Freitag, 3. Mai 2013

Die 27. Etage (1965)

Während eines Stromausfalls stürzt ein berühmter Anwalt, der sich für den Weltfrieden einsetzte, aus der 27. Etage eines Wolkenkratzers. Gleichzeitig sucht der Buchhalter Stillwell (Gregory Peck) im Dunkeln einen Weg aus dem Gebäude und folgt einer Unbekannten (Diane Baker) ins 4. Untergeschoss, wo sie spurlos verschwindet. Am nächsten Morgen stellt Stillwell fest, dass er sich an die letzten zwei Jahre seines Lebens nicht mehr erinnern kann. Sein Büro im Hochhaus ist verschwunden, seine Bekannten fragen ihn, wo er die letzten Monate gewesen ist, und das vierte Untergeschoss existiert gar nicht. Verliert Stillwell den Verstand, oder spielt da jemand Jojo mit seinem Gedächtnis? Und wenn ja, warum?

DIE 27. ETAGE (Mirage) ist ein äußerst spannender Paranoia-Thriller, der an die Klassiker des Film Noir anknüpft - was nicht überrascht, denn Regisseur Edward Dmytryk hat ein paar davon inszeniert. Der (nicht ganz) unschuldige Held, der versehentlich in ein Netz aus finsteren Machenschaften gerät, bei dem eine schöne, aber mysteriöse Fremde eine Schlüsselrolle spielt, das sind die typischen Zutaten des Genres, und DIE 27. ETAGE schafft es ganz wunderbar, von der ersten Szene an eine Atmosphäre konstanter Bedrohung aufzubauen. Der Film erinnert natürlich auch an Hitchcock, allein durch die Mitwirkung von Gregory Peck und Diane Baker. Anders aber als bei Hitchcock gibt es nur wenig  Humor, der die intensive Atmosphäre auflockert, und - der größte Unterschied - der Zuschauer weiß an keiner Stelle mehr als der Protagonist. Statt Suspense setzt DIE 27. ETAGE mehr auf Mystery, indem der Film immer neue Fragen stellt und bis zum Finale keinerlei Lösungsansätze anbietet. Als angeblicher Buchhalter, der in Wirklichkeit ein Wissenschaftler ist, wandelt Gregory Peck durch seinen ganz privaten Alptraum, und man muss zwangsläufig seinen Recherchen folgen, um herauszufinden, welches Geheimnis sich hinter dem merkwürdigen Geschehen verbirgt.

Das Drehbuch zur 27. ETAGE stammt von Peter Stone, der zuvor mit dem sehr an Hitchcock angelehnten "Charade" (1963) große Erfolge feiern konnte. Dessen Nebendarsteller George Kennedy und Walter Matthau sind auch hier wieder an Bord, wobei Matthau als skurriler Privatdetektiv, der ein bitteres Ende findet, eine Galavorstellung gibt und Hauptdarsteller Peck lässig an die Wand spielt. Matthau scheint überhaupt auf Drehbücher von Peter Stone abonniert zu sein, denn auch das Script zu "Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3" (1974) wurde von Stone verfasst. Der Autor ist ein Spezialist für kantige Charaktere und verschlungene Plots. Als Zuschauer ist man gespannt, wie sich das Rätselspiel der 27. ETAGE am Ende entwirrt, aber man ahnt schon, dass vermutlich keine Erklärung wirklich befriedigend ausfallen wird. Die Auflösung gerät dann in den Bereich der Science Fiction und ist in der Tat nicht vollkommen überzeugend, aber man wird auch nicht übers Ohr gehauen.

Gefilmt ist DIE 27. ETAGE in kontrastreichem Schwarzweiß, was der Story und der transportierten Weltsicht, in der Menschen von einer nicht greifbaren Übermacht kontrolliert werden und die besten Freunde einem in den Rücken fallen, wenn genug Geld im Spiel ist, gut zu Gesicht steht. Neben den eher kargen Studioaufnahmen gibt es mehrere Originalschauplätze in New York zu bewundern, die dem Film - ebenso wie die zeitgemäße Musik von Quincy Jones - trotz seiner fantastischen Geschichte einen realistischen Anstrich verpassen. Der Thriller spielt nicht ganz in derselben Liga wie etwa Frankenheimers "Manchurian Candidate" (1962), kommt dem aber schon sehr nahe.
Gregory Peck, der von Robert Mitchum einst uncharmant als 'ödester Schauspieler Hollywoods" ('dullest actor in motion pictures') bezeichnet wurde, funktioniert gut als Identifikationsfigur, neben den bereits erwähnten Nebendarstellern Kennedy und Matthau können Jack Weston als Auftragskiller und Robert H. Harris als cholerischer Psychiater überzeugen. Diane Baker sieht wie immer bezaubernd aus, die überflüssige (und wahrscheinlich auf Druck des Studios integrierte) Liebesgeschichte zwischen ihr und Peck verlangsamt allerdings den Film im Mittelteil.

Insgesamt handelt es sich hier um erstklassiges Unterhaltungskino der 60er, spannend, wendungsreich und mit schauspielerischen Glanzlichtern. Von mir sehr empfohlen und bei uns jüngst (endlich) auf DVD erschienen.

8.5/10

Kommentare:

  1. Den muss ich wohl haben, gleich mal bestellen gehen... klingt sehr gut und nach spannender Story. Ich LIEBE Mystery-Thriller und wenn sie dann noch in s/w sind, hach! Merci again für den Tipp.

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  2. Gern geschehen, bin gespannt, wie Du ihn findest! LG, Mathias

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  3. Da war Amazon schnell mit der DVD - und wir mit dem Ansehen auch. Klasse Film, spannend, undurchsichtig, genau richtig mit Humor gewürzt für meinen Geschmack und das Ende ist genauso wie Du beschreibst. Hätte man besser machen können, aber man wird auch nicht beschummelt. Passt schon ganz gut. MERCI MERCI!

    Nur bei Walter Matthau kann ich Dir nicht ganz recht geben. Er spielt den Gregory nur deshalb an die Wand, weil seine Rolle so locker angelegt ist. Ich sage mal: bei beiden Rollen ist die von Matthau ja wohl immer die bessere ;) Wenn ich mir beide Schauspieler in der jeweils anderen Rolle vorstelle, naja, kann ich nicht so recht, aber dann wäre es interessant, wer wirklich die größeren Schauspielkünste hat.

    Ansonsten fand ich es gestern herrlich, mal wieder ein Telefon mit Wählscheibe und eine Schreibmaschine im Einsatz zu sehen.

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  4. Das stimmt natürlich, Matthau hatte den Abräumer-Part, während Peck immer nur verwundert dreinblicken muss ob der mysteriösen Ereignisse, da fällt es leichter, zu glänzen. :-) Freut mich aber, dass Dir der Film auch so gut gefallen hat, so was müsste es wieder geben. LG!

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