Freitag, 1. März 2013

Cassandra Crossing (1976)

Die Produzenten Carlo Ponti und Sir Lew Grade (der wegen seiner minderwertigen Filme auch gern 'Sir Low Grade' genannt wird) trommelten 1976 ein internationales Ensemble zusammen, um auf die Katastrophenfilmwelle aufzuspringen, welche zu dieser Zeit allerdings bereits am verebben war. So konnte CASSANDRA CROSSING (The Cassandra Crossing) auch weder künstlerisch noch finanziell mit den Klassikern des Genres mithalten. Aufgrund reichlich unfreiwilliger Komik und massenhaft Action ist er aber heute noch extrem unterhaltsam.

Der Plot: Zwei Terroristen brechen in ein Schweizer Gesundheitszentrum ein, in dem mysteriöse Geheimexperimente durchgeführt werden. Als sie von Wachmännern niedergeschossen werden, entweichen tödliche Bakterien, mit denen sich einer der Terroristen infiziert, bevor er entkommen kann. Auf der Flucht besteigt er einen Zug nach Stockholm, wo sich die Epidemie bald unter den Passagieren ausbreitet. Um eine weitere Ausweitung der Katastrophe zu verhindern, wird der Zug - nach Willen eines US-Colonels (Burt Lancaster) - abgeriegelt und zu einer stillgelegte Brücke (die 'Cassandra Crossing') geleitet, die unter der Last der Bahn zusammenbrechen und alle Mitreisenden begraben wird. Die Passagiere - angeführt von Richard Harris und Sophia Loren - müssen diesen Plan vereiteln, bevor sie sich zu Tode husten oder zermalmt werden...

Das hört sich doch nach einer spannenden Geschichte an, möchte man meinen. Die Besetzung kann sich ebenfalls sehen lassen und bietet mit Richard Harris ("18 Stunden bis zur Ewigkeit", 1974), Ava Gardner ("Erdbeben", 1974) und O.J. Simpson ("Flammendes Inferno", 1974) gleich drei erfahrene Katastrophenfilm-Veteranen, die keine Probleme haben, sich zum Affen zu machen. O.J. spielt hier übrigens einen Rauschgiftfahnder, der sich als Priester verkleidet, um einen schrecklich affektierten Martin Sheen (der als Ava Gardners Lustknabe mitreist) des Drogenhandels zu überführen. Man merkt schon, so ganz ernst nehmen sollte man dieses Spektakel nicht.

Sophia Loren ist nicht nur die Hauptdarstellerin, sondern auch die Frau des Produzenten, deshalb bekommt sie das schönste Licht, die meisten Großaufnahmen und mehr Weichzeichner als Robert Redford im "Pferdeflüsterer". Da wird gleich eine ganze Vorratspackung Vaseline auf die Linse geschmiert, aber immerhin sieht Loren dadurch spektakulär gut aus. Sie spielt eine schnippische Bestseller-Autorin, die einen Enthüllungsroman über ihre Ehe mit Herzchirurg Richard Harris geschrieben hat, weswegen dieser etwas verschnupft ist. Man fragt sich, ob sich Enthüllungsromane über irgendwelche Chirurgen wirklich gut verkaufen (ich habe bislang leider keinen gelesen), aber für Harris scheint es ein Wahnsinns-Affront zu sein. Trotzdem landen sie miteinander in der Kiste, was Harris viel Gelegenheit bietet, sein Hemd auszuziehen (was er in jedem Film gern macht und - außer ihm selbst - garantiert niemand sehen will).

Unter den Reisenden befindet sich noch Lee Strasberg als jüdischer Uhrendealer, der eine Krise bekommt, als der Zug in Polen gestoppt und von Männern in Uniform und Schutzanzügen verriegelt wird. Aufgrund schrecklicher Erlebnisse im Konzentrationslager dreht Strasberg völlig durch und geht auf die Ordnungshüter los, die ihn gleich niederballern ohne Fragen zu stellen. Nach zehn Minuten aber befindet er sich - wie durch ein Wunder - wieder an Bord und hat nur einen Streifschuss am Arm (?). Nebenbei, die Holocaust-Anspielungen im Film sind nicht nur in solchem Unterhaltungs-Schund absolut fehl am Platz, sondern auch geschmacklos. Und Strasberg sollte für die schlimme Schmierenkomödie, die er hier abzieht, seinen Studenten das Geld für die Schauspielkurse am 'Actor's Studio' zurückzahlen.

