Freitag, 8. Februar 2013

The Child - Die Stadt wird zum Alptraum (1972)

Venedig ist immer eine Reise wert - oder einen guten Grusler. Nicolas Roeg drehte mit "Wenn die Gondeln Trauer tragen" (1973) den wohl ultimativen Venedig-Schocker, aber Aldo Lados Giallo THE CHILD (Who Saw Her Die? / Chi L'ha Vista Morire?) kommt ihm schon sehr nahe, zumal der Look hier eher dokumentarisch als stilisiert ist.

THE CHILD erzählt von einem Kindermörder, der rothaarige Mädchen brutal ermordet. Der Vater des letzten Opfers (George Lazenby) sucht auf eigene Faust den Killer in der Lagunenstadt. Bis er diesem aber auf die Schliche kommt, müssen noch einige seiner Bekannten dran glauben, und auch seine Ehefrau (Anita Strindberg) steht auf der Liste des Mörders...

Regisseur Aldo Lado inszeniert THE CHILD in bester Giallo-Tradition, und man fragt sich, warum der Film sogar im Rahmen seines Genres eher unbekannt geblieben ist. Der Film ist durchweg an Originalschauplätzen gedreht worden und besticht durch einen ultra-realistischen Look, den man so nicht oft im italienischen Exploitation-Kino findet. Dramaturgisch wichtige Szenen spielen sich stets dort ab, wo im Hintergrund noch authentische Glasbläser, Gemüseverkäufer, Gondolieri oder Taubenfütterer ihre tägliche Arbeit verrichten, so dass man als Zuschauer tatsächlich das Gefühl hat, mit den Protagonisten an Ort und Stelle zu sein. Gleichzeitig nutzt Aldo Lado die verschlungenen Labyrinthe der Stadt (ebenso wie Roeg) als Metapher für die ebenso verschlungenen Pfade des Murder Mysterys, bei dem man bis zum Schluss nicht errät, wer der Täter sein könnte. Man ahnt lediglich, dass er sich unter den bereits bekannten Gesichtern befindet.
Ebenso hoch anrechnen muss man Lado, dass er mit seiner Geschichte da hingeht, wo es wirklich weh tut, immerhin werden hier keine sexy Models vom schwarzbehandschuhten Mörder gejagt, sondern unschuldige Kinder. THE CHILD beginnt bereits mit einer heftigen Sequenz, in der wir aus der Sicht des verschleierten Killers (mit dem Schleier vor der Kamera) dessen nächstes Opfer beobachten, bevor er es mit einem Stein erschlägt und im Schnee vergräbt. Später stellt der Killer der Tochter unserer Hauptdarstellers nach, und auch diese Szenen gehen unangenehm unter die Haut, weil der Film sich erfolgreich bemüht hat, Vater und Tochter als liebenswerte Figuren zu zeichnen, denen man absolut nichts Böses wünscht. Umso brutaler wirkt dann die Ermordung des Kindes. An dieser Stelle muss - wie so oft - die Musik von Ennio Morricone gelobt werden, der mit seinen Kinderchören für die richtige Gänsehaut-Atmosphäre sorgt.

Obwohl THE CHILD nicht durchgehend spannend ist, gelingt es Aldo Lado immer wieder, den Zuschauer zu fesseln, ganz besonders in den Mordsequenzen, die an Argento erinnern und an Hitchcock. Ein Mord vor einem überdimensionalen Vogelkäfig dürfte wohl die deutlichste Anspielung sein, und die Täter-Motivation stammt direkt aus "Psycho" (1960), zumal sich auch hier der Mörder als alte Frau verkleidet.

Der Vater wird vom einstigen Bond-Darsteller George Lazenby gespielt, der hier ein bisschen nach Junkie aussieht, aber hervorragende Arbeit leistet, ganz besonders in körperlicher Hinsicht, denn er kriegt mehrfach eins auf die Mütze, muss unentwegt durch die Gassen rennen oder wird in gähnende Abgründe geschubst, bevor er den Killer endlich stellen kann. Ihm zur Seite stellt der Film ein bunt zusammengewürfeltes Ensemble aus Euro-Stars wie Fassbinder-Schauspieler Peter Chatel oder die berückend schöne, statuenhafte Anita Strindberg. Mit Adolfo Celi ("Feuerball", 1965) steht noch ein weiterer Bond-Veteran vor der Kamera.
Die Identität des Mörders soll hier nicht verraten werden, aber mit dessen Enttarnung betritt THE CHILD für das Genre und das italienische Kino ungewohnt brisantes Terrain. Der letzte Dialogsatz im Film soll das zwar ein bisschen ausbügeln, aber es wird schon klar, was hier eigentlich für ein Statement gemacht werden soll. Es ist die große Stärke des Films, dass er nicht wie ein schnell zusammengezimmerter Mode-Thriller wirkt, sondern ernsthafte Absichten verfolgt und dabei künstlerisch wertvoll bleibt.

Wer sich mit dem Giallo-Kino anfreunden kann, dem sei THE CHILD dringend ans Herz gelegt. Im Gegensatz zu vielen seiner Weggefährten hält er den Trash-Faktor so niedrig, dass er kaum vorhanden ist. Auch unfreiwillige Komik gibt es nicht. THE CHILD ist trotz einiger Unlogiken und kleiner Längen ein sehenswerter, düsterer Psycho-Thriller, der unter die Haut geht und sich dort festsetzt. Für Fans ein Muss.

08/10

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