Dienstag, 26. Februar 2013

Das Leichenhaus der lebenden Toten (1974)

Der spanische Horror-Beitrag DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN ist hierzulande auch unter seinem Kino-Wiederaufführungstitel "Invasion der Zombies" bekannt und hat im Original so viele Titel, dass sie aufzuzählen den Rahmen sprengen würde. Die bekanntesten sind: "The Living Dead at the Manchester Morgue" und "Let Sleeping Corpses Lie". Dieses Wirrwarr soll aber nicht verschleiern, dass es sich hier um einen der meistunterschätzten Horrorfilme der 70er, vielleicht sogar aller Zeiten, handelt.

Worum geht es? Der Kunsthändler Ray Lovelock (bekannt aus zahllosen Italo-Western und dem Katastrophen-Kracher "Cassandra Crossing", 1976) will aus der Großstadt mit seinem Motorrad nach Manchester reisen und gerät unterwegs an die zauberhafte Christine Galbo, die ihm das Motorrad unabsichtlich kaputtfährt. Als sie die weitere Strecke gemeinsam zurücklegen, geraten sie bald an einen Haufen Untoter, die offenbar durch die Strahlung einer neuartigen Insektenvernichtungsmaschine aus ihrem Grab gerufen wurden und nach Blut lechzen...

DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN orientiert sich im Handlungsablauf wie auch in der Auflösung an George Romeros Klassiker "Die Nacht der lebenden Toten" (1968). Hier wie dort gerät ein junges Paar an einen herumtorkelnden Zombie und muss sich bald vor einer ganzen Armee Gedärmelutscher verstecken. Dabei nimmt Regisseur Jorge Grau aber Romeros eigenen Nachfolger "Dawn of the Dead" (1978) verblüffend vorweg, indem er das grauenvolle Geschehen in schönsten Farben filmt, mit ordentlich Sozialkritik und hervorragenden Ekeleffekten (von Gianetto de Rossi) anreichert. Trotz der blutigen Splatter-Einlagen aber setzt sein Film deutlich mehr auf Gruselatmosphäre und Spannung, was ihm ausgezeichnet gelingt. Einige Sequenzen - wie die, in der unser Paar in einer verschlossenen Leichenhalle gegen mehrere Untote zur Wehr setzen muss - erinnern an Hammer-Klassiker wie "Dracula" (1958) und sind tatsächlich zum Zerreißen spannend. Das Tempo ist durchweg gemächlich, steuert aber zielgenau auf das bittere Ende hin. Die für das europäische Exploitation-Kino typisch unfreiwillig komischen Trash-Momente fehlen fast völlig, und obwohl die Erklärung für die Existenz der Zombies letztlich albern ist (auch, dass sie ihr Untoten-Dasein weitergeben können), nimmt der Film sie so ernst, dass sie viel weniger haarsträubend wirkt als das bei anderen Genre-Vertretern der Fall ist.

Das liegt auch daran, dass Jorge Grau mit seinem Thema intelligent umgeht und den Zeitgeist erstaunlich real einfängt. Zu Beginn erinnert der Zombie-Schocker eher an Arthaus-Kino à la "Blow Up" (1966). Themen wie Studentenunruhen, Hippie-Communities, Terrorismus, Generationenkonflikt und Umweltverpestung finden Eingang in Drehbuch und Umsetzung. Bereits die Titelsequenz, in der Ray Lovelock durch die Stadt fährt und die Kamera authentische Bilder eines bedrückenden Großstadtlebens einfängt (tote Singvögel am Straßenrand, rauchende Fabrikschlote, Menschen mit Atemschutzmasken vor dem Gesicht), ist intelligenter als komplette Filme seiner Zeitgenossen und beweist, dass sogar ein Zombiefilm scharfsinnige Kommentare zu politischen und gesellschaftlichen Themen abgeben kann, wie sie im Mainstream nicht unbedingt möglich sind.

Dazu kommt die knallharte Darstellung der Ordnungsmacht, verkörpert durch einen eiskalten Arthur Kennedy, der hier ein brillantes Porträt eines skrupellosen, desillusionierten Polizisten zeichnet, der seinen Hass auf die veränderten Zeiten nur in Gewalt ausdrücken kann. Am liebsten würde er "die Langhaarigen, die Schwulen und die Hippies" vom Erdboden verschwinden lassen. Kennedys 'Untaten' sind schlimmer als die der Film-Monster - der Zombies - weil diese lediglich ihrem Instinkt folgen und sich ihr Dasein nicht ausgesucht haben, Kennedy aber weiß genau, was er tut, und wenn er sich am Ende ganz übel verhält, verabscheut man ihn mehr als die Untoten.
Hauptdarsteller Lovelock gerät allein durch seinen Bart und die längeren Haare ständig in Konflikt mit Polizei und Dorfbewohnern, wobei Jorge Grau auch Anspielungen an Charles Manson und den Sharon Tate-Mord einfließen lässt. Wenn Lovelock die Strahlenmaschine zerstört, die für die Zombie-Invasion verantwortlich ist, wird er prompt für einen gemeingefährlichen Terroristen gehalten.

