Freitag, 15. März 2013

James Bond 007 - Skyfall (2012)

Eigentlich wollte ich SKYFALL (Skyfall) nicht besprechen, weil es bereits gefühlte 5000 Rezensionen zum Film gibt, andererseits kann die 5001. auch nicht schaden, und ein paar Gedanken möchte ich doch loswerden anstatt sie weiter im Kopf herumzutragen. Denn Fakt ist: SKYFALL hat mich nicht begeistert, und darüber ist keiner überraschter als ich selbst, denn nach dem schlimmen "Ein Quantum Trost" (2008) dachte ich, es kann nur noch bergauf gehen, zumal Regie und Besetzung hervorragendes Kino versprachen. Also, was ist passiert?

Den Inhalt muss ich hier nicht wiedergeben, denn der kocht sich selbst auf einen simplen Racheplan herunter, den ein britischer Ex-Agent (Javier Bardem) an Geheimdienstchefin "M" (Judi Dench) durchführt, wobei ihm der desillusionierte und ramponierte Bond (Daniel Craig) in die Quere kommt. Man staunt, wie viel Aufwand, Sach- und Personenschaden entstehen muss, um eine einzelne Person umzubringen, aber das ist Teil des Action-Kinos. Gewundert habe ich mich lediglich, dass Judi Dench bei einer Straßensperre mal eben aus der Limousine steigt und damit ein hervorragendes Ziel für jeden Attentäter abgeben würde, dieser aber lieber U-Bahnen in die Katakomben Londons krachen lässt, um an sie heranzukommen.

Die Logiklöcher in SKYFALL könnte man übersehen, wenn man ihn als reinen Eskapismus sehen will (was dann aber gleich alles entschuldigt), doch da sich der Film selbst so wahnsinnig ernst nimmt und unbedingt  etwas "Besonderes" innerhalb der Reihe sein will, darf man kurz feststellen, dass es mit der Logik hier an jeder Ecke so gewaltig hapert, dass einem schwindlig wird. Die Beispiele möchte ich jetzt aber nicht alle aufzählen, sonst sitze ich Weihnachten noch hier (und habe noch keine Geschenke). An Glaubwürdigkeit mangelt es ebenfalls (toll aber, wie Bond durch bloßes Hinschauen einen verschlüsselten Quellcode knackt, an dem sich bereits Genies die Zähne ausgebissen haben). Das gehört schon alles auch irgendwie dazu, aber sagen wir einfach, es gab schon Bonds, die weniger Fragen aufgeworfen haben.

Die erste halbe Stunde mit der furiosen Pre-Title-Sequenz, dem beeindruckenden Vorspann-Design zum klassischen Bond-Song und den anschließenden Szenen von Bonds Wiederherstellung (nachdem er zuvor erschossen wurde und sich durch die Betten gesoffen hat) ist perfektes Unterhaltungskino. Auch die an "Blade Runner" erinnernde Shanghai-Episode ist beeindruckend gestaltet. Dann aber stellt sich schnell etwas ein, was ich bei nur ganz wenigen Bonds überhaupt empfunden habe - Langeweile. Ja, in der Tat, ich habe mich bei keinem Bond-Abenteuer zwischendurch so gelangweilt wie bei dem aktuellen Beitrag, der mehrfach auf der Stelle tritt (immer dann, wenn er substanziell sein möchte), und dessen Finale sich so in die Länge zieht, dass man förmlich das Ende herbeisehnt.

Das liegt vor allem daran, dass der Film mit aller Macht die Charaktere vielschichtiger gestalten will, dabei aber lediglich Sentimentalität herauskommt. Die Modernisierungen vom Cyber-Terrorismus bis zum nerdigen "Q" gehen alle in Ordnung, aber dieser Bond, der immer am Rockzipfel seiner strengen, aber insgeheim liebevollen Mutti "M" hängt - die trotz permanenter Zickigkeit offenbar ein solches Charisma besitzt, dass sämtliche ihrer männlichen Angestellten einen Ödipus-Komplex entwickeln und nicht sterben können, oder ihr vorher in die Augen gesehen zu haben (man fragt sich, ob hiesige Vertreter vom Verfassungsschutz ähnliche Reaktionen bei ihren Untergebenen auslösen) - dieser Bond geht mir mittlerweile ganz gehörig auf die Nerven. Und wollen wir wirklich, wirklich etwas über seine traurige Kindheit wissen? Ich finde es tragisch, dass mittlerweile eine ganze Generation von Kinogängern herangezüchtet wird, der platte Küchenpsychologie und Kalendersprüche als Komplexität verkauft wird. Allein Albert Finneys schwülstige Beschreibung von Bonds Kindheitstrauma: ("Als er nach zwei Tagen aus seinem Versteck kam, war er kein Junge mehr") zieht einem die Schuhe aus.

