Dienstag, 12. Februar 2013

Der Antichrist (1974)

Nein, hier geht es nicht um den gleichnamigen Film von Lars von Trier aus dem Jahre 2009, sondern um ein weiteres (bzw. das erste) Rip-Off von William Friedkins Welterfolg "Der Exorzist" (1973), der besonders in Italien zahlreiche Nachahmer fand. Von diesen war "Vom Satan gezeugt" (1974) der erfolgreichste (und blödeste), während Alberto de Martinos DER ANTICHRIST (L'Anticristo) eher unbekannt geblieben ist, obwohl es sich hier um ebenso grotesken Quatsch handelt.

Dabei beginnt alles so schön mit dokumentarischen Aufnahmen einer religiösen Prozession irgendwo in Italien, religiöser Ekstase und einem spektakulären Selbstmord. Die gehbehinderte Ippolita (Carla Ravina) ist mit ihrem Vater (Mel Ferrer, der sich durch viele italienische Horrorfilme geschnarcht hat) zur Prozession gereist, um Heilung zu suchen, die sie aber nicht findet. Ippolita hat es ohnehin nicht leicht. Der Papa hat sich ein heißes blondes Model (Anita Strindberg) an Land gezogen, der feminine Bruder ist auch keine Hilfe, und die arme Ippolita hatte noch nie Sex in ihrem Leben. Kein Wunder, dass sie verbittert ist und der Satan in sie fährt.
Es folgen derbe Flüche im Stil von Bierkutschern, verspeiste Frösche, heftige Masturbation mit Papas Foto, Verführung des eigenen Bruders und Träume von Teufelsritualen, bei denen Ippolita vergewaltigt wird und - jetzt kommt's - Anilingus an einem Ziegenbock vollführt. Also all das, was bei Besessenen üblicherweise an der Tagesordnung ist (oder ein gewöhnlicher Scripted Reality-Nachmittag auf RTL).

Lustig wird es, wenn die aufgegeilte Ippolita - jetzt ohne Rollstuhl - einen blonden Schuljungen, der aussieht wie Schlagersänger Jürgen Marcus (gottseidank singt er nicht), begrapscht und ihm ordentlich den Kopf verdreht - im wahrsten Sinne des Wortes. Das herumfliegende Mobiliar darf natürlich auch nicht fehlen (warum glauben Horror-Regisseure, dass fliegende Möbel gruslig sind??), und auch der grüne Schleim kommt selbstverständlich zum Einsatz. Mit diesem wird unter anderem die arme Alida Valli bespuckt, die noch Jahre zuvor in Filmklassikern wie "Der dritte Mann" (1949) mitwirkte und hier als unansehnliche Haushälterin gedemütigt wird.
Eine Dinnerparty mit dem Teufelsweib wird zum großen Fremdschäm-Festival, wenn Ippolita rohes Fleisch verschlingt, ihre sexy Stiefmutter als "Cocksucker" beschimpft und ihre Schenkel auf dem Tisch ausbreitet, damit jeder aus der Familie in ihr Allerheiligstes glotzen kann, während die Vorhänge und Gemälde durchs Zimmer tanzen. Ach ja, schweben darf Ippolita später auch noch, wie wollen doch keinen Einfall aus dem "Exorzisten" auslassen, gell? 

Wer nach dem realistischen Beginn nun geglaubt hat, der Film würde eine kritische Haltung zu Kirche und religiösem Fanatismus einnehmen, der befindet sich auf dem Holzweg, denn wieder mal müssen im letzten Akt die Priester anrücken (darunter Arthur Kennedy, der seine Rolle später im "Hexensabbat" 1975 wiederholte), um der Dame mit dem dreckigen Mundwerk ihren Platz in der Gesellschaft zu zeigen. Zuvor kommt übrigens noch ein Wunderheiler, der Ippolita mit Voodoo-Puppen zur Vernunft bringen will, was zu einer hinreißenden Szene führt, in der Ippolitas Unterarm verschwindet und aus dem Nichts wieder auftaucht, um den Hexenmeister zu würgen - mit ganz schlechten Spezialeffekten.

Wie immer im Subgenre des Exorzisten-Films wird die sexuelle Freizügigkeit der Frau, die nicht mehr gehorchen mag, mit Folter und Qual bestraft, bis sie endlich 'vom Bösen befreit' ist - sprich, ihre Rolle als unterwürfige Jungfer im Rollstuhl wieder einnehmen kann. Die 70er waren eben eine Zeit der (männlichen) Verunsicherung. Wo kommt die Welt hin, wenn Frauen plötzlich einen Orgasmus verlangen? Das geht so nicht! DER ANTICHRIST ist dann auch ein extrem heuchlerischer Film, weil er die weibliche Verführung von Schuljungen als Akt des Satans kennzeichnet, während er mit der Tatsache, dass der alternde Mel Ferrer mit der scharfen Anita Strindberg in die Laken steigt, obwohl die seine Tochter (oder Enkelin) sein könnte, kein Problem hat.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Regisseur Alberto de Martino, der einige ganz hervorragende Gialli inszeniert hat - für seine weibliche Hauptfigur kaum Sympathie aufbringt. Anders als Linda Blair, Mia Farrow oder sogar Juliet Mills in "Vom Satan gezeugt" zeichnet er Ippolita von Anfang an als frustrierte, ungerechte und selbstmitleidige Tyrannin, die ständig Aufmerksamkeit braucht. Einerseits eine mutige Entscheidung, weil realistisch nachvollziehbar, andererseits kann man mit ihr kaum Mitleid empfinden und schaut dem satanischen Treiben eher gelassen zu. Was, ein Ziegenbock-Hintern wird in die Kamera gehalten? Von mir aus.

Bleibt noch zu sagen, dass DER ANTICHRIST wieder mal außergewöhnlich schön fotografiert ist und einen klasse Soundtrack von Ennio Morricone und Bruno Nicolai vorweisen kann. Was die Kameraführung und Lichtsetzung angeht, kommt niemand an die Italiener heran. In so einem Exploitation-Schund derart viel Kunst zu sehen, das ist doch erstaunlich. Das gilt allerdings nicht für die billigen Spezialeffekte. Ausstattung und Locations sind darüber hinaus sehr barock (Kirchen, Kathedralen, alte Gemäuer, feudale Villen), was vielleicht ein Grund für die Erfolglosigkeit des Films im Ausland war. Ein "Vom Satan gezeugt" sieht mit seinen US-Settings einfach moderner aus. DER ANTICHRIST ist - obwohl das Imitat eines US-Films - in Themenwahl und Darstellung durch und durch italienisch.

07/10





Nein, nein und nochmals nein!
Jede Ähnlichkeit ist und bleibt rein zufällig und garantiert nicht beabsichtigt!
Juliet Mills, Carla Ravina und Linda Blair, allesamt vom Teufel besessen.


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