus, ist körperlich fit genug für Verfolgungsjagden und befand sich dank der Doris Day-Komödien sowohl in bester Spiellaune als auch auf dem Höhepunkt seiner Popularität.

Als Psychiater Dr. Bartholomew Snow (was für ein Name!) wird Hudson unversehens zur Zielscheibe finsterer Machenschaften, nachdem er auf Bitten eines Generals (Jack Warden) einen Wissenschaftler behandelt, der gerade einen Nervenzusammenbruch hatte. Zu diesem Zweck wird Hudson mit Augenbinde an einen geheimen Ort kutschiert, da der Forscher über Geheimwissen verfügt, das andere gern in die Finger bekommen würden. Als jedoch die hübsche Schwester (Claudia Cardinale) des Patienten auftaucht, die Hudson für den Entführer ihres Bruders hält, und dazu noch andere zwielichtige Gestalten Jagd auf ihn machen, gerät er prompt in Lebensgefahr...

Obwohl sich Regisseur Philip Dunne sehr bemüht, sind die Fußstapfen von Hitchcock einfach ein paar Nummern zu groß. Der Humor in NEW YORK EXPRESS ist zu bieder, das Tempo zu langsam, der Plot nur mittelmäßig spannend, und die junge Claudia Cardinale sieht zwar äußerst attraktiv aus und hat eine ganz gute Chemie mit ihrem Co-Star Hudson, bleibt schauspielerisch aber blass. Ihr starker Akzent steht ihr im Weg, und ihre Figur nervt eher, als dass sie dem Film weiterhilft. 
Rock Hudson geht die Sache sportlich an und ist - neben der Musik von Lalo Schifrin - noch das Beste am Film. Es ist übrigens wieder amüsant zu sehen, wie Hudsons streng vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Homosexualität in dieser Phase seiner Karriere immer wieder verschlüsselt Eingang in die Drehbücher fand. Wir erinnern uns an die augenzwinkernden Dialoge in den Doris Day-Filmen ("Dein Sexleben wird dir noch mal zum Verhängnis" oder "Von dem hätte ich das am allerwenigsten gedacht!"). In NEW YORK EXPRESS wird Hudson gleich zu Beginn als Junggeselle beschrieben, der ständig mit wechselnden Frauen verlobt ist, aber irgendwie nie den letzten Schritt zur Ehe schafft, weil er... hm... sich nicht fest binden mag. Jaja. Das Problem hatte übrigens auch Cary Grant im "unsichtbaren Dritten", dort wurde es aber mit deutlich spritzigeren Dialogen umschrieben ("Sie haben Angst vor Bindung." - "Ich war zweimal verheiratet!" - "Sehen Sie, was ich meine?"). Hier wirkt es etwas angeschafft, so wie man Hudson auch den studierten Psychiater nicht ganz abnimmt.

Positiv kann man sagen, dass NEW YORK EXPRESS hübsch gefilmt und ausgestattet ist und leidlich unterhält, wenn man gerade wirklich nichts Besseres zu tun hat. Ein Sonntagnachmittags-Film bestenfalls, aber weißgott nicht die Entdeckung eines verschollenen Klassikers, für die ihn viele preisen werden. Dass man einen Hitchcock nicht mal eben erreichen kann, ist klar, aber selbst die nach dem gleichen Vorbild gestalteten "Charade" (1963) oder "Arabeske" (1964) spielen ein paar Ligen höher als NEW YORK EXPRESS.

05/10


Kommentare:

  1. Hallo, da ich deinen Blog seit geraumer Zeit verfolge und natürlich lese, dachte ich mir, schreibe ich hier und da auch mal was und evtl. freut Dich das ja ;) Aber zu Blindfold: Ich weiss garnicht was du hast, ich mag den Film und ich finde die Cardinale hier auch nicht schlecht (im Gegensatz zu Petroleum-Miezen). Als ich den Film vor Wochen im Fernsehen gesehen habe (kannte ihn noch nicht) fühlte ich mich sehr gut unterhalten. Sicher ist es kein Hitch, wollte er aber wohl auch nie sein. Das ist natürlich alles rein subjektiv, ich bevorzuge ja auch arabeske vor Charade.

    LG Micha

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  2. Naja, wie schon in der Rezension erwähnt, fehlte mir hier einfach die Spritzigkeit, aber es ist ja gut, dass die Geschmäcker verschieden sind. Die Donen-Filme mag ich beide sehr, wobei ich doch eher "Charade" vorziehen würde, aber nur minimal. "Arabeske" ist verrückter und bunter, "Charade" dafür spannender, wie ich finde. LG Mathias

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