Dienstag, 19. März 2013

Saturday Night Fever (1977)

Der Film zum Plateau-Schuh!

Es gibt nicht viele Filme, die eine Ära so intensiv einfangen wie SATURDAY NIGHT FEVER (Nur Samstag Nacht / Saturday Night Fever), der die bereits totgesagte Discomusik in ungeahnte Höhen katapultierte, John Travolta zum Superstar sowie zur Mode- Stil - und Tanz-Ikone machte und den Bee Gees Millioneneinnahmen bescherte.
Und wer jetzt erwartet, einen saftigen Verriss zu lesen, der sich über die schrecklichen Frisuren, Polyester-Hemden und Travoltas gockelhaften Tanzstil lustig macht, der irrt gewaltig, denn SATURDAY NIGHT FEVER ist kein Trash, sondern ein klasse Film, der sich erstaunlich gut gehalten hat und trotz einiger - aus heutiger Sicht - unfreiwilliger Komik zum besten gehört, was das amerikanische Kino der 70er zu bieten hat.

Die Erfolgsformel des Films - ein talentierter Underdog träumt von einem besseren Leben und wird nach mehreren Rückschlägen und Todesfällen erwachsen - wurde später bis zum Erbrechen kopiert (in deutlich dümmeren Filmen wie "Flashdance" oder "Top Gun") und gilt bis heute als Blaupause für sicheren Mainstream-Erfolg, wobei man dazu sagen muss, dass SATURDAY NIGHT sie nicht erfunden hat - kurz zuvor räumte "Rocky" (1976) mit einer ganz ähnlichen Story ab. Sieht man sich aber modernere Werke wie "Studio 54" (1998) an, die exakt das Muster von SATURDAY NIGHT FEVER kopieren und grandios scheitern, erkennt man schnell, wie gut und substanziell das Vorbild ist.

In SATURDAY NIGHT FEVER spielt Travolta den Italo-Amerikaner Tony Manero, der mit seiner Familie in Brooklyn lebt. Tagsüber arbeitet er als Farbenverkäufer und ist ein ziemlicher Loser, aber nachts, wenn er den Föhn rausholt und die Goldkettchen anlegt, wird er zum umschwärmten Star der örtlichen Disco. Da setzt er den coolen Gesichtsausdruck auf, wird von Frauen umjubelt und tanzt sich frei. Während seine schlichten Kumpels Drogen einwerfen und sich mit ihrem Leben abgefunden haben, will Tony raus aus dieser Welt. Dafür soll ihm ein Tanzwettbewerb helfen, für den er eine neue Tanzpartnerin (Karen Lynn Gorney) findet, in die er sich auch verliebt. Doch das Leben hält noch einige unangenehme Überraschungen für Tony bereit...

SATURDAY NIGHT FEVER entstand während der zweiten Goldenen Zeit Hollywoods, in der anspruchsvolle Stoffe mit differenzierten, unbequemen Charakteren in realistischem Umfeld an der Tagesordnung standen. So gelingt es auch Regisseur John Badham und seinem Kameramann Ralf Bode ("Dressed to Kill", 1980), die ruppige Straßenatmosphäre Brooklyns absolut authentisch einzufangen. Die bunte Glitzerwelt der Discos ist das Paralleluniversum, in dem jeder seine Alltagssorgen vergessen kann, wo man geliebt und bewundert wird, selbst wenn man tagsüber ein Niemand ist.
Nicht umsonst war SATURDAY NIGHT FEVER auf der ganzen Welt ein Mega-Hit, seine Themen sind universell und trafen seinerzeit den Nerv des jungen Publikums wie kaum ein anderer Film. Die Musik der Bee Gees wird nicht etwa knallhart an passenden oder unpassenden Stellen eingespielt, um den Soundtrack-Verkauf anzukurbeln (trotzdem gehört der Soundtrack zu den meistverkauften aller Zeiten), sondern sie trägt und unterstützt den Film, erfüllt wichtige dramaturgische Funktionen - so wie in den klassischen US-Musicals. Die Musik erzählt die Geschichte von SATURDAY NIGHT FEVER.

