Sonntag, 7. April 2013

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast (1997)

Nachdem Wes Cravens "Scream" (1996) gezeigt hatte, dass mit Slasherfilmen wieder große Kasse zu machen war, wollten natürlich viele einen Stück vom blutigen Kuchen abhaben, zumal diese Filme billig zu produzieren sind - man braucht lediglich einen unerfahrenen Regisseur, der auf seinen Durchbruch wartet, ein paar gutaussehende TV-Darsteller, die ebenfalls scharf auf ihren ersten Kinofilm sind (und ohnehin nur die Mindestanforderungen in Sachen Schauspiel erfüllen müssen), sowie ein paar gute Makeup- und Effektleute.
So schossen - wie Anfang der 80er - die Nachfolger wie Giftpilze aus dem Boden, und Autor Kevin Williamson wurden die Manuskripte förmlich aus den Händen gerissen, egal ob sie gut, mittelmäßig oder schlecht waren.

ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST (I Know What You Did Last Summer) war der erste Film, der vom "Scream"-Hype profitieren konnte und erwies sich als sensationell erfolgreich. Das Drehbuch verzichtet weitgehend auf den selbstreflexiven Humor von Cravens Original und bietet eine solide Old-School-Slashergeschichte, in der ein ruchloser Rächer vier Teenager zur Strecke bringen will, die nach einer ausgelassenen Schulabschluss-Party einen Mann überfahren und dessen Leiche entsorgt haben, ohne die Polizei oder sonstjemanden zu informieren. Der Film weist damit zurück zu klassischen Slashern der ersten Generation wie "Prom Night" (1980).

Den Schocker nehme ich gleich mal vorweg: ich mag ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST lieber als "Scream"! Ja, ist so, tut mir Leid. Das liegt vor allem daran, dass mir das selbstgefällige Getue von Craven ziemlich auf den Keks geht und ich das ständige Zuzwinkern des Films in Richtung Publikum überhaupt nicht brauche. Ich weiß, dass diese Filme nicht sonderlich innovativ und anspruchsvoll sind, ich benötige deshalb auch niemanden, der mir das ständig um die Ohren haut. Wenn ich Satire will, schaue ich mir "Dr. Seltsam" an. Ich möchte mich bei Slashern gern spannend unterhalten, mein Popcorn in mich reinschaufeln und ein paarmal Aufjuchzen, wenn der Killer aus Spiegeln oder unter Planen hervorspringt. ICH WEISS kriegt das für meine Begriffe ziemlich gut hin.

Das ist aber nicht alles. Regisseur Jim Gillespie holt aus seinem eher schmalen Budget (was relativ ist, da man mit dem 'schmalen' Budget hierzulande gleich mehrere Kinofilme produzieren könnte) eine Menge heraus und fängt die Atmosphäre des Fischerdorfs, in dem die Story angesiedelt ist, gut ein. Regie und Buch bemühen sich, die Charaktere nicht zu Kanonenfutter verkommen zu lassen, sondern nachvollziehbare Figuren zu zeichnen, denen man nicht sofort den Tod an den Hals wünscht. Die Ermordung von Sarah Michelle Gellar in der zweiten Filmhälfte kommt dann auch einigermaßen überraschend und kann das Publikum verunsichern, zumal die vorhergehende Stalk' & Slash-Sequenz perfekt choreografiert ist und heftig an den Nerven zerrt.

Autor Kevin Williamson findet auch ein Thema für den Film, das über die üblichen Standards hinausgeht. Seine Protagonisten sind keine unschuldigen Opfer, sondern ebenfalls Täter und tragen eine Schuld mit sich herum, die aus purem Egoismus entsprungen ist. Der tödliche Unfall, den sie verursachen, hinterlässt bei allen Spuren (weil der Slasherfilm ein extrem moralisches und konservatives Genre ist). Haben sie zu Beginn noch von großen Karrieren geträumt und standen vor einer glorreichen Zukunft, sind ein Jahr später alle Träume geplatzt. Die Schönheitskönigin (Gellar) ist im örtlichen Kaufhaus gelandet, die ambitionierte Journalistin (Jennifer Love Hewitt) leidet unter einem Posttraumatischen Syndrom, der Football-Held ist ein Alkoholiker (in sehr abgeschwächter Form, weil er von Ryan Phillippe gespielt wird, der so gut und gesund aussieht als hätte er nicht einen Tropfen Bier in seinem Leben getrunken), und der Herzensbrecher (Freddie Prinze jr.) arbeitet als besserer Angestellter auf dem Fischkutter seines Vaters.
Die Freundschaft ist auch kaputt. "Wir waren doch beste Freundinnen" sagt Gellar zu Jennifer Love Hewitt, und die erwidert nur "Wir waren mal vieles" (was keine lesbische Beziehung andeutet, wie in einigen schlüpfrigen Rezensionen angedeutet wurde, ts ts ts). Bevor sie den Killer besiegen können, müssen sie erst mit den Schatten der Vergangenheit aufräumen und erkennen, dass ihre Taten Konsequenzen hatten, nicht nur für sich, sondern auch für andere - wie die Familie des Opfers. Das Erwachsenwerden ist ein schmerzhafter Prozess. Williamson trifft hier den Nerv der Zeit (jeder ist sich selbst der nächste) und seiner Zielgruppe. 

Überbewertet? Von mir aus. Natürlich ist das alles sehr geschönt und auf Massenkompatibilität zurechtgebürstet. Natürlich glaube ich keine Sekunde, dass Freddie Prinze jemals auch nur einen rohen Fisch in seinem Leben angefasst hat, und die aufgemalten Augenringe von Jennifer Love Hewitt, die ihre Schlafstörungen ausdrücken sollen, sind weniger überzeugend als ihre ständig offene Bluse, unter der sie ihren Wonderbra spazieren führt. Die Logik holpert ebenfalls gewaltig, da der Killer zwar einen genauen Plan verfolgt, dann aber links und rechts noch völlig unbeteiligte Menschen umbringt, weil... naja, weil der Film sonst zu langweilig wäre.
Wie der Slasher eine Leiche nebst Dutzende auf ihr herumkrabbelnder Krebse binnen weniger Minuten aus einem Kofferraum auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen kann, muss mir auch mal einer erklären. Die halbherzigen Versuche, das Publikum zeitweilig glauben zu lassen, einer der Teenager könnte selbst hinter den Morden stecken, funktioniert ebenfalls nicht (weil unglaubwürdig). Und die schlussendliche Auflösung ist dermaßen kompliziert konstruiert, dass man schnell den Faden verliert, wer denn nun eigentlich wen und warum letztes Jahr auf dem Gewissen hatte. Insofern kann ich jede negative Besprechung des Films nachvollziehen.

Dennoch: bei den Spannungsmomenten und den Verfolgungsjagden stimmt das Timing (die 'lebende' Schaufensterpuppe ist ein echter Schocker), der Humor wird sehr sparsam eingesetzt, das Setting ist originell, die obligatorischen Popsongs sind ausnahmsweise extrem gut ausgewählt und in den Soundtrack integriert. Außerdem kann ein Film, in dem zur Abwechslung mal nicht die Mädels, sondern Ryan Phillippe eine eigene Duschszene bekommt, nicht ganz schlecht sein, oder?

Ich stehe dazu, ich mag ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST, gebe aber zu, dass es hilft, wenn man ihn damals auf dem Höhepunkt des Slasher-Revivals im Kino gesehen hat, wo er besser funktioniert als im Wohnzimmer. Das gilt übrigens nicht für das grauenvolle, hirntote Sequel, aber dazu später mehr.

8.5/10

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