Dienstag, 5. Februar 2013

Die drei Tage des Condor (1976)

Der amerikanische Polit-Thriller DIE DREI TAGE DES CONDOR (Three Days of the Condor) war ein großer Hit und erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Sein Ruf ist sogar besser als der Film es verdient hätte, denn der bietet zwar spannende Unterhaltung, ist aber weder brisant, noch geht er wirklich unter die Haut (wie es die besten Vertreter dieses Genres schaffen), und er wird durch eine zähflüssige Liebesgeschichte sabotiert.

Sydney Pollack inszenierte diesen Thriller nach dem Roman von James Grady (in welchem der Condor sechs Tage statt drei bekommt). Robert Redford spielt darin einen harmlosen CIA-Agenten, der im Auftrag der Regierung Abenteuer-Romane und Krimis liest, um geheime Bedeutungen, Muster oder mögliche Pläne von Bösewichtern zu erkennen. Als er eines Tages von der Mittagspause ins Büro zurückkehrt, findet er alle Mitarbeiter seiner Abteilung erschossen vor. Nun ist er selbst auf der Flucht. Aber wem kann er in einem System trauen, das selbst niemandem vertraut?

Zunächst das Gute. Die erste halbe Stunde des Films ist perfekte Mainstream-Unterhaltung - humorvoll, hochspannend und actionreich. Als flüchtender Geheimagent stolpert Redford von einer Suspense-Szene in die nächste, und Regisseur Pollack beweist, dass er viel von Hitchcock gelernt hat - der sympathische Held, der ungewollt in finstere Machenschaften gerät, die schmutzigen Methoden des Geheimdienstes, die sich der Vertrauten des Gejagten bedienen, um ihn in die Falle zu locken, die schöne Unbekannte, die ihm ungewollt hilft, etc., das sind alles Elemente der besten Filme des Meisters. CONDOR ist zudem glänzend besetzt und fährt neben John Houseman und Cliff Robertson als dubiose CIA-Chefs Max von Sydow als eiskalten Auftragskiller auf, nachdem dieser zwei Jahre zuvor noch bei Linda Blair den Teufel ausgetrieben hat.

Noch mehr allerdings bemüht sich Pollack, das Sonnyboy-Image seines Hauptdarstellers (und Produzenten) Redford sauber zu halten, und damit unterscheidet er sich grundlegend von anderen Vertretern des Politkinos der 70er, in denen gebrochene Hauptfiguren auf den Spuren von Verschwörungen kaum das Filmende erlebt haben und das Publikum verstört wurde. Bei Pollack ist man immer auf der sicheren Seite, und man muss als Zuschauer nie Angst haben, dass unserem Robert oder seiner Frisur etwas Ernstes zustößt. Schon in den ersten fünf Minuten erleben wir ihn als Sonnenschein, der immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hat (= witzig), sich nicht gern an Regeln hält (= unangepasst) und - obwohl ein Bücherwurm - auch mit dem 'einfachen Volk' in einem Café locker scherzen kann (= einer von uns). Diese Aktion 'sympathischer Redford' ist schon ziemlich penetrant, und spätestens, wenn er Faye Dunaway mit romantischer Psychoanalyse vollsülzt ("Du bist etwas zwischen Herbst und Winter" - wollen das nicht alle Frauen gern hören?), kann einen schon der Brechreiz überfallen.

Was uns zum nächsten großen Problem bringt. Faye Dunaway spielt ihre Rolle tadellos, aber sie ist vollkommen nutzlos für den Film, der jedesmal zum Halten kommt, wenn sie auftaucht. Nicht nur ist sie viel zu sophisticated für die Rolle, die sie spielt (laut Buch ist sie eine junge Fotografin, die nicht so recht weiß, wo sie hingehört und mit einem reichen Kerl ins Ski-Wochenende fahren will - da stellt man sich doch eher eine Goldie Hawn vor und nicht die kühle Dunaway), sie hat auch nichts anderes zu tun als unentwegt ängstlich zu schauen und sich trotz gewaltsamer Übergriffe Redfords in diesen zu verlieben. Muss ein extremer Fall von Stockholm-Syndrom sein. Der Film schenkt ihr nicht einen interessanten Moment und serviert sie dann im dritten Akt mit einer schnulzigen Abschiedsszene auf Nimmerwiedersehen ab. Eigentlich wartet man ständig darauf, dass sie von einem Polizisten wegen fahrlässiger Ausbremsung eines Thrillers verhaftet oder - wie in der Muppet-Show - von einem gigantischen Spazierstock seitwärts aus dem Bild gerissen wird.
Die Schauspielerin kann nichts dafür. DIE DREI TAGE DES CONDOR ist so auf Massengeschmack gebügelt, dass die Liebesgeschichte obligatorisch ist, ob sie nun passt oder nicht. Der Film ist ein gutes Beispiel dafür, wie unsensibel Hollywood mit talentierten Frauen umgeht, die nur als Schaufensterdekoration herhalten müssen, um dem männlichen Held größtmögliche Potenz zu bescheinigen. Redford bekommt sogar mehr Großaufnahmen als sie.

Nachdem die erste Hälfte des Films auf Hochtouren läuft, fällt die zweite dann spannungsmäßig etwas ab, und wenn am Ende Redford als letzten Ausweg seine Geschichte der seriösen New York Times erzählt und der Film somit die Medien als unbestechlich und heilsbringend zeichnet (der eher zaghafte Versuch, das Ende dennoch durch einen ominösen Dialog offen zu lassen, überzeugt da nicht), dann weiß man, dass das Kino sich auf geradem Weg in die 80er befindet, wo jede Verunsicherung des Zuschauers zugunsten einer simplen Gut/Böse-Weltsicht geopfert wurde.
Mit düsteren Paranoia-Thrillern wie "Der Marathon-Mann" (1976) oder "Zeuge einer Verschwörung" (1974) hat DIE DREI TAGE DES CONDOR nur noch am Rande zu tun. Er will den größtmöglichen Erfolg und bleibt deswegen weitgehend harmlos. Dennoch bietet er unterm Strich spannende, gut gespielte und formal tadellose Thriller-Unterhaltung - und das ist ja nicht wenig.

08/10

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