Formal besticht DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN durch eine erstklassige Kameraführung, die die einsame englische Gegend mit den grünen Hügeln und verlassenen Friedhöfen stimmungsvoll einfängt. Die Musik ist angenehm zurückhaltend, statt alberner Zombie-Masken setzt Jorge Grau auf interessante Gesichter (die Zombie-Darsteller sind hervorragend gecastet), und die Hauptdarsteller Lovelock und Galbo geben ein sympathisches Paar ab, dem man nichts Böses wünscht - was selten genug im Horrorfilm vorkommt. Christine Galbo ist nicht nur sehr attraktiv und verletzlich, sondern nach ihrer Mitwirkung im Kult-Klassiker "Das Versteck" (1969) und dem Wallace-Giallo "Das Geheimnis der grünen Stecknadel" (1972) eine europäische Horror-Ikone.
DAS LEICHENHAUS ist übrigens so sicher durchgstylt, dass nicht einmal die 70er-Kostüme abschreckend oder schrill wirken - Galbos Schwarzweiß-Outfit sieht heute noch klasse aus. Überhaupt ist dies ein Film, in dem ich den Gore überhaupt nicht bräuchte, er funktioniert ganz wunderbar als klassische Schauergeschichte und hat mit Sicherheit John Carpenter zu "The Fog" (1980) inspiriert. Zu bemängeln ist lediglich die deutsche Synchro, die seltsam unbeteiligt und fade wirkt.

Fazit: DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN sollte sich kein Horror-Fan entgehen lassen. Ich selbst - das gebe ich gern zu - konnte mit dem Film früher nicht viel anfangen, weil er mir zu langsam war und ich ihn nur auf verschrammelten VHS-Prints gesehen habe. Nun wurde er jüngst auf Blu-Ray veröffentlicht (Edition Tonfilm) und sieht fantastisch aus. Als ich ihn kürzlich so wiedersah, waren alle Vorbehalte nach einer Minute verschwunden, und ich kann mich nur der Meinung vieler Horror-Experten anschließen, dass dieser Film eine echte Perle des Genres ist. 

9.5/10


Kommentare:

  1. Ich würde mich davor hüten ihm eine solch hohe Punktzahl zu geben, aber auch ich gehöre zu den Leuten, die bei einer Neusichtung nach etlichen Jahren erstaunt waren, wie gut dieser kleine Film letztendlich ist. Man sieht diesem stilvolleren kleinem Horrorfilm einfach an, dass er vor der großen ersten Zombiewelle entstand und kein schneller Dreh war, um auf den erst hinterher erfolgten großen Erfolg mit aufzuspringen. Zudem guckt er sich wesentlich moderner, als der olle "Die Nacht der reitenden Leichen", dem man an seiner Gruselfilm-klassischen Art ansieht dass er vor "Dawn Of The Dead" und Co entstand. "Invasion der Zombies" hätte man vom Stil her auch als nach "Dawn Of The Dead" vermuten können, so vorausschauend war er.

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  2. Deswegen war die hohe Punktzahl auch ein sehr subjektiver Ausdruck meiner Begeisterung (auch wenn er jetzt kein "Citizen Kane" ist, aber das ist ja sowieso klar). Ich dachte immer, der Film wäre nach "Dawn" entstanden und war dann total platt, als ich das Produktionsjahr sah. Ein klasse Film! Gruß von Mathias

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  3. Danke, danke lieber Mathias...diesen Film hab ich schon so lange gesucht, nur wußte ich nicht mehr wie dieses B-Picture hieß, ich hab diesen Film vor vielen Jahren mal in der Mitternachtsvorstellung im Kino gesehen, ihn irgendwann dann vergessen und erst durch deine Rezension wiederentdeckt, weil mich deine hohe Punktzahl zum Kauf der DVD bewogen hat. Ich habe es nicht bereut, weil ich sehr schnell merkte, dass das genau dieser Film ist mit diesem Landstreicher Zombie am Fluß...LG Ray

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  4. Das, lieber Ray, sind für mich die schönsten Momente beim Bloggen! Da weiß man, wofür man es macht. :-) Freut mich, wenn ich Dir helfen konnte! LG, Mathias

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