Freitag, 22. Februar 2013

Your Vice Is a Locked Room and Only I Have the Key (1972)

YOUR VICE IS A LOCKED ROOM AND ONLY I HAVE THE KEY (Il Tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave) dürfte wohl der längste Titel sein, der jemals einen Giallo zierte, und dahinter verbirgt sich ein sehenswerter Thriller von Genre-Spezialist Sergio Martino.

Der Film fährt gleich mehrere Kultfiguren des Genres auf. Anita Strindberg spielt die gedemütigte Frau eines erfolglosen, ausgebrannten Schriftstellers (Luigi Pistilli), der gern die lokalen Hippies zu Orgien in sein Haus einlädt, bei denen er seine Ehefrau vor aller Augen quält. Kurz darauf werden sowohl seine Geliebte als auch die Haushälterin brutal ermordet. Als dann noch die schöne Nichte (Edwige Fenech) des Tyrannen auftaucht, nehmen die überraschenden Wendungen kein Ende mehr...

Sergio Martino verbindet in YOUR VICE Giallo-Elemente mit einschlägigen Klassikern à la "Die Teuflischen" (1955) und baut dazu noch Anspielungen auf Edgar Allan Poes "The Black Cat" ein, indem er der Hauskatze eine wichtige Rolle zukommen lässt und die sadomasochistische Beziehung der Hauptfiguren sowie die finale Auflösung aus Poes Geschichte übernimmt. Es steckt also mehr drin in diesem Italo-Cocktail als kreischende Frauen, denen die Kleider vom Leib gerissen werden, bevor sie gemeuchelt werden. Wobei, Kleider fliegen hier auch ganz schön durch die Gegend, denn Martino suhlt sich förmlich in menschlichen Abgründen. Die liebe Nichte stellt sich als eiskaltes Biest heraus, das über Leichen geht, die unterdrückte Ehefrau entdeckt selbst den Satan in sich, und den fiesen Gatten möchte man schon in der ersten Szene am liebsten tot sehen. YOUR VICE schildert neben dem Thriller-Plot eine durch und durch dekadente Gesellschaft, in der jeder nur an sich denkt, und in der sich die Stärkeren alles nehmen, was ihnen nach ihrer Ansicht zusteht, während sie auf den Schwachen herumtrampeln. Sex ist ein reines Macht- und Manipulationsintrument, Mord und Totschlag die Kommunikationsmittel der Wahl.

Martino geht - was seine Charaktere betrifft - mehr in die Tiefe, als es normalerweise im Giallo üblich ist. Als Zuschauer hat man leichte Schwierigkeiten, auch nur für eine der Figuren wirklich Sympathie zu empfinden - am ehesten noch mit der von Strindberg gespielten Ehefrau, allerdings lässt die sich so oft demütigen, dass man sie schütteln möchte. Edwige Fenech, die schönste aller Giallo-Heldinnen (siehe "Das Geheimnis der blutigen Lilie", 1971 oder Martinos Giallo-Vorgänger "Der Killer von Wien", 1971), sieht wie immer umwerfend aus (diesmal mit kurzen Haaren) und entweicht mit ihrer Rolle dem üblichen Opfer-Schema, aber sie kommt ein bisschen spät in den Film und entpuppt sich schnell als niederträchtige Göre. Das ist aber alles kein Problem, weil man gerne zuschaut, wie diese Widerlinge sich gegenseitig das Lebenslicht ausblasen. Da entschuldigt man auch ein paar kleinere Längen.

Formal hält sich Martino an die Vorgaben des Genres. Die Mordsequenzen sind schnell und blutig, die Kamera filmt das sündige Geschehen im schönsten Licht und mit ungewöhnlichen Perspektiven, und die Musik von Bruno Nicolai ist mal wieder eine Klasse für sich. Wer Gialli mag, der sollte sich YOUR VICE, der seltsamerweise zu den eher unbekannten Vertretern des Genres gehört und bis heute nicht in Deutschland erschienen ist, nicht entgehen lassen.

08/10


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