Dienstag, 15. Januar 2013

Stummer Schrei (1994)

In einer friedlichen Kleinstadt beobachtet ein autistischer Junge (Ben Faulkner) den Mord an seinen Eltern und wird vom örtlichen Psychiater (Richard Dreyfuss), der sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt hat (weil er - wir ahnten es - eine tragische Vorgeschichte hat, die dringend aufgearbeitet werden muss), in Obhut genommen. Zusammen mit der Schwester des Jungen (Liv Tyler) versucht er, das Kind von seinem Trauma zu befreien und den Mörder des Ehepaares zu finden. Dabei macht er eine unglaubliche Entdeckung und gerät selbst in Gefahr...

Autisten sind seit Dustin Hoffmans Darstellung in "Rain Man" (1988) aus Filmen nicht mehr wegzudenken. Ganz besonders in Krimis tauchen sie in schöner Regelmäßigkeit auf, weil sie einerseits den Hauptdarstellern Gelegenheit geben, ihre sensible, beschützende Seite zu zeigen (Bruce Willis etwa wirkt im Zusammenspiel mit Miko Hughes in "Das Mercury Puzzle" fast schon einfühlsam), andererseits können sie durch den erschwerten Zugang zu ihnen den Whodunit lange hinauszögern, was der Spannung zugute kommt.

Regisseur Bruce Beresford nahm sich mit STUMMER SCHREI (Silent Fall) des Themas an. Ihm gelang ein durchaus ansehbares Thriller-Drama, in dem vor allem die Schauspieler glänzen. Liv Tyler spielt hier ihre erste Filmrolle, nachdem sie zuvor nur in Musikvideos aufgetaucht war, und wenn man bedenkt, wie komplex ihr Charakter angelegt ist (anders als der kleine Bruder ist sie der eigentliche Schlüssel zur Lösung des Rätsels), zeigt sie eine hervorragende Leistung. Der Autist wird ebenso beeindruckend von Ben Faulkner verkörpert, und nach all den Kinderdarstellern, die Autisten bereits gut gespielt haben, muss man sich eventuell fragen, ob Dustin Hofmans Leistung vielleicht etwas überbewertet war - nur so ein Gedanke.

In der Hauptrolle überzeugt Richard Dreyfuss als Psychologe, der zunächst nichts mit dem Fall zu tun haben will, sich aber immer mehr hineinsteigert und schließlich selbst um sein Leben fürchten muss, als er der Wahrheit immer näher kommt. Manchmal übertreibt er es ein wenig, so wie beim ersten Zusammentreffen mit dem autistischen Jungen, wo der Film weniger eine Annäherung von Psychologe/Autist zeigt als mehr eine Dreyfuss-One-Man-Show, aber er besitzt genau die Wärme und Intelligenz, mit der sich der Zuschauer schnell anfreunden kann. Hätte man selbst das Verlangen nach einem Psychologen, würde man sich jemandem wie Dreyfuss anvertrauen wollen.
Auch die Nebenrollen sind mit klasse Mimen wie J. T. Walsh und John Lithgow (als Dreyfuss' Gegenspieler und Hassfigur) besetzt. Lediglich Linda Hamilton als Dreyfuss' Ehefrau wird vollkommen verschenkt. Schade, denn sie hatte zuvor gezeigt, dass sie sowohl mit Knarren als auch Killer-Robotern aus der Zukunft locker fertig wird. Hier steht sie nur in der Küche und bereitet ihrem Mann ein schönes Heim. Wann wird Hollywood es endlich lernen?

Bruce Beresford ist absolut kein Thriller-Spezialist (sein berühmtester Film ist und bleibt "Miss Daisy und ihr Chauffeur", 1989), aber er versteht sich auf Schauspielführung, Menschlichkeit und Atmosphäre. Seine Filme sind oft im Süden angesiedelt, und auch in STUMMER SCHREI kann er die ländliche Umgebung des Schauplatzes wunderbar in stimmungsvollen Bildern einfangen. Dass der Krimi da manchmal arg in den Hintergrund gerät, stört eigentlich kaum. Dafür schießt er am Ende etwas übers Ziel hinaus, wenn er ein ziemlich unglaubwürdiges Finale auf die Leinwand bringt, bei dem die Charaktere plötzlich übermenschliche Fähigkeiten entwickeln - da ich (mal) nicht spoilern will, gehe ich nicht näher darauf ein. 

STUMMER SCHREI ist im Kino leider untergegangen und deswegen auch bis heute nicht auf DVD erhältlich. Man wundert sich auch ein wenig über die schlechte Gesamtbewertung, die er z.B. in der IMDB erhält. Das Publikum der 90er wollte lieber geniale Serienkiller oder Sharon Stone mit Eispickel sehen, das steht fest. Gegen solch knallige Konkurrenz konnte sich ein leiser Film wie STUMMER SCHREI nicht durchsetzen. Er hat sicher seine Schwächen, hat aber die Zeit besser überdauert als so manch anderer. Weil er von Menschen erzählt, und nicht von Cartoons. Ich mag ihn.

7.5/10

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