Samstag, 9. März 2013

Schizoid (1971)

Lucio Fulci, der Splatterfans eher wegen seiner famosen und furiosen Zombiefilme inklusive Glockenseil und Geisterstadt bekannt sein dürfte, war in allen Genres zu Hause, die schnelles Geld versprachen, so auch in diesem frühen Giallo namens SCHIZOID (Lizard in a Woman's Skin). Der Titel erinnert an Argento und dessen Tier-Trilogie ("Bird/Cat/Flies"), Fulci geht hier aber inhaltlich völlig andere Wege und kann auch formal eigene Akzente setzen, wenn man von einigen Querverweisen auf Hitchcock absieht. Vor allem ist SCHIZOID ein nett psychedelischer Film und sehenswert wegen seiner surrealen Alptraumsequenzen.

Mit einer solchen beginnt auch gleich unsere Geschichte. Carol (Florinda Bolkan) ist eine sexuell frustrierte Hausfrau und Gattin eines Geschäftsmannes (Jean Sorel, hübsch und steif wie immer), die sich in ihren Träumen in verschlossenen Zügen voller nackter Menschen wähnt. Dort begegnet ihr auch die frivole Nachbarin (Anita Strindberg), die für Carol sexuelle Freizügigkeit verkörpert, von der sie sich gleichzeitig abgestoßen und angezogen fühlt. Bald aber werden die Träume brutaler, und in ihren Wahnvorstellungen sieht sich Carol die Nachbarin ermorden. Als diese daraufhin tatsächlich tot aufgefunden wird, stellen sich mehrere Fragen - hat Carol sie umgebracht, weil sie nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Illusion unterscheiden kann, oder spielt da jemand ein gemeines Spiel im Hintergrund?

Sieht man sich die Gialli der 70er an, stellt man oft verblüfft fest, welchen Einfluss diese scheinbar schundigen Sexploitation-Krimis auf amerikanische Filme hatten. So haben wir schon bei "Das Geheimnis der blutigen Lilie" (1971) festgestellt, dass ein Fahrstuhlmord beinahe exakt von Brian de Palma für "Dressed to Kill" (1980) kopiert wurde. In SCHIZOID sehen wir nun eine unbefriedigte Hausfrau, die von sexuellen Eskapaden träumt und diese ihrem Psychiater schildert. Kommt Ihnen bekannt vor? Da soll noch mal einer sagen, de Palma würde sich nur bei Hitchcock bedienen...
Da Fulci oft vorgeworfen wurde, sich hemmungslos bei Argento zu bedienen, darf man SCHIZOID attestieren, dass die Flucht seiner Hauptdarstellerin aus einer Fledermaushöhle, bei der sie ein paar Koffer übereinanderstapelt, um aus einem höher gelegenen Fenster zu entkommen, auf wundersame Weise in Argentos "Suspiria" (1977) wieder auftaucht.

Die Traumsequenzen werden von Fulci und dem begnadeten Kameramann Luigi Kuveiller mit Schmackes und Lust am Experimentieren in Szene gesetzt. Die Kamera ist extrem beweglich, sucht stets nach interessanten Perspektiven (und Zooms), und der avantgardistische Schnitt setzt dem ganzen noch die Krone auf (manche Einstellungen werden blitzschnell mehrfach hintereinander kopiert). Für den Schuss prickelnde Erotik sorgen die nackte Anita Strandberg, die sich mit Florinda Bolkan auf Kissen lümmeln darf, während eine Windmaschine ihnen die Haare durchpustet, als wollte Fulci einen Werbespot fürs Gard Haarstudio drehen.
Fulcis späteres Markenzeichen, der extreme Splatterfaktor, ist hier schon rudimentär vorhanden. Neben der blutig dahingemeuchelten Strindberg gibt es in einer weiteren Traumsequenz offene Bäuche und Gedärme zu bestaunen, sowie ein Rudel Hunde, das aufgeschlitzt in merkwürdigen Apparaturen hängt - eine Szene, die Fulci sehr viel Ärger einbrachte, weil die Effekte einem italienischen Gericht zu realistisch waren. Fulci konnte mit Hilfe seines Tricktechnikers allerdings nachweisen, dass keine echten Hunde leiden mussten, und heute wundert man sich, wie jemand diese süßen Fellpuppen für authentisch halten konnte.

In der Hauptrolle kann Florinda Bolkan als gequälte Neurotikerin absolut überzeugen, an ihrer Seite gibt Jean Sorel den Ehemann, der langsam am Verstand seiner Gattin zweifelt. Leider verliert SCHIZOID nach der Hälfte der Laufzeit ziemlich viel Drive, und die Aufklärung der verwirrenden Geschichte ist nicht allzu aufregend. Manche Szenen - wie das falsche Geständnis eines Hippies - dauern zu lang, sind für die Handlung irrelevant und offensichtlich nur dazu da, die Laufzeit zu strecken. Eine Verfolgung Bolkans durch einen bizarren Motorradfahrer kann zwischenzeitlich wieder für Spannung sorgen, und der Angriff der Killer-Fledermäuse ist in bester "Die Vögel"-Tradition inszeniert (das US-Plakat versucht witzigerweise, den Film als Fledermaus-Horror zu verkaufen), aber am Ende bleibt man doch mit gemischten Gefühlen zurück.

Wer Spaß an psychedelischen Spielereien und bizarren Kamerafahrten hat, der sollte sich Fulcis Giallo nicht entgehen lassen. Als Psychogramm einer gestörten Frauenseele würde ich eher "The Perfume of the Lady in Black" (1974) empfehlen. Trotz seiner Schwächen beweist Fulci aber, dass er mehr kann als wurmzerfressene Zombies auf die Leinwand (und Catriona MacColl) loszulassen.

07/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...