Wer ist sonst noch an Bord? Alida Valli, die sich unter einer blonden Perücke und hinter einer dicken Dieter Krebs-Gedächtnisbrille versteck, Ray Lovelock als Teil einer Hippie-Gesangsgruppe, deren Sängerin keine Note halten kann, und Lionel Stander (Butler Max aus "Hart, aber herzlich") als gemütlicher Zugschaffner namens - natürlich - Max!

Während sich links und rechts die kleinen privaten Dramödchen abspielen, die man im Katastrophenfilm so liebt, hustet sich der kranke Terrorist durch die Waggons, was zu einer sehr ekelhaften Szene führt, in der er sich schwitzend und röchelnd in der Zugküche über einer Schüssel Reis aushustet, welche dann prompt im Speisewagen umhergereicht wird - guten Appetit!
Der Virus erwischt glücklicherweise nur Nebendarsteller, weil A-Stars offensichtlich keinen Reis verzehren. Deshalb sind unter den ersten Toten auch nur weniger bekannte Gesichter zu verzeichnen. Burt Lancaster sitzt derweil mit Ingrid Thulin - deren Englisch so schlecht ist, dass man kein einziges Wort ihres Dialogs versteht - im Genfer Gesundheitszentzrum, trifft fatale Entscheidungen, die böse Militärs in diesen Filmen halt immer treffen, und bewegt sich dabei nicht einen Zentimeter von seinem Platz weg - den ganzen Film über! War ein sehr einfacher Dreh für den Herrn Lancaster.
Die Top-Stars überleben hier ungewohnt zahlreich. Lediglich Martin Sheen wird bei einer waghalsigen Aktion vom Zug geschleudert und bricht sich das Genick. Der Karriere hat es nicht geschadet.

Leider konnten die Produzenten keinen guten Regisseur für ihren Thriller gewinnen, weswegen es George Pan Cosmatos ("Leviathan", 1989) richten musste, der nicht wirklich in der Lage ist, Spannung aufzubauen, und für den 'subtil' ein Fremdwort ist. Gottseidank passiert genug, damit keine Langeweile aufkommt. Komponist Jerry Goldsmith sorgt mit seinem ohrenbetäubenden Krawall-Score dafür, dass man den Film spannender findet als er in Wahrheit ist, und die Kameraführung geht auch schwer in Ordnung.
Am Ende, wenn die Brücke unter dem Zug zusammenkracht, wird dann noch ziemlich heftig gesplattert (ein Zuginsasse bekommt einen Stahlträger frontal in die Magengrube - aua!).
Der 'beste' (weil schlimmste) Moment folgt auf dem Fuße, wenn die letzten Überlebenden den einzigen heil gebliebenen Waggon verlassen, welcher rechtzeitig vom Rest des Zuges abgekoppelt wurde, und Sophia Loren einfach in der Tür stehen bleibt, um Richard Harris einen (elendig langen) verliebten Blick zuzuwerfen und ihm in die Arme zu fallen, während hinter ihr die Leute schon Schlange stehen, um diesen Höllenexpress endlich verlassen zu können. Entschuldigung, so viel Zeit muss sein! Ich bin hier immerhin der Star! Ist mir doch egal, ob Ihnen gerade ein Auge ausläuft!

Für den schnellen Katastrophenfilm-Hunger zwischendurch ist CASSANDRA CROSSING durchaus empfehlenswert. Unter besserer Regie hätte das ein absoluter Kracher werden können. So aber bleibt kurzweiliger Trash - was nicht das Schlechteste ist.

7.5/10


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...