Sonntag, 17. März 2013

Tesis (1996)

Die Studentin Angela (Ana Torrent) schreibt eine Diplomarbeit über Gewalt in den Medien und gerät dabei an ein Video, das die reale Folterung und Ermordung einer vor zwei Jahren verschwundenen Frau zeigt. Als Angela nachforscht, gerät sie an mehrere Verdächtige und muss bald selbst vor dem Killer mit der Kamera dvonlaufen...

Der erst 23-jährige Alejandro Amenábar, der Fans des Genres vor allem durch seinen Nicole Kidman-Grusler "The Others" (2001) ein Begriff sein dürfte, inszenierte mit TESIS (Tesis) seinen Debütfilm und wurde dafür weltweit ausgezeichnet. Auf den fürchterlichen deutschen Titel "Tesis - Der Snuff-Film" habe ich hier aus ästhetischen Gründen verzichtet. Auch die deutsche FSK 18-Freigabe will sich mir nicht erschließen, denn was Amenábar zeigt, ist nicht etwa authentische Gewalt (für Splatterfans ist der Thriller weitgehend uninteressant), sondern die Faszination, die sie auf die Betrachter ausübt.

Bereits in der ersten Szene, wenn die Fahrgäste einer notgebremsten U-Bahn vom Personal durch den Tunnel geführt werden, weil sich ein Selbstmörder vor den Zug geworfen hat, verzichtet TESIS auf eine Darstellung der Leiche, sondern bleibt ganz bei den Passanten, die sich entweder mit Abscheu abwenden oder nicht wegschauen können, insbesondere seine Heldin Angela.
Deren Obsession, was das Thema Gewalt angeht, wird in TESIS nie begründet, obwohl sie mehrfach von Charakteren darauf angesprochen wird. Glücklicherweise bietet Amenábar hier keine psychologische Erklärung an (wäre dies ein Hollywoodfilm, hätte sie wahrscheinlich ihre Eltern durch einen brutalen Mord verloren), sondern betrachtet ihre Suche nach Antworten als menschliches Phänomen. Kaum einer von uns kann bei einem Autounfall wegsehen, kaum einer mag sich vor schlimmen Bildern schützen, obwohl wir wissen, dass sie weh tun.
Konsequent hält sich Angela beim Betrachten des Snuff-Videos zunächst die Hände vor die Augen, um dann durch die Finger hindurchzublinzeln. Während ihr Kommilitone Chema (Fele Martinez) beim 'Genuss' des Videos fröhlich Chips mampft, muss Angela sich übergeben. Als Angela dem mutmaßlichen Täter (Eduardo Noriega) begegnet, kann sie sich nicht entscheiden, ob sie Angst vor ihm haben oder sich sexuell angezogen fühlen soll, und träumt davon, dass er sie während eines erotischen Stelldicheins tötet. Der Täter hingegen braucht die Kamera zum Mord, weil nur durch die Aufzeichnung der Akt für ihn 'real' wird (Anklänge an Powells "Peeping Tom", 1959).

Was die Entstehung und den Mythos des 'Snuff-Films' anbelangt, geht TESIS nicht in die Tiefe, darüber erfährt man überraschend wenig (weswegen es viele Rezensenten gibt, die ihn nicht mögen). Dafür gelingt Amenábar aber ein extrem spannender Thriller (mit nägelkauenden Verfolgungsjagden und einem Finale, das bei klassischem Schauer-Gewitter stattfindet), der sein Thema immer wieder aufgreift (wie die allgegenwärtige Überwachung durch Kameras) und am Ende noch eine gute Portion Medienkritik anklingen lässt, wenn das Snuff-Video dem Fernsehen in die Hände fällt, das es natürlich mit heuchlerischer Warnung den Zuschauern vorführt (nach den üblichen Floskeln, das man "lange überlegt und diskutiert habe", ob man diese Bilder dem Publikum zeigen darf), welche allesamt gebannt vor den Fernsehern sitzen.

Ist es eine Todessehnsucht, die uns dazu bringt, uns so etwas anzusehen? Wollen wir den Tod besser verstehen, damit er seinen Schrecken verliert, oder suchen wir einen Weg, mit Gewalt umzugehen? TESIS wirft viele Fragen auf und überlässt es dem Zuchauer, seine Schlüsse zu ziehen. Insofern ist er deutlich anspruchsvoller als der mainstreamige "8 mm" (1999) mit Nicolas Cage. Ich kann ihn guten Gewissens allen Thriller-Fans empfehlen, auch weil er sich durch die unverbrauchten Gesichter wohltuend vom Hollywood-Kino abhebt.

09/10

Kommentare:

  1. Also ich fand "8mm" ja extrem klasse und spannend. Wenn der hier noch besser sein soll, dann werde ich die TESIS mal in Angriff nehmen. Denke, es besteht wenig Gefahr, dass ich wie bei "The Other" einschlafe, oder was meint der Experte?

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  2. Och, ich fand "The Others" eigentlich ganz atmosphärisch und spannend, bis auf die langweilige Heimkehr des Ehemannes und Nicole Kidmans Schlaflied - wahrscheinlich bist Du deswegen eingeschlafen... :-)

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