Mittwoch, 13. März 2013

Kap der Angst (1991)

Mit seinem Thriller-Remake KAP DER ANGST (Cape Fear) konnte Martin Scorsese einen weltweiten Mainstream-Hit landen. Die Zeit war günstig, denn zu Beginn der 90er waren Filmpsychopathen, die heile amerikanische Mittelklassefamilien oder Singles terrorisierten, der große Renner. Wer wäre da besser geeignet als Robert De Niro, der in Scorseses "Taxi Driver" (1976) und "King of Comedy" (1982) bereits furiose Irre gespielt hatte?

Scorseses Film folgt dem Original "Ein Köder für die Bestie" (1962) vom Handlungsablauf relativ dicht. Der Bösewicht De Niro wird aus dem Gefängnis entlassen und stellt seinem ehemaligen Anwalt Nick Nolte und dessen Familie nach, weil er sich für den Knastaufenthalt rächen will, den Nolte zu verantworten hat. Nolte kann sich gegen De Niro nicht wehren, auch der Einsatz eines Privatdetektivs endet katastrophal. Zum Showdown treffen sich Psycho und Familie auf einem Hausboot auf dem reißenden 'Cape Fear', wo Nolte selbst zum Täter werden muss, um den Stalker loszuwerden...

Die Welle von Psychothrillern der 90er ist - wenn man es genau betrachtet - eine Aneinanderreihung von Selbstjustizpropaganda. In den seltensten Fällen enden die Filme damit, dass der Bösewicht von der Polizei in Gewahrsam genommen wird. Meistens müssen unsere Helden selbst die Waffe bzw. sache in die Hand nehmen, zum ultimativen Schlussfight antreten und den Psychopathen unter Applaus des Publikums zur Hölle schicken. Interessant übrigens, dass der große Vater aller Psycho-Thriller, Alfred Hitchcock, die meisten seiner Filmbösewichter - mit wenigen Ausnahmen wie Robert Walker in "Der Fremde im Zug" (1951) - durchaus verhaften ließ. Selbst Norman Bates endet hinter Gittern (bzw. in der Geschlossenen). Aber das waren auch andere Zeiten.
Martin Scorsese ist so klug, seine Sympathiefiguren nicht aus dem moralischen Dilemma zu entlassen und deren Selbstjustiz ernst zu nehmen - zu sehen an den Schlusseinstellungen von KAP DER ANGST, wenn Nick Nolte wie ein Primat im Schlamm sitzt, nachdem er De Niro zur Strecke gebracht hat. Der zivilisierte Mensch ist wieder zum Neandertaler geworden und kann seine Lieben zurück in die Höhle bringen. Dazu gehört auch, dass der von Nolte gespielte Anwalt kein Unschuldslamm mehr ist. Nicht nur hat er eine außereheliche Affäre, er trägt auch - anders als Gregory Peck im Original - tatsächlich Schuld an De Niros Verurteilung und hat sich damit möglicherweise verdient zum Ziel des Psychopathen gemacht.

Eine weitere Neuerung besteht in der Zeichnung der bereits halb kaputten Familie. War Robert Mitchum im Vorbild noch der finstere Gewaltverbrecher, der das heile Familienidyll von Gregory Peck zerstört, gerät Robert De Niro bereits auf einen Kriegsschauplatz. Die Teenager-Tochter (Juliette Lewis) hat sich schon von den Eltern abgewendet, und die Affäre des Papas führt zu ewigen Streitereien zwischen dem Ehepaar. Robert De Niro ist hier lediglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Als erstes muss natürlich der Familienhund dran glauben, der von De Niro vergiftet wird. Soviel Klischee darf schon sein.
Was die psychologischen Untiefen angeht, die Scorsese und sein Drehbuchautor Wesley Strick hier anbieten, weiß ich nicht, inwieweit sie dem Thriller wirklich helfen, der dadurch oft unnötig überfrachtet wirkt (dazu ist die Geschichte selbst auch zu dünn). Immerhin, das Original hat ohne das ganze Brimbamborium wunderbar als reine Spannungsmaschine funktioniert (ich ziehe das Original dem Remake immer noch vor). Aber - wie schon gesagt - die Zeiten haben sich geändert. Die heile Familie gab es einfach Anfang der 90er in der Form nicht mehr (vermutlich hat es sie nie gegeben, aber das ist eine andere Geschichte), und Scorsese trägt dem Rechnung.

