Mittwoch, 3. April 2013

Scream (1996)

Ende der 90er brauchte das Horror-Genre dringend neue Ideen und Wes Craven ebenso dringend einen Hit. Craven besann sich für SCREAM (Scream) auf die erfolgreiche Slasher-Welle der 80er, die er selbst mit seinem einflussreichen "Nightmare on Elm Street " (1984) maßgeblich geprägt hatte, und fügte dank des Drehbuchs von Kevilm Williamson selbstreflexiven Humor hinzu, den er bereits in "Wes Cravens New Nightmare" (1994) ausprobiert hatte, welcher aber seiner Zeit so weit voraus war, dass ihn niemand sehen wollte. Nun schien die Zeit reif, und SCREAM wurde zum weltweiten Mega-Hit.

Der Inhalt ist vermutlich bekannt, deshalb nur in Kürze: im kleinen Örtchen Woodsboro geht ein maskierter Killer um, der mit Vorliebe Teenies aufschlitzt, nachdem er ihnen dumme Fragen über Horrorfilme gestellt hat. Anders als in vielen anderen Filmen des Genres aber wissen die jungen Protagonisten um die Regeln des Genres und versuchen, alles richtig zu machen, was den Killer aber nicht daran hindert, sich weiter durch die Highschool zu metzeln. Als der Notstand ausgerufen wird und sich die Teenager zu einer Party treffen, kommt es zum ultimativen Showdown...

SCREAM beginnt stark mit einer Episode, die mittlerweile in die Geschichte des modernen Horrorfilms eingegangen ist. Von Hitchcock borgte sich Craven das Konzept, das Publikum zu verunsichern, indem man den größten Star des Films frühzeitig dahinmetzelt. Was aber in "Psycho" (1960) an die 40 Minuten dauert, erledigt Craven in zehn Minuten. Drew Barrymore ist hier das Opfer und die prominenteste Schauspielerin des Ensembles, die in diesem fulminanten Einstieg ihr Leben lassen muss. Der Telefonterror, dem sie ausgesetzt wird, erinnert nicht nur zufällig an "Das Grauen kommt um 10" (1979), sondern ist auch zum Zerreißen spannend inszeniert.

Nach diesem Paukenschlag folgt der der übliche Ablauf eines Slasherfilms, mit der entscheidenden Neuerung, dass das Verhalten der Charaktere sich geändert hat. Die laufen noch immer kreischend - und vor allem in die falsche Richtung - davon, haben aber genug Horrorfilme gesehen, um zu wissen, was sie lieber nicht tun sollten. Craven und sein Autor Williamson sprechen hier gezielt eine Generation von Kinogängern an, die mit Filmen wie "Halloween" (1978) aufgewachsen ist, die mit dem Medium Film umgehen kann und sich nicht in einem Paralleluniversum bewegt, in dem niemand weiß, dass der Satz "Ich bin gleich wieder da" bedeutet, dass man eben nicht gleich wieder da ist, sondern vermutlich nie wiederkommt. 
Aber auch der Täter hat sich gewandelt, ist nicht mehr nur übermächtige Schreckensfigur, sondern wird auch für humoristische Einlagen benutzt, wenn er aus völlig ungeahnten Ecken springt, und er kriegt von den potentiellen Opfern ordentlich auf die Mütze. Das macht ihn nicht weniger bedrohlich.  

Neben diesen intelligenten Brechungen der Klischees gibt es haufenweise Insider-Gags, etwa einen kurzen Auftritt vom ehemaligen 'Exorzisten'-Mädel Linda Blair als Reporterin, die über die schrecklichen Ereignisse in Woodsboro berichtet (als hätte sie nicht selbst Jahrzehnte zuvor Erbsensuppe gespuckt, ihren Kopf um 360 Grad gedreht und Priester zum Fenster hinausbefördert), oder Wes Cravens Cameo als Hausmeister im Freddy Krueger-Pullover. Es dürfte auch kein Zufall sein, dass Hauptdarsteller Skeet Ulrich wie eine drittklassige Kopie von Johnny Depp wirkt - der hat nämlich in Cravens Original-"Nightmare" eine seiner ersten Kinorollen gespielt.

Was ein wenig stört an SCREAM ist die Tatsache, dass er sich für wahnsinnig clever hält (was er über weite Strecken auch ist) und sich unentwegt selbstverliebt auf die Schulter klopft, obwohl er den selbstreflexiven Humor weißgott nicht erfunden hat. Den gab es bereits bei Joe Dante oder John Landis, ebenso wie in zahlreichen früheren Vertretern des Slasherfilms wie "Die Horror-Party" (1986), in dem sich sämtliche Morde des Slashers als Aprilscherz herausstellen.
Die Selbstgefälligkeit, mit der SCREAM da bei der Sache ist, will deshalb nicht durchweg schmecken, zumal er auch noch andere Schwächen hat. Dazu gehören Fremdschäm-Momente, in denen Neve Campbell und ihr Lover Skeet Ulrich den Stand ihrer Beziehung mit den Altersfreigaben für Kinofilme vergleichen, oder auch das nervige Overacting von Matthew Lillard, der sich durch zahlreiche Horrorfilme der späten 90er chargierte und hier zu sabbernder, augenrollender Höchstform aufläuft. Beim finalen Aufeinandertreffen von Killer(n) und Final Girl Neve Campbell dreht Craven so heftig an der Absurditäts-Schraube, dass man nicht mehr weiß, ob der Humor gerade beabsichtigt oder unfreiwillig ist.

Trotz dieser Mäkeleien ist Wes Craven mit SCREAM ein ebenso spannender (und blutiger) wie humorvoller Film gelungen, der frischen Wind ins Genre brachte, einige seiner Darsteller zu Stars machte und einen neuen Trend schuf, den er allerdings mit den Sequels 2 und 3 gleich wieder tottrampelte. Das hinderte Dutzende von Nachahmern nicht, das Rezept ebenfalls auszuprobieren. SCREAM ist zweifellos der einflussreichste Horrorfilm der 90er.

08/10

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