Donnerstag, 7. März 2013

Der Prozess (1962)

Kann man einen Film von Orson Welles, mit Anthony Perkins, Romy Schneider und Jeanne Moreau nicht mögen? Ja, man kann. Ich mochte DER PROZESS (The Trial) nicht, als ich ihn zum ersten Mal sah, und ich mag ihn immer noch nicht, obwohl er mittlerweile endlich in vollständiger Fassung und in genialer Bildqualität erhältlich ist. Beim ersten Sehen war ich enttäuscht, weil er meine hohen (möglicherweise falschen) Erwartungen nicht erfüllt hat, und das zweite Sehen war nur eine Bestätigung meines ursprünglichen Gefühls. Dabei besitzt DER PROZESS alle Zutaten, die ihn zu einem meiner Lieblingsfilme machen müssten. Ich habe mir lange den Kopf zerbrochen, warum der Film nicht bei mir funktioniert, kann aber nur vage Mutmaßungen anstellen.

Kurz zur Erinnerung: In DER PROZESS spielt Perkins den jungen Angestellten Josef K., der eines Tages völlig unverhofft Besuch von der Polizei erhält. Er wird wegen einer Sache angeklagt, die nie benannt wird. Auch wird K. nicht verhaftet, sondern darf sich frei bewegen. Je mehr er versucht, zu verstehen, was überhaupt vorgeht, desto mehr verfängt er sich in den Mühlen der Justiz, die unbarmherzig seinen Tod fordern...

Natürlich ist meine bescheidene Meinung höchst subjektiv, denn DER PROZESS ist alles andere als ein schlechter Film. Kameraarbeit und Ausstattung sind exzellent, manchmal atemberaubend. Auf visueller Ebene ist der Film zweifellos ein Meisterwerk. Die Schauspieler geben ihr Bestes (wobei mir Perkins in der Hauptrolle zu selbstbewusst und genervt auftritt), und Orson Welles hatte selten in seiner Karriere so viel Freiheit und Kontrolle über den vollständigen Film. Der Regisseur selbst war sehr zufrieden mit seinem Werk, das genau so ausfiel wie er es sich vorgestellt hatte. Die Kritiker waren seinerzeit eher gespalten, mittlerweile aber hat sich DER PROZESS einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet und gilt als einer von Welles' besten Filmen. Das Welles-Zitat "The Best Film I Ever Made" prangt sogar auf dem Kinoplakat. Da wäre ich aber dann doch für "Touch of Evil" (1958). Und vergessen wir bitte nicht "Citizen Kane" (1941). 

DER PROZESS beginnt stark mit einer langen Sequenz, in der Josef K. von Polizeibeamten in seiner Wohnung überrumpelt und bedrängt wird, ohne den Grund für deren Vorgehen zu erfahren. Hier fängt Welles das Alptraumhafte von Josef K.s Situation beklemmend ein, danach aber lässt er den Würgegriff wieder los. Obwohl Welles Kafkas Handlungsablauf relativ dicht folgt, steckt doch wenig Kafka in der Adaption. Welles macht die Geschichte zu seiner eigenen, verlegt die Handlung in die Gegenwart (sogar einen Computer gibt es), reichert den Hintergrund mit Holocaust-Anspielungen an und geht atmosphärisch in eine völlig andere Richtung. Zwar schafft er surreale Szenerien, aber der Ton entspricht durchweg dem einer bitteren Komödie und weniger einem klaustrophobischen Alptraum (wobei der Film auf viele genau diese Wirkung hat). Die sich immer mehr zuziehende Schlinge um Josef K.s Hals kann ich bei Welles nicht nachempfinden, dazu ist der Film zu offen und die Bedrohung zu unbedrohlich. Dazu empfinde ich den Film als extrem geschwätzig und die Dialoge nicht so mitreißend, dass ich durchweg gebannt zuhören würde.

Josef K. wird nebenbei von mehreren Frauen sexuell bedrängt, denen er sich stets entzieht - eine augenzwinkernde Anspielung von Welles auf seinen homosexuellen Hauptdarsteller, der sein Privatleben geheim hielt, und dessen 'Verklemmtheit' immer Teil seiner Darstellung war, aber mit Kafka oder dem Thema des Films hat das herzlich wenig zu tun. Orson Welles rafft auch den Handlungszeitraum - was sicher notwendig war, aber gelegentlich keinen Sinn ergibt - etwa, wenn Perkins seinen Anwalt (Welles) feuert, obwohl er ihn erst ein einziges Mal gesehen hat, während er in der Vorlage erst nach Monaten erkennt, dass der Anwalt ihm überhaupt keine Hilfe ist und die Justiz eine unendlich langsam mahlende Mühle ist, der man sich nur ergeben kann, anstatt gegen sie anzugehen. Das Ende ist bei Welles dann wieder perfekt in seiner zynischen Ausweglosigkeit, und da findet er auch wieder zu Kafka zurück.

Welles stellt seinem Film eine Illustration von Kafkas Parabel "Vor dem Gesetz" voraus, die Josef K. im Roman vom Gefängniskaplan hört (und welche von Kafka bereits vor dem 'Prozess' als Prosatext veröffentlicht wurde). Sie handelt von einem Mann, der bis zu seinem Tod vergeblich Einlass zum Gesetz verlangt, den ihm ein Torhüter verweigert. In dieser Parabel steckt alles, was Kafka ausdrücken will. Da sie im Film am Anfang steht, ist das, was danach folgt, lediglich eine (zugegeben kunstvolle) Bebilderung dieser Parabel und in seiner Wirkung schwächer.

Vielleicht kann ich dem PROZESS beim nächsten Versuch mehr abgewinnen, aber ich bezweifle es. Manchmal funkt es einfach nicht zwischen Film und Zuschauer, das ist ja auch nicht weiter schlimm. Da es zum PROZESS ausschließlich Lobeshymnen zu lesen gibt, bin ich wahrscheinlich einfach auf dem ganz falschen Dampfer. Dafür kann ich "Touch of Evil" immer wieder sehen.

05/10


Kommentare:

  1. Hallo Mathias,
    gelegentlich muss auch arthouse-Ikonen mal ans Bein gepinkelt werden, und wenn einem was nicht gefällt, dann gefällt's eben nicht - is' so!
    liebe Grüße, Karsten

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  2. Es würde mich interessieren, ob es auch anderen so geht, man kommt sich ja so schnell wie ein Geisterfahrer vor... LG, Mathias

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