Travoltas Tony Manero ist eine Figur, mit der sich das Publikum identifizieren kann, weil er die Sehnsucht des 'kleinen Mannes' verkörpert, aus den Beschränkungen seines sozialen Umfelds auszubrechen, und in diesem Zusammenhang ist es geradezu erstaunlich, wie unsympathisch und abstoßend dieser Tony im Drehbuch eigentlich gezeichnet wird, und wie Travolta es schafft, ihn dennoch liebenswert zu verkörpern. Sein Tony ist dumm und eitel, verwendet unentwegt Gossensprache, behandelt Frauen überwiegend wie Dreck, gefällt sich in Macho-Allüren und geht nach mehreren Demütigungen so weit, seine große Liebe beinahe zu vergewaltigen. Unvorstellbar, so etwas heute in einem Mainstream-Film zu sehen.
Travolta kämpfte übrigens für diesen rohen Tony Manero, was dazu führte, dass der ursprüngliche Regisseur John Avildsen ("Rocky"), der mit dem Buch nicht einverstanden war und Tony netter und zugänglicher machen wollte, kurz vor Beginn der Dreharbeiten gefeuert wurde und John Badham in letzter Minute einsprang.
Travolta bestand auch darauf, dass seine großen Tanzszene ("You Should be Dancing") hauptsächlich in einer Einstellung belassen und nicht durch unnötige Schnitte und Naheinstellungen unterbrochen wurde - weil schon Fred Astaire und Gene Kelly wussten, dass man Tänzer auf der Leinwand immer mit ganzem Körper zeigen musste, weil so erst die Magie des Tanzes und das Gefühl der Schwerelosigkeit entsteht.

SATURDAY NIGHT FEVER besticht aber nicht nur durch die Bilder und die Musik, sondern auch durch die Schauspieler, die durch die Bank erstklassige Vorstellungen zeigen. Seltsamerweise zog sich Hauptdarstellerin Karen Lynn Gorney nach dem Film für 15 Jahre von der Leinwand zurück und ist heute so gut wie unbekannt, obwohl sie die schlichte Stephanie mit dem Hang zum Snobismus perfekt spielt. Donna Pescow ist eine wundervoll verletzliche beste Freundin, die zu gern mit Tony in die Kiste springen würde, sich aber nach mehreren Zurückweisungen schließlich zugedröhnt allen Kumpels auf dem Rücksitz seines Wagens zur Verfügung stellt. SATURDAY NIGHT FEVER zeigt Menschen, die unentwegt die schlimmsten Fehler machen und lauter verhängnisvolle Entscheidungen für ihr Leben treffen, aber er verurteilt sie nie dafür. So verzichtet der Film auch auf ein zuckriges Happy End und endet überraschend leise und eher zurückhaltend optimistisch.

Bleibt noch zu sagen, dass die deutsche Synchronfassung so viele Probleme mit dem Straßenslang von Tonys Gang hat, dass sie praktisch unerträglich ist. Statt ruppiger Dialoge gibt es dort nur "flotte Sprüche" und lahme Kalauer zu hören, wie nur ein Rainer Brandt sie lieben würde.

Für viele Kritiker gilt SATURDAY NIGHT FEVER als einer der besten Filme der 70er, und man sollte aufgrund der unendlichen Parodien (besonders gelungen im genialen "Airplane!", 1980) nicht annehmen, dass dies ein Film aus der Kategorie "so schlecht, dass er schon wieder gut ist" wäre. Er hat seine kleinen Schwächen (ein paar Längen in den Subplots um Tonys Kumpel), ist aber sowohl als Zeitdokument als auch Charakter- und Milieustudie absolut mitreißend - natürlich umso mehr, wenn man die Musik mag.

Also, warum noch länger vorm PC sitzen? Your Should be Dancing! 

09/10



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