Ebenso merkwürdig ist die reaktionäre Grundhaltung, die den Geheimdienst als letztes stolzes Bollwerk gegen den internationalen Terrorismus bejubelt und mit Judi Denchs "M" eine Figur unantastbarer Integrität zeichnet, die zwar harte (und für einzelne Agenten schicksalhafte) Entscheidungen treffen muss, aber natürlich alle zum Wohl der Nation. Und der von Ralph Fiennes gespielte spätere Geheimdienstchef ist natürlich eine Vertrauensperson, weil er mit der Kanone umgehen kann und früher mal in IRA-Gefangenschaft war! Wo sich der Film selbst als anspruchsvoll und modern empfindet, ist er doch reichlich naiv und konservativ. Inwieweit der Geheimdienst selbst in terroristische Machenschaften verwickelt ist, das wird nicht einmal angerissen. Die Bösen sind - obwohl Judi Dench sich beklagt, dass sie nicht mehr klar erkennbar sind - gar nicht so schwer auszumachen, es sind nämlich immer die anderen (und die Psychopaten).

Von Originalität ist in SKYFALL auch wenig zu entdecken. Von "Mission: Impossible", dem "Schweigen der Lämmer" über "Naked Lunch", "Speed", "Rio Bravo", "Frankenstein" (ja, wirklich!), "Die Tiefe" bis zu "Harry Potter" und "The Dark Knight" wird sich bei allem bedient, was nicht bei drei auf den Bäumen sitzt, dazu bietet SKYFALL Handlungselemente und ganze Stränge aus "Goldeneye" (1995), "Der Mann mit dem goldenen Colt" (1974) und "Casino Royale" (2006), wobei  die 'Reminiszenzen' an frühere Bonds überwiegend plump ausfallen. Ebenso plump ist auch der gelegentliche Anflug von Humor, der an die schlimmen Pennäler-Scherze aus "Stirb an einem anderen Tag" (2002) erinnert ("Der hat wohl keinen Fahrschein!" - was haben wir gelacht).Die Anleihen sind natürlich legitim, aber bei einem Budget von 250 Millionen Dollar dürfte schon ein bisschen mehr Ideenreichtum drin sein.

Auch Bösewicht Javier Bardem hat mich nicht überzeugt. Der grandiose Schauspieler zieht hier eine groteske Muppetshow ab - mit einem guten (bzw. schlechten) Schuss Homophobie obendrauf. Und wo wir schon dabei sind: muss man einen großartigen Schauspieler wie Albert Finney engagieren, um ihn dann in einer Rolle zu besetzen, die jeder alte Fernseh-Zausel hätte spielen können (nämlich einen triefäugigen Wildhüter, der seit geschätzten 100 Jahren in einem verlassenen Landhaus in Schottland herumgeistert, für den Fall, dass zufällig mal jemand vorbeikommt)?

Und nun genug der Meckereien, es gibt auch noch Positives. SKYFALL sieht von vorne bis hinten toll aus und ist vielleicht der Bond mit dem erlesensten Set-und Lichtdesign aller Zeiten. Es gibt einzelne Spannungs-Sequenzen und Set Pieces, die sich ins Gedächtnis einprägen, wie das Shanghai-Attentat oder die Londoner U-Bahn-Jagd (schön zu sehen übrigens, dass London mal wieder eine prominente Rolle einnimmt). Am Ende gibt es einige Überraschungen, was die Figurenkonstellation betrifft, und die losen Enden werden geschickt verknüpft, um zu einer neuen Ausgangssituation für den nächsten Film zu gelangen.
Regisseur Sam Mendes ist ein fabelhafter Schauspieler-Regisseur, deshalb ist dieser Jubiläums-Bond auch (mit Ausnahme von Bardem, aber der ist zugegebenermaßen Geschmackssache) durchweg exzellent gespielt. Schade, dass ein guter Darsteller wie Ola Rapace (bekannt aus den "Wallander"-Krimis) keinen Text bekommt und nur davonrennen oder in die Tiefe stürzen darf. Man merkt übrigens stark den Einfluss der brillanten BBC-Serie "Sherlock" (2010), sowohl in der Darstellung des neuen "Q" als auch in der Musikuntermalung - wobei ich ganz klar sagen muss, dass jede der "Sherlock"-Episoden aus meiner Sicht spannender, origineller und humorvoller ist als der langatmige SKYFALL.

Vielleicht lag es an meinen Erwartungen, aber SKYFALL war für mich insgesamt eine Enttäuschung . Die Bond-Reihe musste sich oft an den Zeitgeist anpassen, was mal mehr, mal weniger gut funktionierte. Hier ist es immerhin gelungen, Massen ins Kino zu locken und für Bond zu begeistern, das ist keine Kleinigkeit. Dass er polarisiert, ist ebenso selbstverständlich. Der Film kann sich insofern ein scharfsichtiges Zeitdokument nennen, als sich sämtliche Figuren überwiegend mit sich selbst und ihren psychischen Befindlichkeiten beschäftigen. Das gesellschaftlich anerkannte Selbstmitleid hat Einzug ins Bond-Universum gehalten.
Am Ende aber zeigt Craigs Bond neue Lust am nächsten Auftrag - vielleicht macht dieser dann auch mehr Spaß. Wie gesagt, die Zeiten ändern sich. Vieleicht sehen wir irgendwann auch mal wieder einen gut gelaunten Agenten ohne Mutter- Vater- oder Ödipuskomplex.

6.5/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...