Sonntag, 14. April 2013

Amityville Horror (2005)

Ich bin ja einer der wenigen Anhänger des Originals "Amityville Horror" (1979), wenn auch mehr aus sentimentalen Gründen. Der hat sicher seine Schwächen, nämlich zu wenig Spannung und ein lahmes Ende, dafür  mag ich die 70er-Atmosphäre, die stimmungsvolle Grusel-Musik von Lalo Schifrin, sowie die Besetzung mit Margot Kidder und Rod Steiger.

Hier haben wir nun das Remake, basierend auf dem Original, das wiederum auf einem Roman basierte, welcher auf angeblich wahren Tatsachen (die natürlich erstunken und erlogen waren) basierte. Das lässt doch auf viel Originalität hoffen, oder? Schon allein der deutsche Untertitel "Eine wahre Geschichte" ist hinreißend bescheuert, weil seit den 80ern jedes Kind weiß, dass diese Story selbstverständlich nicht wahr ist, sondern seinerzeit vom Ehepaar Lutz (den Protagonisten der Filme) erfunden wurde. Die waren jung und naiv, überschuldeten sich (wie so viele) mit ihrem Hauskauf, erfuhren dann, dass in ihrem neuen Eigenheim mehrere Morde stattgefunden hatten und versuchten daraufhin mit der absurden Begründung "Es spukt bei uns", aus dem Kaufvertrag herauszukommen. Wäre es nicht toll, genau diese Story zu verfilmen? Aber nein, es muss ja alles schön so gemacht werden, wie wir es schon hundertmal gesehen haben.

Ryan Reynolds, frisch aus dem Fitness-Studio und mit James Brolin-Gedächtnisbart, zieht also jetzt in das Haus ein, mitsamt Gattin Melissa George und deren Kindern. Ich glaube übrigens nicht eine Sekunde, dass diese Frau drei Kinder zur Welt gebracht hat, und ihre mütterliche Ausstrahlung ist auch gleich Null. Macht aber nix, Reynolds und George sind ein heißes Paar. Kurz nach dem Einzug spielen die Kinder mit (nicht so) unsichtbaren Freunden, Babysitter landen im Wäscheschrank, und Kühlschrankmagneten entwickeln ein Eigenleben, während Familienpapi Reynolds ein liebevolles Verhätlnis zu seiner Axt entwickelt...

Die Kühlschrankmagneten sind überhaupt der Ober-Hammer. Die arrangieren sich dank nett-altmodischer Stop-Motion-Technik von alleine und bilden mysteriöse Worte. Seit ich AMITYVILLE HORROR (The Amityville Horror) gesehen habe, drehe ich meinen Kühlschrankmagneten nie wieder den Rücken zu.
Auf diesem Niveau bleibt dann auch der Rest des Films. Regisseur Andrew Douglas, der für dieses Werk aus der Versenkung auftauchte und gleich danach wieder darin verschwand, bemüht sich nicht die Spur, so etwas wie Gruselstimmung aufkommen zu lassen, sondern geht den Irrweg von Jan de Bonts "Haunting"-Katastrophe. Alles ist viel zu laut, zu offensichtlich, zu dick aufgetragen, um auch nur ansatzweise zu überzeugen. Im Original sieht man z.B. die unsichtbaren Spielgefährten der Kinder nie, man ahnt nur, dass sie da sind. Hier bekommen wir geschminkte Muppet-Kinder mit Einschusslöchern in voller Beleuchtung zu sehen, deren Gruselwert ungefähr dem der Sesamstraße entspricht.
Anstatt Szenen sorgfältig aufzubauen, geht jeder Horror-Vorgang im ach-so-modernen Schnittgewitter unter, es gibt auch nicht einen einzigen Moment der Stille im gesamten Film, obwohl die unheimliche Stille für einen Spukhaus-Film unbedingt notwendig ist (wer's nicht glaubt, sieht sich bitte die wirklich guten Vertreter wie "Schloss des Schreckens" von Jack Clayton an). Und wer jetzt meint, das ginge aber nicht mit einem heutigen Publikum, das sich nicht länger als drei Sekunden konzentrieren kann, dem sei gesagt, das geht doch, siehe "Das Waisenhaus" (2007).

