Freitag, 19. April 2013

Joyride - Spritztour (2001)

JOYRIDE (Joy Ride / Roadkill) ist seinerzeit in den Kinos leider untergegangen, vermutlich weil er als Teenie-Slasher vermarktet wurde, der er schlicht und ergreifend nicht ist. Man könnte ihn am besten als "Duell" (1971) meets "Hitcher, der Highway-Killer" (1986) beschreiben.

Worum geht es? Auf der Fahrt quer durch die USA von Colarado nach New York spielen zwei junge Männer (Paul Walker und Steve Zahn) einem Trucker einen fiesen Streich, der für einen Unbeteiligten tödlich endet. Der Trucker erweist sich prompt als Psychopath und macht gnadenlos Jagd auf unsere Protagonisten...

JOYRIDE wurde von John Dahl inszeniert, der in den 90ern Spezialist für Neo-Noir-Thriller war ("Red Rock West", "Kill Me Again") und mit "Die letzte Verführung" (1994) einen absoluten Kultfilm geschaffen hat.
Hier muss sich der Autorenfilmer ganz und gar dem auf jugendliches Publikum zugeschnittenen Mainstream unterordnen, aber Dahl weiß, wie man Suspense erzeugt und seine Charaktere interessant gestaltet. Offensichtlich hat er ausgiebig Spielbergs "Duell" - den besten aller möglichen Trucker-Thriller - studiert. So bekommen wir den Psychopathen und Gegenspieler (namens 'Rusty Nail') nie zu Gesicht, wir hören lediglich dessen Stimme über den CB-Funk. Die Stimme wurde nach ausgiebigem Voice-Casting von Ted Levine zur Verfügung gestellt, der den Killer im "Schweigen der Lämmer" (1991) spielte, und dessen Timbre sorgt für mehrere Gänsehaut-Momente.
Was Spielberg von Hitchcock lernte (zum Beispiel, dass man am hellichten Tag und in weiter Landschaft eine absolut bedrohliche Situation erzählen kann, wie der Maestro mit "North by Northwest" bewies), wird nun von Dahl wieder aufgegriffen, insofern steht JOYRIDE in guter Gesellschaft und muss sich dort nicht verstecken.

JOYRIDE braucht ein wenig, um in Fahrt zu kommen (was irgendwie zu einem Roadmovie passt), läuft dann aber im Mittelteil auf Hochtouren, und das Drehbuch schlägt einige nette Haken. Anders als in einschlägigen Teenie-Slashern werden die jugendlichen Helden (die sich zwar nicht sonderlich erwachsen verhalten, dem Teenager-Alter aber schon knapp entsprungen sind) nicht nur vom maskierten Killer durch Maisfelder gejagt (wobei eine ähnliche Szene vorkommt), sondern der Psychopath spielt ein raffiniertes Katz- und Mausspiel mit den verhassten Gören, das ebenso spannend wie komisch ist.
In einer eher heiteren Szene werden Paul Walker und Steve Zahn von ihrem Widersacher - der ihre Freundin Leelee Sobieski (die früreife Lolita aus Kubricks "Eyes Wide Shut") in der Gewalt hat - genötigt, splitternackt in eine Fernfahrer-Raststätte zu gehen, was verständlicherweise zu einigem Aufsehen führt (sowie im Internet zu Diskussionen, wer von beiden den knackigeren Hintern hat). Steve Zahn sorgt mit seiner skurrilen Darstellung für weitere Lacher, während Paul Walker (der Rob Lowe der 90er) wie üblich nur gut aussieht.

Die sorgfältig aufgebaute Spannung des Films wird gegen Ende leider zugunsten eines knallig-lauten Showdowns aufgegeben, der für meinen Geschmack zu übertrieben geraten ist. Da wird dann kräftig aufs Gas gedrückt, gekreischt und mit Trucks durch Wände gebrettert, weil man offenbar glaubt, dies sei man dem Publikum schuldig (was vielleicht stimmt, vielleicht aber auch nicht).
Auf der DVD gibt es übrigens als Bonus gleich mehrere alternative Enden, und zwei Liebeszenen von Leelee Sobieski - eine mit Walker, eine mit Zahn (nach dem Motto: mal sehen, was besser beim Testpublikum ankommt) - wurden in der Endfassung gestrichen. Daran erkennt man schön, wie 'kreativ' im Hollywood-Mainstream Filme gnadenlos auf Zuschauergeschmack getrimmt werden.

Die Rechnung ist ohnehin nicht aufgegangen, weil JOYRIDE kaum beachtet wurde und sang- und klanglos wieder aus den Kinos verschwand. Regisseur John Dahl wechselte ins Fernsehen, wo er seitdem gut beschäftigt ist. Schade trotzdem, denn seine Kinofilme waren allesamt intelligente, originelle Varianten klassischer Vorbilder und trugen eine eigene Handschrift. Da aber keiner von ihnen ein finanzieller Hit war, musste Dahl seine Kinosachen packen. JOYRIDE gehört zu den besten Horrorfilmen (oder Thrillern, je nach Standpunkt) der frühen 2000er. Er ist hervorragend fotografiert, packend inszeniert, gut gespielt und streckenweise hochspannend. Immer noch ein Geheimtipp.

08/10

Kommentare:

  1. hey deepred,

    ...es ist ein Traum, du rezensierst gerade alle "Burner" meiner "Jugend"....um die Eurythmics zu zitieren: "...feels like I´m 17 again..."

    Liebe Grüße

    Billy Shines

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  2. Freut mich! Die 80er (meine Jugend) habe ich ja irgendwie schon abgegrast... LG, Mathias

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