Sonntag, 24. Februar 2013

Can't Stop the Music (1980)

Hier ist der Film, auf den die Welt in den 80ern (nicht) gewartet hat: eine musikalische Erzählung vom Aufstieg der 'Village People' zu Ruhm und Welterfolg!

Das erste, was man dabei denkt, ist vermutlich: wer braucht das denn? Und genau so sahen es auch die Kinozuschauer im Jahr 1980, denn mit einem Budget von 20 Millionen Dollar wurde CAN'T STOP THE MUSIC (Can't Stop the Music) zu einem der größten Flops in der Geschichte Hollywoods. Heute gehört dieses sinnbefreite, quietschbunte und völlig überproduzierte Kitsch-Spektakel zu den besten schlechten Filmen aller Zeiten, oder wie ich es nenne:
'The Sound of Music' meets 'Cruising'.

Der Film beginnt schlimm genug mit Hauptdarsteller Steve Guttenberg, der als erfolgloser Komponist seine Chance auf Erfolg wittert, als er einen DJ-Gig in einer angesagten Disco bekommt. Prompt schmeißt er seinen Tagesjob hin und macht einen Jubel-Ausflug durch die Stadt - auf Rollerskates und mit Transistorradio in der Hand! So rollt er während der (endlosen) Titelsequenz durch New York und erlebt crazy Sachen wie Schaufensterpuppen, die ihm zuzwinkern und Omas, die junge Männer mit Torten in der Hand ausrauben! Verrückt! Dabei grinst er die ganze Zeit so dümmlich, als hätte er eine Familienpackung Stimmungsaufheller geschluckt, und das geht bis zum Abspann so weiter - bei allen Mitwirkenden. Und der Film nimmt seinen Titel wörtlich - die Musik will einfach nicht aufhören.

Steve - dessen Rollenname nicht besonders subtil an den echten Entdecker der Village People erinnert - lernt also einen Musikproduzenten kennen und braucht jetzt noch ein paar Sänger, die seine Disco-Songs auf die Bühne bringen. Glücklicherweise hat seine Zimmergenossin (Valerie Perrine) viele gute Freunde, darunter - Achtung, jetzt kommt's - einen Indianer, einen Ledermann, einen Bauarbeiter, einen Cowboy, etc., etc. Und da sie alle aus Greenwich Village stammen, warum sie nicht einfach die "Village People" nennen? Irre! 

Was nun folgt ist eine Nummernrevue, die man gesehen haben muss, denn die 80er werden nicht umsonst als Jahrzehnt des schlechten Geschmacks bezeichnet. Da werden die Songs der Village People in unglaublichen Sets, mit Wahnsinns-Aufwand, Massen an Background-Tänzern und schrill-extravaganten Kostümen abgefeiert, als gäb's kein Morgen.
Nun muss man dazu sagen, dass die Village People ursprünglich eine Formation waren, die für die Gay Community zusammengewürfelt wurde (nicht schwer zu verstehen, wenn man sich die Pin-Up-Kostüme der Herren anschaut). Der Film aber will natürlich allen gefallen (das Geld muss ja wieder reinkommen), also gibt es im gesamten Werk keinen Moment, in dem das Wort "gay" ausgesprochen wird. Stattdessen aber gibt es an jeder Ecke leicht bekleidete Muskelkerle, die Kamera zoomt stets auf die Knackpos der Männer, und Nebendarsteller Bruce Jenner muss eine ganze Szene im bauchnabelfreien T-Shirt und abgeschnittenen Jeans auf Hodenhöhe hinter sich bringen. So viele Schnauzer, Brustbehaarung und Muckis hat man selten in einem Film gesehen. 

Der große Höhepunkt ist natürlich die "YMCA"-Nummer, die in einem - jawoll - YMCA stattfindet, wo die Village People und ihre Frontfrau Valerie Perrine singend und tanzend nackte Jungs in Umkleidekabinen 'überraschen', wo Sportler sich unter der Dusche die Handtücher auf den nackten Po klatschen, während Synchronschwimmer ein Wasserballett veranstalten, Boden- und Geräteturner durch die Luft fliegen, dass Leni Riefenstahl in Entzückung geraten würde, und wo sich Ringer schwitzend am Boden wälzen! Das ist mit Abstand die definitiv schwulste Musical-Nummer ever!  
Hätte ich den Film in der Pubertät gesehen, er wäre mein Lieblingsfilm geworden - so war es eben "Maurice" (1987), aber der hier macht eindeutig mehr Spaß.

Und da das Wort "gay" schon nicht mehr erwähnt werden muss, wundert es auch niemanden, warum keiner der männlichen Darsteller irgendeine Art von weiblichem Love Interest bekommt - nicht einmal Hauptdarsteller Guttenberg, und der gehört nicht mal zu den Village People. Guttenberg darf sich zwar gelegentlich ausziehen und nackt im Overall herumspazieren, aber seine nette WG-Partnerin verliebt sich in den Typ mit dem bauchnabelfreien T-Shirt.
Hatte ich schon erwähnt, dass es zwischendurch ein durchgeknalltes Casting gibt, weil noch ein Mitglied der Village People fehlt? Da steckt sich tatsächlich jemand beim Jonglieren in Brand - und das ist nicht das einzige heiße Höschen, das der Film bietet. Wahrscheinlich muss man den Film so sehen, wie die Macher ihn konzipiert haben - mit jeder Menge Drogen. Regisseurin übrigens war Nancy Walker, und das ist - richtig! - Tante Angela aus den "Golden Girls"!

Wenn man sich dran gewöhnt hat, wie unlustig und bizarr dieses groteske Spektakel ist, dann fängt es irgendwann an, gute Laune zu machen, und spätestens bei der Schlussnummer hält es mich nicht mehr auf dem Sofa - zu dem Song trägt der Indianer übrigens rosa Kopfschmuck und farblich passende Knöchel-Puschel! Oh mein Gott! Sein wippender Lendenschurz bekommt sogar eine Großaufnahme. Danke, Frau Walker! Der Abspann ist dann mit so viel Glitter (über den nochmaligen 'Höhepunkten' des Films) überzogen, dass man sich in der Herrentoilette des 'Studio 54' wähnt.

Ich empfehle CAN'T STOP THE MUSIC für fröhliche Video-Abende oder ESC-Partys mit Cocktails, Schnittchen, Käse-Igel, guten Freunden und im Doppelprogramm mit "Xanadu" (1980), der ebenso schlimm, aber mindestens genau so unterhaltsam ist.

08/10 (ja, ehrlich)

P.S. Wieso hat eigentlich der G.I. überhaupt keinen Text?


Eurovision Song Contest? Nein, die Village People! 
Man beachte den rosa Indianer-Kopfschmuck.


Kommentare:

  1. Mensch, Mathias, Du gräbst ja hier die Juwelen aus! (klingt auch schon wieder fast anstößig in dem Zusammenhang.) Und Tante Angela auf Droge? Stell ich mir witzig vor!

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  2. Mindestens so witzig wie das klavierspielende Huhn Count Bessie, das von Angela aus der Garage geholt wird... LG, Mathias

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