Sonntag, 26. Mai 2013

Der Zwang zum Bösen (1959)

In DER ZWANG ZUM BÖSEN (Compulsion) verarbeitet Regisseur Richard Fleischer nach dem Roman von Meyer Levin einen der berühmtesten und berüchtigsten Kriminalfälle der USA, den 'Leopold & Loeb'-Fall, der bereits als Vorlage für Alfred Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche" (1948) diente. Abgesehen von den geänderten Namen der Hauptfiguren und einigen erfundenen Nebenrollen folgen Film und Buch sehr eng den wahren Fakten.

Leopold und Loeb heißen hier Steiner & Strauss (Dean Stockwell & Bradford Dillman). Die beiden haben nicht nur eine sehr innige und sadomasochistische Beziehung, sondern sind auch hochintelligente Studenten, die den Übermenschen-Theorien Nietzsches folgen und nach ein paar harmloseren Verbrechen einen 14-jährigen Jungen ermorden, nur um zu sehen, ob sie damit durchkommen. Die Polizei entdeckt am Tatort eine Brille, die Steiner dort verloren hat, und nach einem Katz- und Mausspiel landen die jungen Männer vor Gericht, wo der Anwalt Wilk (Orson Welles) verzweifelt versucht, sie vor der Todesstrafe zu retten...

DER ZWANG ZUM BÖSEN ist weniger Thriller als Charakterstudie, die im weiteren Verlauf zum Gerichtsdrama mutiert. Orson Welles, der Star des Films und Erstgenannte im Vorspann, taucht überhaupt erst nach einer Stunde Filmzeit auf, zuvor beschäftigt sich der Film intensiv mit den beiden von Dillman und Stockwell brillant gespielten Studenten. Beide Schauspieler gewannen seinerzeit in Cannes (gemeinsam mit Orson Welles) den Darstellerpreis, und es ist interessant, sie mit John Dall und Farley Granger zu vergleichen, die in "Cocktail für eine Leiche" die beiden Studenten spielten. Da schneidet Fleischers Film tatsächlich besser ab, was aber auch dem Umstand geschuldet ist, dass die Zeiten sich geändert hatten und die sexuelle Beziehung der Soziopathen, die bei Hitchcock noch komplett verschlüsselt war, nun deutlicher benannt werden kann - wenngleich sie immer noch nicht offen ausgesprochen wird.

Stockwell übernimmt den Part des neurotischen Untergebenen, der stets Befehle seines Freundes entgegennimmt, während Dillman den prahlerischen Extrovertierten gibt, dem es sogar bis kurz vor der Entdeckung der Täter noch Freude macht, die Polizei auf falsche Fährten zu schicken. Wer übrigens bei den ausgestopften Vögeln in Stockwells Heim sofort an "Psycho" (1960) denkt (was leicht passieren kann, da Stockwell auch noch Anthony Perkins' deutsche Synchronstimme erhält), dem sei gesagt, dass der wahre Leopold ein begeisterter und anerkannter Ornithologe war und die Gruselausstattung somit historisch akkurat ist.
Nach Orson Welles' Auftritt werde die Studenten in den Hintergrund gerückt, was ein bisschen schade ist, aber Richard Fleischer ist ab diesem Moment mehr an der Gerichtsverhandlung interessiert. Welles' Darstellung ist nicht gerade subtil zu nennen (ebenso wie seine etwas merkwürdige Maske) und bleibt weitgehend überraschungslos, allerdings besitzt er eine so beeindruckende Präsenz, dass alle anderen Mitwirkenden neben ihm verblassen. Da geht sogar der hervorragende E.G. Marshall als Staatsanwalt unter. Welles liefert dann als Herzstück des Films ein leidenschaftliches Schlussplädoyer, das im realen Fall sage und schreibe zwölf Stunden dauerte und als wohl flammendste Rede gegen die Todesstrafe in die Justizgeschichte einging. Im Film gibt es zwar nur eine 'Kurzversion', doch die ist immer noch ziemlich lang und wird gegen Ende leicht redundant, bleibt aber jedem im Gedächtnis, der den Film gesehen hat. Sie ist übrigens heute noch aktuell.

DER ZWANG ZUM BÖSEN kann neben den exzellenten Darstellern auch mit einer hervorragenden Kameraarbeit aufwarten, die das Geschehen in kontrastreichen Schwarzweißbildern einfängt und dem Ganzen einen dokumentarischen Touch verleiht. Auch hier schlägt Fleischer einen völlig anderen Weg ein als Hitchcock, der nicht nur in Farbe drehte und die Handlung ins zeitgenössische New York verlegte (DER ZWANG ZUM BÖSEN spielt im Chicago der frühen 30er, wo der wahre Fall stattfand), sondern auch das Drama in einem Raum beließ. Und was bei Hitchcock eine amüsante schwarze Komödie war, wird bei Fleischer zum grimmig-realistischen Drama.
Lediglich auf die Nebenhandlung, in der Martin Milner und Diane Varsi ein (langweiliges) Paar spielen, das in den Fall involviert ist, hätte der Film von mir aus verzichten können, aber vermutlich wollte man wenigstens zwei Sympathiefiguren in diese düstere Geschichte bringen, und immerhin werden die Argumente für und gegen die Todesstrafe durch die unterschiedliche Haltung der beiden für den Zuschauer nachvollziehbar aufbereitet, bevor Orson Welles zum großen Monolog ansetzt.

Insgesamt ist DER ZWANG ZUM BÖSEN ein hervorragender, glänzend gespielter und hervorragend fotografierter Klassiker, der bekannter sein müsste als er ist. Der zugrunde liegende Fall wurde übrigens nicht nur von Hitchcock und Fleischer verfilmt, sondern später auch in Tom Kalins "Swoon" (1992) bearbeitet. Die faszinierenden Charaktere von Leopold und Loeb findet man u.a. in Hanekes "Funny Games" (1997) wieder, und in Curtis Harringtons (klasse) Psycho-Thriller "Was ist denn bloß mit Helen los?" (1971) spielen Debbie Reynolds und Shelley Winters die Mütter zweier Mörder, die an die berühmten Vorbilder erinnern.
Nicht zuletzt musste sich unser aller Lieblingsinspektor Columbo einst mit zwei außergewöhnlich intelligenten und abgebrühten Studenten herumschlagen (in der Folge "Luzifers Schüler/Columbo Goes to College"), die man zweifellos als Erben der berüchtigten Mörder betrachten kann.
Fazit: sehr empfohlen- und zwar alle genannten Filme.

09/10

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