Mittwoch, 23. Januar 2013

Red Eye (2005)

Fliegen ist nicht jedermanns Sache - ganz besonders nicht, wenn man einen unangenehmen Sitznachbarn hat, der entweder zu viel Platz beansprucht oder zu viel redet, oder aber droht, den eigenen Vater ermorden zu lassen, sollte man nicht unverzüglich seinen Anweisungen folgen und ein Attentat für ihn vorbereiten. Ich hasse es, wenn das passiert.
In Wes Cravens RED EYE (Red Eye) erlebt dieses Horror-Szenario die hübsche Rachel McAdams, die als Hotelmanagerin einen Nachtflug gebucht hat ohne zu ahnen, dass es sich bei dem netten jungen Mann neben ihr (Cillian Murphy) um einen eiskalten Terroristen handelt. Aber wie kommt man aus solch einer Lage, wenn man sich hoch über den Wolken befindet und niemanden um Hilfe rufen kann?

Mit "Red Eye" bezeichnen die Amerikaner Nachtflüge (nicht die roten Augen, die man - neben abgeschnittenen Köpfen - immer auf Familienfotos hat), und Wes Craven versucht sich hier als Mini-Hitchcock, indem er seinen Film überwiegend an einem begrenzten Schauplatz ansiedelt, so wie es der große Meister in Filmen wie "Das Rettungsboot" (1944) oder "Cocktail für eine Leiche" (1948) vorgemacht hat. Das Konzept wird natürlich nicht konsequent durchgezogen, da Cravens Thriller zu Beginn schon lange braucht, bis die Maschine überhaupt startet, aber auch da bedient sich der Regisseur bei seinem Vorbild und wendet dessen Kniff aus "Die Vögel" (1963) an, indem er seinen Film als romantische Komödie beginnen lässt, was die Zuschauer raffiniert verunsichert. Das Kennenlernen von MacAdams und Murphy in der Abflughalle, das nach klassischem Meet Cute gestaltet ist, folgt exakt den Regeln der RomCom (zufällige Begegnung, gemeinsames Erlebnis, Annäherung bei einem Cocktail, etc.). Umso überraschter ist man, wenn dann der Thriller losgeht, und der ist tatsächlich über weite Strecken extrem spannend - zumindest so lange sich die Maschine in der Luft befindet. So wie Colin Farrell in "Nicht auflegen" (2002) in der Telefonzelle feststeckt und um sein Leben fürchten muss, so muss sich MacAdams alles mögliche einfallen lassen, um aus ihrer misslichen Lage zu entkommen, während zu Hause ihr Vater (immer gut: Brian Cox) bereits von Auftragskillern bewacht wird, für den Fall, dass seine Tochter beim verbrecherischen Plan nicht mitspielt. Ebenfalls nach Hitchcocks Vorbild streut Craven immer wieder ein bisschen Humor ein (in Form der skurrilen Assistentin von MacAdams), um die Spannung aufzulockern.

Leider vertraut Craven der Situation im Flugzeug nicht so sehr, dass er seinen Film dort enden lässt und hängt ein lang gezogenes Finale dran, dass sowohl vollkommen unrealistisch als auch unlogisch ist und mit seinem Action-Aufwand den angenehmen Kammerspiel-Eindruck der ersten beiden Drittel verpuffen lässt - was dazu führt, dass man RED EYE am Ende als schwächer empfindet als er ist, denn der Mittelteil ist wirklich allerfeinstes Suspense-Kino. Neben den "Vögeln" gibt es übrigens auch noch zahlreiche Anspielungen auf "Der Mann, der zuviel wusste" (1956), wie etwa das zu verhindernde Attentat, bei dem sich unsere Hauptdarstellerin als starke Heldin beweisen muss. Wie sie das allerdings anstellt ist höchst unglaubwürdig. 
Rachel McAdams kann als ehrgeizige Hotelmanagerin überzeugen, Cillian Murphy ist ein klasse Bösewicht, der seinen Terroristen nie bis zur Karikatur überzeichnet und deswegen so furchteinflößend ist. Die beiden harmonieren gut miteinander und sind ein Filmpaar, das im Gedächtnis bleibt.

RED EYE ist ein knackiger, straffer Thriller ohne Schnörkel, der unter Cravens erfahrener Regie zum Überraschungshit wurde. Noch erfolgreicher war der zur selben Zeit entstandene "Flightplan" (2005). Der benutzt den gleichen  Schauplatz für einen ähnlichen Plot und kann immerhin mit Jodie Foster in der Hauptrolle aufwarten, aber die absurden Konstruktionen im Schlussteil sind dort noch enttäuschender als hier. Glaubwürdig sind beide Filme nicht, weil sie von Plänen erzählen, die in der Realität niemand ausführen würde (und die, selbst wenn, niemals klappen könnten, weil in der Rechnung der Finsterlinge viel zu viele Unbekannte vorkommen), aber für spannende Unterhaltung ist in beiden Fällen gesorgt. RED EYE ist mir aber im Vergleich sympathischer, weil er augenzwinkernder inszeniert ist und genau weiß, dass er albernes Entertainment ist, welches man besser nicht hinterfragen sollte.

7.5/10

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