Formal ist KAP DER ANGST ein zweifelsohne brillanter Film, in weiten Teilen hervorragend gespielt, Kameraführung und Schnitt sind grandios, und Komponist Elmer Bernstein hat die Original-Musik von Bernard Herrmann (inklusive einiger Herrmann-Kompositionen aus dessen abgelehntem Score zu Hitchcocks "Torn Curtain", 1966) wuchtig neu eingespielt, was dem Film eine klassische Note verleiht. Scorsese inszeniert dazu einige unvergessliche Suspense-Momente, wie De Niros Mord an Privatdetektiv Joe Don Baker, bei dem das Publikum den Atem anhält.

Aber es gibt auch Schwächen. Die größte ist - meiner Meinung nach - Robert De Niro. Der erschafft zwar einen Filmbösewicht, der im Gedächtnis bleibt, dabei übertreibt und grimassiert er aber so ausufernd, dass er zur Cartoon-Figur verkommt. Scorsese legt noch mehrere Schippen drauf, indem er De Niro zum archaischen Überpsychopathen stilisiert, zur Verkörperung des Bösen, das in uns allen (angeblich) schlummert. Wenn er am Ende im Fluss versinkt und dabei seltsame Laute von sich gibt, wird KAP DER ANGST unfreiwillig komisch. Auch seine Kannibalenattacke auf die arme Illeana Douglas ist eher bizarr-amüsant als beängstigend (zumindest für Horror-Fans, das Mainstream-Publikum reagiert da gewollt entsetzt), und die seinerzeit viel gepriesene Szene, in der De Niro hinter charmanter Maske die rohe Sexualität aus der pubertierenden Juliette Lewis herauskitzelt, ist nicht nur viel zu lang, sondern auch höchst albern. Mir ist De Niro immer lieber, wenn er nuancierte Darstellungen zeigt und nicht wie Bette Davis auf Speed agiert.

Positiv überraschen kann allerdings Nick Nolte mit einer sehr zurückgenommenen Leistung (jedenfalls bis zum Finale, wo auch bei ihm der Größenwahn zuschlägt), und die immer wunderbare Jessica Lange (noch vor den schrecklichen Schönheits-OPs) kann aus einer uninteressanten Rolle (die weinerliche Ehefrau, die bis zum Schluss passiv bleibt) das Beste herausholen. Juliette Lewis wurde durch ihre neurotische Darstellung mit Recht zum Star, leider war sie danach zu oft auf dümmlichen Hinterwäldler-Schlampen festgelegt. Meine persönliche Lieblings-Sequenz ist übrigens die, in der Jessica Lange nachts vor dem Spiegel sitzt und sich die Lippen schminkt, wobei sie von der Kamera in wechselnde Farben getaucht wird. Das ist trotz des simplen Vorgangs ganz großes, magisches Kino - nicht auf den ersten Blick erklärbar, aber unwiderstehlich verführerisch - und wie immer bei Scorsese sehr symbolbeladen.

Insgesamt ist KAP DER ANGST schwierig zu beurteilen. Gutes, visuell und akustisch atemberaubendes Unterhaltungskino mit mehr Tiefgang (und Schockeffekten) als die Konkurrenz zu bieten hat, allerdings auch mit einigen Längen und zu vielen Übertreibungen (De Niros absurder  'Anhalter'-Trick unter Noltes Wagen ist nur eine davon und wurde in "Crazy Instinct" passend parodiert). Sehenswert allemal, aber für einen Scorsese letztlich doch sehr mainstreamig. Geschmackssache. Ich schwanke da.

7.5/10 - vielleicht auch mehr


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...