Was ebenfalls nicht überzeugt ist das künstliche 70er-Setting. Der Film sieht nie so aus, als würde er wirklich in den 70ern spielen. Die Kostüme sind weniger authentisch als Retro-Schick, und Ryan Reynolds' perfekt getunter Body sieht spektakulär gut aus (er darf ihn auch oft genug vorführen), ist aber vollkommen anachronistisch für die Zeit. Immerhin erhält der Film durch ihn wenigstens einen Schauwert, wobei Reynolds als Schauspieler leider nicht in der Lage ist, komplexe Vorgänge darzustellen und lediglich die Augen zusammenkneift, wenn er Abgleiten in den Wahnsinn spielen soll.
In der Rod Steiger-Rolle zeigt der angesehene Philip Baker Hall eine solide Vorstellung, das war's dann aber auch schon. Die Kinder der Spukhaus-Familie werden in 'niedlich', 'skurril' und 'frech' eingeteilt, sind aber allesamt unerträglich. Man wünscht sich, das Haus würde wenigstens eines dieser Bälger zur Hölle schicken, aber nein.

Trotz aller Schwachstellen hatte das 70er-Original wenigstens ein Thema, das über den vordergründigen Grusel hinausging. Dort war das Haus vor allem ein Geldvernichtungsmonster, das seine Bewohner ihrer wirtschaftlichen Existent beraubt (sehr schön beschrieben in Stephen Kings Sachbuch "Danse Macabre") und in einer wichtigen Szene einen Batzen Geld verschwinden lässt. Das Remake spielt zwar mit einigen Ansätzen kurz herum (Überschuldung, mangelnde Akzeptanz der Stiefkinder dem neuen Vater Reynolds gegenüber), lässt diese aber alle wieder fallen zugunsten einer aus "Poltergeist" (Teil 1 und 2) geklauten Auflösung, in der wir plötzlich erfahren, dass das Haus noch ganz andere Tragödien erlebt hat. Wer bitte braucht denn diese an den Haaren herbei gezogene Erklärung? Reicht es nicht, dass brutale Morde in diesem Haus verübt wurden und es seitdem 'böse' ist? Dieser moderne Zwang zu Erklärungen und ausufernden Backstorys ist übrigens der Grund, warum man Filme wie "Halloween" (1978) oder "The Haunting" (1963, wohlgemerkt), die ihre Geheimnisse für sich behalten, noch in 20 Jahren anschauen kann, während Filme wie dieser allesamt in Vergessenheit geraten werden.

AMITYVILLE HORROR gehört in die lange Reihe seelenloser, gnadenlos auf oberflächlichen Schick gezimmerten Remakes, die das Horror-Kino spätestens seit Michael Bays "Texas Chainsaw Massacre"-Neuverfilmung heimsuchen. Ein Film, der nichts will und nichts kann, der durch seine Lautstärke und schnellen Schnitte dem Zuschauer suggeriert, dass er etwas erleben würde, während er tatsächlich nur in ein schwarzes Loch aus gähnender Langeweile starrt.

02/10  (Ein Punkt für Reynolds' Workout, das bestimmt anstrengend war)


Kommentare:

  1. Ich kann mich immer nicht entscheiden, ob ich Deine Verrisse oder Lobeshymnen lieber lesen mag. Den "Amityville Horror" hab ich nicht gesehen - und nun auch sobiso nicht mehr. Alle in meinem Freundeskreis sind ja total heiß auf das Remake von "The Evil Dead", aber mir reicht schon der Trailer und ich bin maximal abgetörnt. Der zeigt übrigens auch schon alles vom Film, hat man das Gefühl. Naja. Freue mich da schon auf Deinen mutmaßlichen Verriss dazu. Ansehen musst Du ihn Dir unbedingt, damit ich das nicht selbst machen muss ;) - vielleicht ist er ja gar nicht so übel.

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  2. Ich weiß nicht, ob ich mir das antun möchte, ich bin eigentlich mit Remakes durch, nachdem sogar die ödeseten Slasher der 80er wie "April Fools' Day" noch mal aufgelegt wurden. Und "Evil Dead" gehört zu meinen absoluten Lieblingen. Ist aber auch ok, wenn ich den nicht schaue, die Filme sind ja eh für eine neue Generation Kinogänger gemacht, die mit den alten Filmen nichts anfangen können. Vielleicht, wenn er auf DVD erscheint, aber ins Kino gehe ich dafür nicht - musst Du wohl selbst ran. :-)

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  3. Haaach, Mist! Ich könnte jetzt an Deine Verpflichtung als Filmblogautor appellieren... aber ich befürchte, auch Du hast Grenzen :). Zu Recht übrigens.

    Na, ich lass mir wohl erstmal erzählen, wie der neue "Evil Dead" so war. Wenn er gut war, kauft sich bestimmt jemand von meinen Leutz hier die DVD...

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  4. Da muss ich doch glatt mal ins Handbuch für Blog-Autoren schauen... :-) LG, Mathias

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